Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Burning Eagle Festival 2016

Friede, Freude, gute Musik.
(Ein Gemeinschaftsbericht von Bettina Marquardt und Amelie Köppl.)

Tag 1: Der Freitag auf dem Ländle.

Wieder gibt es keine Restposten des Kartenkontingents - wieder ausverkauft mit 800 sich-glücklich-schätzenden Bändchenträgern. Um 15:00 Uhr ist Einlass, also noch eine Stunde Zeit, um den Duft der Essenbuden einzusaugen, das liebevolle Ambiente wirken zu lassen, ein erfrischendes Willkommensgetränk zu fassen und diverse Lieblingsspots Probe zu sitzen.

Bespielt werden die beiden gegenüberliegenden Bühnen „Bogak Stage“ und „better2gether Stage“. „Bogak?“, fragst du dich, „Was ist ein Bogak? Und wenn ja: warum? Wie flechte ich meine Zunge um diese Buchstaben?“. Die Antwort folgt alsbald: Schon einmal einer Henne beim Artikulieren ihrer Rufe gelauscht? Das ist ein ‚Bogak‘. Andernfalls steht dieses lautmalerische Wort für einen Gruß unter Freunden, eine Verabschiedung mit einer winzigen Träne im Augenwinkel, einer gesprochenen Umarmung. So oder so ähnlich.

Leon Francis Farrow
Auftakt machen Leon Francis Farrow. Die vier Indie-Folk-Rocker aus Berlin tauchen das kreisrunde Gelände in der Nähe des Umweltbildungszentrums Listhof mit seinen Hüttchen und Ständen in retromanische und zurückhaltend klingende Gitarrenklänge. „Give it some times it’s gonna be alright“ ertönt und in meinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus in Anbetracht der kommenden Zeit. Der Adler hat Feuer gefangen.

lilly among clouds
So wird das jetzt noch so einige Male gehen — kaum ist die Band fertig und hat vielleicht noch 'ne Zugabe gespielt, packt man seine Schuhe, Decke und Trinkutensilien und schlendert rüber zur anderen Bühne, um dort das Prozedere in umgekehrter Reihenfolge durchzuführen. Um 17 Uhr geht es also weiter mit lilly among clouds. Sie ist eine Schönheit, sowohl optisch, als auch stimmlich; Gänsehaut kriecht so manches Mal meine Arme entlang, wenn die zierliche Dame mit ihrer unerwartet wuchtigen Stimme die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mit wunderbar rollendem "R" moderiert die Würzburgerin ihre Piano-Pop-Songs an, die doch recht melancholisch und ernst scheinen. Perfekt für dieses Wochenende, wenn auch nicht für meinen MP3-Player.

Das hier ist das Material, woraus typische Teaser-Filmchen mit warmen Filtern und softer E-Musik gemacht sind — Wimpel- und Lichterketten, verzierte Wegweiser „zum Glück“, in Zeitlupe wehendes Geäst, lachende, sich küssende Menschen, Licht, das sich den Weg durch Bäume bahnt und Gesichter erhellt, flanierende oder dösende Festivalbesucher… Es ist ein Leichtes, solche blumigen Worte zu schreiben, das tut ihrem Wahrheitsgehalt aber sicher keinen Abbruch. Das ist das Burning Eagle.

FABER
Faber? Ich habe mit schnulzigem Singer-Songwritertum gerechnet, von dem es sicherlich schon genug in deutschen Gefilden gibt. Weit gefehlt. Conclusio: Man traue den BEF-Bookern! Faber sind herrlich abwechslungsreiche, schwungvolle Multitasker (ich hab noch nie jemanden Schlagzeug und Trompete simultan spielen sehen!), zwei Schweizer mit ihrer eigenen Perspektive auf die erwähnenswerten Dinge. Gesellschaftskritisch („Wer nicht schwimmen kann, der taucht“), dann wieder träumerisch („Bleib dir nicht treu“) oder derbe („Wem du’s heute kannst besorgen, dem besorgst du’s morgen auch“), aber immer verzahnt mit (Selbst-)Ironie und kluger Wortwahl. Der Shit!

Garda
Baff. Ich bin noch baff. Erst mal eine Weißweinschorle vom Schlükk-Stand. Kings of Convenience schallen wie bei so mancher Umbaupause mit wohligen Harmonien über den Platz. Mrs Cold kommt aus den Boxen und die Sonne wird träger.

