Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

6. Maifeld Derby

Freitag, Samstag, Sonntag. An drei Tagen lieferte die sechste Ausgabe des Liebhaberfestivals der Extraklasse wieder bis ins kleinste Detail ab.

Freitag: Riot-Girls und verdiente Hypes.

Der Beginn dieses musikalisch ausladenden Wochenendes in Mannheim gestaltet sich lässigst. Die erste Band, zu der wir uns in den Vielfach aufgestellten Hängematten wiegen, nennt sich Mothers und macht Riot-Grrl-angehauchten Sound für Entspannte. Mit der nicht mehr ganz so brennenden Sonne füllen sich Gelände und Kehlen und ein erstes kleines Highlight namens Neufundland bäumt sich im Palastzelt auf. Solide covern diese "Halt dich an deiner Liebe fest" und sind in der Tat gut für das frühabendliche Festivalgefühl.

Komplett beim Maifeld Derby kommen wir bei Weaves an. Eine dreckige Seele mit gutem Herz in Form einer charismatischen Sängerin mausert sich nach wenigen Songs zum derbe heißen Scheiß. "Motorcycle" geht zackig in die Beine und bleibt den Rest des Freitags im Ohr. Anders als erwartet ist SG Lewis, der uns mit schlichten elektronischen Beats von unserem hoch tanzenden Ross etwas herunterholt.

Nach Liima, die mehr langsam als gediegen aufspielen, genießen wir mit einer großartigen Show zwischen knalligen Bässen und feuchtfröhlichen Melodien; gekrönt von den ausladenden Hüftschwüngen der begeisternden Dänin. Aber der Freitag hat noch ein paar Trümpfe im Ärmel, die unsere Auffassungsgabe noch bis auf's Äußerste strapazieren. Auf der Fackelbühne erwarten uns direkt nach ausgefeilte und mit Liebe zum Detail gesponnene Geschichten von Käpt'n Peng und seinen Tentakeln von Delphi.

Es ballert organisch und elektronisch bei den scheppernden Metz und dem hoch gehypten Flume, während wir einen Teil der Konzerte vor Mitternacht einfach mal entspannt beim Poetry Slam verbringen. Hier wird -- zurückgelehnt auf der Reittribüne -- dem Moderator ein gemeinschaftliches Ständchen gesungen, aus Konfettikanonen geballert und am Ende Rainer Holl aus Dortmund zum Slam-Sieger gekürt. Einen gebührenden Abschluss des ersten Maifeld-Tages gestalten Die Nerven im kleinen aber unerträglich stickigen Brückenawardzelt. Betont unmotiviert aber an den Instrumenten höchst einsatzbereit.

Das kleine Zelt platzt schnell aus allen Nähten, der Zuschauerraum so voll wie der Großteil der Besucher. Und doch bleibt genug Platz für saftige Drums und düsteres Geschredder, das ähnlich den ausgefeilten Projektionen die Decke hinaufkriecht. Für heute ist es genug. Der offene Himmel meint es ohnehin nicht mehr gut mit uns. Nass bis auf die Unterhose trudeln wir in unsere Schlafgemächer - freudig erregt auf die vielversprechenden nächsten Tage.

Samstag: Strahlender Regen und prasselnde Beats.

Heute gibt es ein großartiges Debüt zu feiern: The Great Joy Leslie, ein Zauberer, der in Sachen Eloquenz nicht zu überbieten ist, macht seine Späßchen mit dem vollbesetzten Parcours D'Amour. Im strahlenden Sonnenschein empfängt uns danach L'Aupaire wieder zurück auf dem Hauptplatz vor der Fackelbühne zwischen Palast- und Brückenawardzelt.

Überraschend wenig überzeugt hat uns Drangsal. In violettes Licht getaucht trägt er eigenwillige Ansagen vor sich her, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Bühne, obwohl das Palastzelt für die frühe Uhrzeit gut gefüllt ist, macht einen zu großen Eindruck. Die ohnehin ruhigen Stücke verlieren bei so viel freiem Raum an Wucht und wollen nicht richtig aus sich heraus. Gut, dass im Herbst wieder eine Clubtour ansteht.

Traumhaft, vor einer kurz einsetzenden Regenszenerie, spielen Okta Logue. Ein großer Haufen Maifeldianer genießt trotz Wolkenbruch den fetten 70ies-Sound der Frankfurter Band. Über das extrem nach vorne gerichtete kurze Set von Freiburg freuen wir uns danach trotz nasser Füße.

Bei Fins geht alles ganz schnell. Erst steht Andi Fins noch allein in der Liebeshöhle des Parcours d'Amour, dann sammeln sich ein paar Hände voll Besucher, die trotz Sitzplatzmangel zu Fins verträumtem Synthie-Pop ihren Sommergefühlen tanzend freien Lauf lassen wollen. Im Gegensatz zu Kadavar können Wolfmother im Anschluss einstecken. Die Band, die mehr aus Haaren als aus Gesichtern besteht, besticht mit einem satten Sound und stilsicherer Kleider- und Ventilatorwahl. Kadavar sind übrigens hauptsächlich wegen Pissed Jeans da. Was das Netzshirt des Drummers damit zu tun hat, erfahren wir leider nicht.

