Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Kosmonaut Festival 2015

Die Kosmonauten kommen nach Kemnitz.

"Schön' gudn daach, de Fahrscheine bidde". Während ich am klappernden Seifenblasenbehälter vorbei nach dem Zugticket in meiner Tasche wühle, rieselt sachte Konfetti auf den Boden des Abteils auf und neben meine mit getrocknetem Matsch besprenkelten Schuhe. Häuser ziehen an mir vorüber und am Himmel wechseln sich dicke, weiße Wolken und strahlend blauer Hintergrund ab, während ich die vergangenen zwei Tage Revue passieren lasse...

Freitag. Am Chemnitzer Hauptbahnhof warten bereits einige Baldkosmonauten auf den Spaceshuttlebus Richtung Festivalgelände. Am Stausee Oberrabenstein angekommen heißen uns riesige Kosmonautenaufsteller am Eingang und Thees Uhlmann auf der Hauptbühne willkommen. Mit dem ersten, vier Taler teuren, kleinen Bierchen in der Hand wandert mein Blick vom singenden Hamburger auf der Bühne über die sich kräuselnde Wasseroberfläche des friedlichen Stausees, an dessen Ufer in großen Lettern KOSMONAUT geschrieben steht und sich im Wasser spiegelt. Ein Tretboot und zwei Arschbomben kreuzen meinen visuellen Lagecheck. Ich beschließe mich heute lieber von Innen abzukühlen und die Arschbombe auf morgen zu vertagen. Ganz schön liebevoll gestaltetet ist das hier. Zu futtern gibt's auch genug. Ui, ein Trampolin!
Gewohnt lässig und charmant gibt der Herr Uhlmann vorne seine Lieder zum Besten, die in der weiblichen Publikumsfraktion den größeren Anklang finden. Bei Tomtes Schreit den Namen meiner Mutter senkt sich die Mitsingtonlage um mich herum um eine Oktave. Hier und da werden die Bierbecher in die Luft gestreckt und sich in den breiten Armen gelegen.

Die Pause nutzen die meisten Kosmonauten mit Mutmaßungen ob des Geheimen Headliners. Deichkind und Casper fallen am häufigsten.

Vorher wird allerdings erstmal die Boombox der Beatsteaks auf Anschlag gedreht. Verletzungsbedingt mit Altherrenkrückstock hat Sänger Arnim auch bewegungseingeschränkt genug Charisma und Bock, um die zahlreich versammelten Kosmonauten zum Springen zu bewegen. Hits. Hits. Hits. Die Berliner rocken ihr Set sauber und lassen keine Songwünsche offen. Trotzdem keine Zugaberufe. Hä? Ob es den Kosmonauten nicht gefallen hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Ein bisschen müde wirkt die Stimmung schon. Wobei es "entspannt" wohl besser träfe.

Das soll sich aber gleich ändern. Hinter einem schweren, schwarzen Vorhang wartet der Geheime Headliner. Die Bässe ballern, der Vorhang fällt und die Kosmonauten freuen sich von Level zu Level über Marteria, der sein Alter Ego Marsimoto und Kumpel Casper mit im Gepäck hat.

Anschließend übernimmt Marterias DJ Kid Simius an der noisey-Bühne die Turntables und kreuzt phantasievoll und gekonnt Sounds vom Plattenteller mit handgemachten Klängen aus Gitarre, Melodika und Theremin. Im fliegenden Wechsel übernehmen später die Drunken Masters die springende, endorphingeschwängerte Meute, bis die Wolken wieder lila sind.

Der Samstag beschließt verregnet zu sein und ich im Zuge dessen auf Jesper Munk und schweren Herzens auf Talking to Turtles zu verzichten. Pünktlich zu den eingängigen Melodien der Belgier von Balthazar bekommt Samstag bessere Laune und hört auf zu weinen. Der Himmel reißt auf und einige Kosmonauten sich die Kleider vom Leib. Ich vertage die Arschbombe auf nächstes Jahr und hole ein Bier, während die Future Islands die Kosmonauten mit tanzbarer Musik sowie Bühnenpräsenz inklusive Samuel T. Herrings lasziven Hüftschwüngen versorgt. Diese möchten allerdings lieber noch entspannen als tanzen. Da kann sich Max Richard Leßmann von Vierkanttretlager im gelben Hemd und Frisennerz noch so verausgaben und mit der nun breit grinsenden Sonne am Himmel wettleuchten. Die Kosmonauten möchten noch nicht laut sein.

Und endlich sagt das mal einer: "Ihr seid das leiseste Festival", stellt Henning May mit Schuhen am Mikrofon fest. Und der muss es wissen, spielt die Band diesen Sommer nahezu jedes Festival zwischen Dänemark und Bodensee und kreischten uns deren Stuttgarter Fans jüngst schier die Ohren vom Stamm. Viele Songs, "die es eigentlich noch nicht gibt", sowie die Lieder, mit denen die drei (heute fünf) via YouTube bekannt wurden, sind dabei und sorgen hier und da für Gänsehaut.

Nebenan rappt die Antilopen Gäng anschließend etwaige Hühnerhaut von den Gliedmaßen und zeigt sich neben all der guten Laune politisch. Gut angeheizt pilgern die Kosmonauten nun fluchtartig zur Hauptbühne, wo K.I.Z. sie bis in die letzte Reihe aus ihrer Tiefenentspannung reißt.
Ein stetig mehr wippender Teppich aus Händen bedeckt das Gelände, während die ersten Bengalos brennen, Bierbecher fliegen und man das Gefühl hat, die fast durchgängig textsicheren Raumfahrer haben nur auf diesen Auftritt gewartet. Da juckt auch der nun wieder einsetzende Regen nicht. Im Matsch springen hat ja schon als Kind Spaß gemacht.

Noch ein paar Lieder bei Malky gegrooved geht's zum Endspurt der Lokalmatadore und gleichzeitig auch Veranstalter dieses fabelhaften Festivals: Kraftklub feiern den Abschluss eines durchweg entspannten, liebevoll organisierten Familien- und Freundetreffens im Kreise ihrer Kosmonauten und am Rande einer Stadt, die man an diesem Wochenende eigentlich mit K schreiben sollte.

Text:
Isabel Thalhaeuser
Geschrieben am
28. Juni 2015
Beatsteaks Beatsteaks
rock, punk rock, german, alternative, punk
Kraftklub
Indie, german, electronic, randie pop, chemnitz
K.I.Z. K.I.Z.
rap, deutschrap, hip-hop, german, hip hop
Future Islands Future Islands
electronic, new wave, experimental, electro pop, neo soul
Wanda Wanda
indie rock, austrian, dutch, nederlands, female vocalists
Thees Uhlmann
singer-songwriter, german, Indie, grand hotel van cleef, hamburg
AnnenMayKantereit AnnenMayKantereit
german, Indie, laid back, deutsch, chillaxing
Fink Fink
Indie, singer-songwriter, downtempo, ninja tune, chillout
Jesper Munk Jesper Munk
blues rock, singer songwriter
Egotronic Egotronic
electropunk, electronic, electro, german, antideutsch