Wie nennt man drei Streicher, zwei Gitarristen, einen Bassisten, einen Pianisten, ‘nen Drummer und ’nen Pedal-Steel-Gitarristen? Ich hab keine starke Antwort parat, sie nennen sich allerdings Garda.
Was da auf der Bühne passiert, lässt sich gut mit ihrer eigenen Wortwahl umschreiben: „Balladen zerbrechen am Ende in einer Wand aus Noise“. Neben mir sitzen zwei, die sich lautstark über das abgesagte Stuttgart Festival unterhalten und sich über das Ding mit den Karten echauffieren. Ich tausche meine lauten Sitznachbarn gegen den kleinen Bub, der mit quietschigen Ohrenschützern im Schoß seines Papas liegt und relaxt (Wie kann man sich nur so hart gönnen? Neid.) und höre entzückt zu, wie ein kleines Mädchen mit entsetztem Blick mit ihrem Papa schimpft, der ein Schluck Bier trinkt: „Wie trinkst denn duuu?!“.

Aidan Knight
Langsam senkt die Sonne ihr strahlendes Haupt. Den Soundtrack dafür liefern Aidan Knight mit ruhigen Melodien, entspannter Rhythmik und vielen Momenten des schweigend Zurücklehnens. Das Gelände offenbart mit zunehmender Dunkelheit immer mehr Schönheit: Kleine Lichterketten in den Bäumen, scheinbar schwebende Kerzen im Buschwerk und ein Teppich von bunten Decken umrahmen die lächelnden Gesichter der Gäste.

Dan Mangan
Dieser Man packt uns. Nicht mit Gewalt, aber mit seiner Stimme. Dan Mangan beginnt sogar etwas früher, so reibungslos läuft hier alles. Gut für uns, schließlich bedeutet das 20 Minuten mehr leidenschaftliche Songs wie "Vessel" oder "Rows of Houses" und kleine Anekdoten von Dans angenehmen Festivalleben hier in Reutlingen. Heute Mittag etwa wurde er, in der Sonne alle Viere von sich streckend, von zwei liebenswerten kleinen Jungs geweckt, weil sie ein lautstarkes Wettrülpsen vor ihm abhielten. Herrlich.

Martin Kohlstedt
Fades Instrumental? Pianolastig? Alles, nur nicht das. Martin Kohlstedt holt uns als finaler Act des ersten Festivaltages genau dort ab, wo uns Dan Mangan sehnsüchtig in die Nacht entlassen hat. Er spielt, fühlt, greift ein und lässt los. Fast alle noch verbliebenen Gäste haben sich vor der kleinen better2gether Stage versammelt, um ihm gebannt zu lauschen. Manche schließen die Augen, manche bewegen sich mehr oder weniger ausdrucksstark im Takt. Die Magie liegt vor allem in der Stille, die sich erst nach dem letzten verhallenden Ton in tosenden Applaus auflöst. Was für ein gelungener Abschluss des ersten Festivaltages beim Burning Eagle Festival!

Tag 2: Fühlt ihr es auch?

Guten Morgen, du schöner Tag! Trotz etwas schwerem Kopf von der ganzen delikaten Bückware (Danke, Ronny!) am vergangenen Abend, strahlt der Samstag, als wäre nichts gewesen. Eine leichte Brise rauscht durch die Baumwipfel und die ersten haben es sich bereits mittags im kleinen Gärtle auf einer Decke bequem gemacht. Entweder, um noch eine Runde zu nickern oder sich die erste Portion Süßkartoffelchips zu genehmigen.

Morphil
Den Konzertreigen eröffnen heute eine Gruppe von Lokalhelden namens Morphil. In fröhlich gemischter Besetzung (groß, klein, älter, jünger) und mit starker Gesangsstimme klingt in jeder Zeile Leidenschaft für ihre Musik mit. Ein idealer Beginn für den zweiten Burning-Eagle-Tag.

Frére
Der Wind weht uns sanft um die Nasenspitzen, die Sonne wärmt unsere Köpfe und Fréres zarte Gitarrenstücke gewinnen genau in diesem Moment an Bedeutung. Mit zarter Stimme trägt der junge Blondschopf sich im Spiel wiegend seine Songs vor. Ohne Band aber mit umso mehr Herzblut. Kleines Highlight sind seine kurzen Ansagen, in denen Unsicherheit und unfreiwillige Komik mitschwingt. ("Vielleicht bewerft ihr mich mit irgendwas, dann kann ich darauf mit meiner Ansage reagieren.")

Der Ringer
Wenn der sommerlichen Wärme heute etwas der Place-To-Be ist, dann der Halbschatten. Passend dazu: Der Ringer. So ganz sind wir uns nämlich nicht einig, ob der Hype um diese Jungs tatsächlich gerechtfertigt oder eher halbgar ist. Der Sound ist wuchtig, aber der Autotune über einer der Gesangsstimmen ist zu viel des Guten. Vor allem zu Beginn ihres Auftritts macht sich die Band eher einen Namen mit viel Effekthascherei. Doch trotzdem sind die düsteren, hallenden Songs anziehend. Sie laden nicht zum Tanzen ein, aber zum aufmerksam lauschen. Wir geben Der Ringer noch eine Chance und sind gespannt auf einen nächsten Auftritt, bei dem ihr Hang zu wavelastigen Klängen nicht ganz so gewollt erscheint.

