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Wer ist eigentlich dieser Pop Freak?

Wer ist eigentlich dieser Pop Freak?

Für heute Abend steht alles in den Startlöchern: das Bier im Kühlschrank, das Merlin selbst und natürlich ein ausgefeiltes Bühnenprogramm, bei dem das Kulturzentrum im Westen einen immer besseren Hype-Riecher besitzt. Doch wer sind die Musiker und Bands zwischen den, zumindest hiesigen Konzert-Kreisen bekannteren Gruppierungen wie Dagobert (28. Januar), Voodoo Jürgens, Der Nino aus Wien (beide am 15. Januar und bereits ausverkauft), Gurr oder Wolf Mountains (beide am 21. Januar)?

Fangen wir mal von vorne an.

"Tobias Siebert beschwört mit Klez.e noch einmal die Melancholien von The Cure," sagt der Rolling Stone. Und dabei geht es dem zuständigen Redakteur voraussichtlich nicht um die Frisur des Frontmannes oder den Titel des aktuellen vierten Albums "Desintegration" (auf Deutsch ausgesprochen) sondern wohl eher um die Musik selbst. Traurigkeit, angehackte dumpfe Beats und Texte über die Liebe und deren Verlust. Klez.e aus Berlin begeistern sich seit jeher für westlichen New-Wave und vom Punk infizierte Popmusik. "Desintegration" definiert in der Soziologie einen fortschreitenden Zerfall, eine Auflösung eines bisher bestehenden Gesamtkonstruktes. Vor knapp 18 Jahren kam das gleichnamige Album von The Cure auf den Markt, kurz darauf desintegrierte sich die DDR, um in einem vereinten Land wieder Halt zu finden. Eigentlich komisch und wiederum traurig, dass viele Menschen aus diesen "neuen Bundesländern" bis heute wenig auf Integration schwören.
Zu sehen am 14. Januar im Merlin.

Disco-Pop und elegantes Songwriting in einer Person - das ist Masha Qrella. Die Berlinerin schreibt selbst, produziert selbst und ist dabei fühlbar direkt und transparent. Wenig Instrumente, viel Gefühl und Hang zur Perfektion bringt sie bei ihrem Album "Keys", das vergangenes Jahr erschienen ist, hervor.
„Please don't give me your keys / cause I don’t wanna have to give them back again,“ haucht Masha im Titelsong (siehe Video oben) und erhebt sich dabei mit saften Klängen aus einem Kopfszenario von Baustellen- und Straßenlärm. Am Ende erklingt das Surren eines Türöffner, vielleicht zu ihrem Herzen, das voller Liebe für Elliott Smith, Neil Young, Air und Metronomy schlägt.
Zu sehen am 18. Januar im Merlin.

Die Musikerin und Autorin Almut Klotz beschreibt in ihrem Fragment gebliebenen Künstlerroman "Fotzenfenderschweine" im Kern ihre Liebesgeschichte mit dem Musiker und Autor Reverend Christian Dabeler. Im Jahr 2013 haben die beiden geheiratet, zusammen haben sie zwei Bücher und zwei Alben geschrieben. In ihrem Werk greift Almut aber auch die aktuelle Indie-Pop-Szene und die darin enthaltenen Frauenrollen auf. Ihre Leidenschaft und ihre Offenheit für Text und Musik bleibt uns nach ihrem Tod vor vier Jahren in Buchform und in Form einer Lesung, die die Künstlerin Frau Kraushaar im Merlin halten wird. Anlässlich der posthumen Veröffentlichung von "Fotzenfenderschweine" spielt ihr Mann dazu live Songs aus "Lass die Lady rein", dem letzten gemeinsamen Album.
Zu sehen am 19. Januar im Merlin.