Explosions In The Sky locken vor Nordlichteffekten mit intensiven Instrumentalstücken, die uns über lange Zeit hinweg in ihren Bann ziehen. Das Gefühl, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, vermitteln kurz nach Einbruch der Nacht die Augustines. Herzblut, Drama und jede Menge Liebe wird unter freiem Himmel geboten - die New Yorker machen uns von Anfang bis Ende verliebt über beide Ohren.

Obwohl die erste Hälfte von James Blake leicht dösigen Charakter besitzt und "Limit To Your Love" nicht mal in einem Nebensatz Erwähnung findet, gibt der Brite in der zweiten Hälfte alles, um uns wie die ausladende Lichtshow zu flashen. Am Ende freut er sich über überschwänglichen Applaus und wir uns darüber, im Palastzelt bei ihm geblieben zu sein, als er mit wahnsinniger Präsenz und Leidenschaft in minimalistischer Manier die Bühne einnimmt.

Einen krönenden Tagesabschluss, wie auch am Sonntag des vorjährigen Maifeld Derby, bedeutet der Soundtrack zum Ausrasten von Kid Simius. Sogar eine Flamenco-Tänzerin in feuerrotem Kleid hat der Beat beherrschende Kerl im goldglänzenden Hemd in petto. Wie ein Affe hüpft er vor seinen Tasten über die Bühne, das Maifeld Derby verwandelt sich zum Dank in eine Horde wilder Pferde.

Sonntag: Heißer Scheiß und ein mächtiges Finale.

Noch am Mittag wird ins Palastzelt gerufen: Unwetterwarnung. Schon den ganzen Morgen ist der Himmel unter der Last der Wolken schier erstickt. Trotz mieser Aussichten können wir uns aber wenigstens Sara Hartmann nicht entgehen lassen. Das Wetter dankt es uns, denn gerade als die vorübergehende Warnung wieder aufgehoben wird, ist es draußen himmlisch trocken und in der klaren Luft legt die sympathische Lockenmähne namens Hartmann ungehindert los.

Prächtig prangert im nächsten Termin im großen Palastzelt der Schriftzug Suuns in knuffigen Lettern auf der Bühne. Düster versinken die Bandmitglieder hinter ihren Instrumenten und bescheren uns einen Moment innerer Ruhe. Kontrastprogramm gibt es im Anschluss von Algiers, die uns von einer zur nächsten Sekunde wegblasen. Wider Erwarten macht die frische Brise das Ganze noch geiler.

"Eins, zwei, drei, Fotze!" spucken die Boxen auf der kleinen Brückenawardbühne es plötzlich aus. Kurz und knapp hauen Isolation Berlin einen über verflossene Liebschaften und den Hauptstadtblues raus und verschwinden zehn Minuten vor Ende ihrer Spielzeit vermutlich wegen dezentem Luftmangel aus unserem Sichtfeld. Battles warten kurze Zeit später mit einigen Bassspielereien, aber ohne vollständigem Bassisten mit abenteuerlichen Samples und einem Sack voller gute Laune auf.

Bei Boy und Dinosaur Jr. wird es zuerst poppig soft und dann herzhaft gitarrenlastig. Obwohl vor noch gar nicht langer Zeit live gesehen, schaffen es die beiden Mädels erneut, das Publikum mit ihrer Authentizität anzustecken. Alles klatscht, singt mit und freut sich über ein einfach schönes Konzert. Dinosaur Jr. greifen saftig in die Saiten und bescheren uns ein endlos wohltuendes Gefühl des Altbekannten, trotz vieler Songs des relativ neuen Albums.

Noch vor dem finalen Konzert von Daughter zieht zum zweiten Mal an diesem Tag ein Unwetter herauf. Was für den ein oder anderen ein kleines Versäumnistränchen zu verdrücken heißt, bedeutet für den Rest eine perfekte Kulisse für tiefschürfende Melodien und grollende Rhythmen. Der Applaus verhallt in trommelnden Regengüssen an der Außenwand des Palastzelts und alle fühlen sich trotz verrückt spielendem Wetter wohl.

Wir schließen die Augen, genießen die letzten Takte und träumen von lauen Sommernächten und dem nächsten Maifeld Derby. Dann hoffentlich mit weniger Sperenzchen in Sachen Wetter, aber ebenso spannenden Neu- und Wiederentdeckungen, die das wohligste aller Liebhaberfestivals auch im sechsten Jahr wieder zu etwas ganz Besonderem gemacht hat. Chapeau!

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
07. Juni 2016
Boy Boy
Indie, female vocalists, indie rock, german, canadian
Battles Battles
math rock, experimental, seen live, post-rock, instrumental
Minor Victories Minor Victories
post-mogwai, Slowdivecore, alternative rock, indie rock, dream pop
Flume Flume
electronic, chillout, instrumental hip-hop, seen live, australian
AUGUSTINES AUGUSTINES
Indie, rock, indie rock, folk, lastfmsc
Kadavar
psychedelic rock, stoner rock, death metal, hard rock, german
Ogoya Nengo & The Dodo Women's Group
Keren Ann Keren Ann
female vocalists, french, singer-songwriter, Indie, chanson francaise
SG Lewis SG Lewis
chillwave, electronic, Mcsclion Channel, electropop, all
Mothers Mothers
athens, seen live, folk, singer-songwriter, acoustic