William The Conqueror
Die vielleicht größte Überraschung an diesem Tag ist William The Conqueror. In unseren Köpfen als schlichter Folkmusiker abgespeichert, bietet er gemeinsam mit einer talentierten Bassistin mitreißenden Bluessound, die die ersten Gäste schon am Nachmittag zum Tanzen verleiten. Langsam läuft das Bier wieder, die letzten Snacks sind vertilgt und die Tanzbeine bereit für den anbrechenden Abend. Niemand braucht hier Mumford & Sons.

L'Aupaire
Jetzt kommt sie, die Romantik. Sogar L'Aupaire selbst behauptet dies. Die Sonne wirft ihre Strahlen durch das hohe Geäst des Mischwaldes, die leichte Brise ist nach wie vor nicht versiegt und fast alle Anwesenden schmachten hinauf auf die Bühne, die in ähnlichem Blattgrün getaucht ist, wie das Festivalgelände. Wir lauschen "Flowers", "I will do it all again" oder "The River" und so gut wie alles ist perfekt.

Black Oak
Man kann die Stimme von I Am Oak nicht nicht lieben. Sie ist weich und rau zugleich, schmeichelt sich in den Gehörgang und wird angereichert durch den leichten sowie hohen Gesang des seltsam forschen Frontmannes von The Black Atlantic. Zwei Gitarren, ein Bass und ein Drummer machen das Paket für den noch jungen Abend rund. So rund, dass das Publikum sogar ein großes Lob für den längsten Applaus einheimst, den ein Festival einem Künstler geben kann.

Trümmer
Zum Anbruch der Nacht hallen poppige Klänge á la Trümmer von der Bogak-Stage. Für die einen ist es schmieriges Geschwafel, für die anderen eine Reinkarnation der guten alten Hamburger Schule. Auf jeden Fall aber hat sich der Großteil der insgesamt 800 Festivalbesucher von ihren Plätzen erhoben, um sich, wenn auch nur in berieselnder Funktion, von Trümmers Musik bewegen zu lassen.

We Are The City
Im Anschluss wird es verrückt. Gitarreneffekte stolpern, der Bass fetzt die Boxen und der Lichttechniker gibt alles. We Are The City bieten eine fast überwältigende Bandbreite an Melodien, vorgetragen mit einer an diesem Festival selten gesehenen Inbrunst. Obwohl danach noch ein letzter Act ansteht, macht sich das Gefühl eines gelungenen Finales breit. Daran ändert übrigens auch die Ansage wegen angekündigten Unwettern nichts, die uns dieses Jahr bei jedem zweiten Festival heimsucht. Schöne Sache!

Vil
So wie schon am Freitag fungiert der finale Act auf der kleinen Better2Gether-Stage erneut als Entspannungskur. Zartes Pianogeklimper schmiegt sich an die gefühlvolle Stimme von Maria Bay Bechmann und einen Platz weiter dreht Julius Rothlaender stumm an den Effektgeräten. Die Redewendung "ausklingen lassen" bekommt an dieser Stelle eine neue Facette geschenkt.

In selbstverständlicher Stille verharren die noch übrigen Gäste zwischen Bäumen und Decken. Alle lauschen noch eine letzte Weile, genießen noch ein Glas köstlichen Wein oder stillen ihren späten Hunger mit einem letzten Stück leckeren Maultaschen-Rotkraut-Dinnede. Am Ende bleibt nur ein Dankeschön an die Veranstalter des Burning Eagle Festival, die spürbar jedes Tröpfchen Herzblut in diese Veranstaltung geben, um sie für alle so idyllisch zu gestalten, wie sie ist. Auf keinem Platz der Welt leben musikliebende Menschen an zwei Tagen in solcher Eintracht und Geborgenheit wie an diesem kleinen Waldstück bei Reutlingen. Hier wird nämlich nicht nur an das musikalische und das kulinarische Wohl gedacht, sondern permanent das Gefühl vermittelt, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Text: Amelie Köppl & Bettina Marquardt

Text:
Geschrieben am
30. Juli 2016
Dan Mangan Dan Mangan
canadian, singer-songwriter, folk, acoustic, Indie
Trümmer Trümmer
rock, pop, german, alternative, indie pop
Martin Kohlstedt Martin Kohlstedt
under 2000 listeners, martin kohlstedt, schlau machen, klavier, martin
Aidan Knight Aidan Knight
canadian, folk, singer-songwriter, canada, canadians
Black Oak Black Oak
metalcore, alternative rock, progressive metal, folk punk, female fronted
Lilly Among Clouds Lilly Among Clouds
female, singer, songwriter, german
Willam The Conquerer
Faber Faber
seen live, canadian, swiss, rock, punk
der Ringer der Ringer
seen live, indie rock, german, Indie, indie pop
Garda
Indie, seen live 2013, seen live 2012, singer/songwriter, folk