Einen Schweizer Abend bescheren uns Fai Baba und Blind Butcher. Fai Babas neues Album "Sad &Horny" klingt so verrückt wie verzerrt. Live wird er noch umtriebiger und spielt mal alleine, mal zu zweit, mal mit Band. Bereits fünf Alben, inklusive der aktuellen Platte, sind so seit 2010 entstanden. Der Züricher beschreibt sein musikalisches Schaffen selbst als "weird", dabei beleuchtet es immer wieder aufs Neue gänzlich unterschiedliche Gemütszustände. Nimmt man "Sad & Horny" als Beispiel, ist vielleicht die Thematik etwas traurig, dafür aber die Klänge durchwegs lasziv.
Einer andere Herangehensweise bedienen sich da Blind Butcher aus Luzern, die sich seit 2010 durch sämtliche Spielarten von Rock'n'Roll, Disco, Punk, Blues und Country arbeiten. Das Duo besteht aus Christian "Blind Banjo" Aregger, an Gitarre und Gesang und Roland "Oklahoma Butcher" Bucher an Schlagzeug, Bass Pedale und Gesang. Obwohl die beiden auch in Sachen Filmmusik und in anderen Bands überaus beschäftigt sind, beglücken sie uns im Merlin mit jeder Menge Stücken aus ihrer aktuellen Platte "Albino" und viel mehr.
Zu sehen am 20. Januar im Merlin.

Mit ihrem in Berliner Kreisen in den frühen Nullerjahren angesagten Mix aus Deutschrock, Synthie-Pop, NDW und Hits wie "Döner für Alle" oder "Wasser oder Wodka" bedienen Mittekill leider kein Klischee. Denn hinter der teils versifften Schnapsfassade schlummert eine ernsthafte Seite. Auf dem frisch veröffentlichten Album "Die Montierte Gesellschaft" beispielsweise beschäftigt sich Frontmann Friedrich Greiling u.a. mit dem Thema Zuwanderung und integriert auch Flüchtlinge in die Videoproduktion von "ABC" (siehe oben). Sänger der Türen und Staatsakt-Labelchef Maurice Summen erklärt die multifunktionale Band in drei Sätzen folgendermaßen: "Mittekill ist Musik für Menschen, die das Buffet dem Menü vorziehen. Hier liegt alles schön drapiert auf dem 10-Meter-Ausziehtisch: Chanson, Electronic und Rock. Immerzu mit echter Punkhaltung - gleichzeitig aus tiefer Demut heraus. Er bringt mir also vor allem ein Gefühl von Freiheit in einer Welt, in der man immerzu in EINE Ecke gedrängt wird."
Zu sehen am 26. Januar im Merlin.

Weil der Drummer der Berliner Indierockband Mondo Fumatore direkt nach der ersten Tour die Band verließ, schlugen die verbliebenen Bandmitglieder Mondomarc und Gwendolin dem fehlenden Klang ein Schnippchen: Sie schmissen den Computer an, um den verlorenen Trommler zu ersetzen. Inzwischen hat das Berliner Duo mit Endai Hüdl einen Drummer und gleichzeitig Synthiebediener zugleich. Mondo Furmatore arbeiten seit jeher mit absurden Klangcollagen, die sie mit Hilfe von Diktiergeräten, Billigsamplern und bunten blinkenden Maschinen auf ihren eigentlichen Indie Rock projizieren.
Der Yum Yum Club, der am 11. September 2016 bei einem Konzert von Yung Hurn in Stuttgart von Paul Abbrecht, Philipp und Julian Knoth gegründet wurde, fischt ebenfalls in wilden Gefilden. Aus Schlagzeug, Trompete und Bass wird ein spannendes Etwas aus Trap, Jazz und Nois, das sich selbst "No Trap" oder "Fake Jazz" nennt. Dada wird hier nicht nur gepflegt, sondern auch gelebt.
Zu sehen am 27. Januar im Merlin.

Soweit über alles informiert müsst ihr nur noch uns Merlin gehen und euch live von der Vielfalt der diesjährigen Pop Freaks überzeugen. Husch husch!

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
13. Januar 2017