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5. Maifeld Derby - Freitag
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5. Maifeld Derby - Freitag

Das Leben ist ein Ponyhof oder: Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd.

Unschöne Erkenntnis: das Wochenende ist schon wieder vorbei. Das gute Gefühl beim Rückblick und das Konfetti im Haar, sowie Glitzer auf der Haut bleiben (It’s not the glitter on the outside that counts, it’s the glitter on the inside!). Es ist mein erstes Mal Maifeld Derby, die Eröffnung meines persönlichen Festival-Sommers und dafür schlichtweg grandios. So viele schöne Menschen, musikalische Neuentdeckungen, familiäre und euphorische Leichtigkeit. Doch eins nach dem andern, mit mir gehen schon die Pferde durch (weitere Wortwitze werden folgen - sorry not sorry).

Den Auftakt des Festivals macht um 16:30 Uhr die Mannheimer Band Clayd, welche ihre Musik als Mischung aus Muse und ähnlichen Alternative-Rockpropheten beschreiben. Leider bleibt es vielen Nachzüglern, die ihre Zeit auf der verstauten Autobahn zubringen dürfen, verwehrt, diesem Konzert beizuwohnen. So auch mir. Noch am Einlass festgehalten locken aus der Ferne Klänge der australischen Indie-Pop-Band Tora, während ich mich von den im Takt wackelnden Pferdchen-Wimpeln in einen Zustand der Glückseligkeit sinniere.

Der erste Gang über das mit Gastroständen und Begegnungen besonderer Art gespickte Gelände ist schnell getan und ein erster Überblick über die Infrastruktur und Anlaufstellen für Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Nikotin, Kleidung, einfach-mal-wieder-in-einer-Schlangestehen und das neue Party-Outfit mit Statement-Shirt (aka. Merchandise) schnell verschafft. (Ich meine: Ramones-Shirts kriegt man in jedem H&M, ein richtiges Festival-Andenken sollte schon die Anekdoten-Eigenheit „Hab ich auf dem xy letztes Jahr gekauft“ enthalten. So viel dazu.) Das Zelt für die Nacht ist aufgebaut, die Zelt-Community abgecheckt, Proviant für die Nacht eingepackt (Knicklichter, Glitzer, Seifenblasen), die erste Runde Flunkyball gewonnen und die Crew für die ersten Konzerte zusammengestellt. Los geht’s!

Es ist 19:00 Uhr, noch ein wenig Zeit bis zum persönlichen Geheimtipp dieses Sommers: Ghostpoet. Schnell noch einmal Glitzer aufgetragen, das Konfetti im Haar sortiert und das Aufklebetattoo gecheckt. Fesch! Seitlich nach ganz vorn an die Bühne gehuscht. Vorteil: man sieht so gut wie alles. Nachteil: eventuell nicht so ausgeklügelte Akustik, da recht einseitig. Dennoch auch auf diesem Konzert ein klarer Gewinn. Die fetten Ringe an Ghostpoets Hand glitzern um die Wette mit der riesigen, gold bestrahlten Diskokugel an der Decke des Palastzelts. Seine geschmeidigen Moves machen sich lustig über den ein oder anderen Zuhörer, der den Beat noch Sucht. Ein Blick ins Publikum verrät mir, dass viele geflasht sind, da sie so eine Stimme nicht einordnen können und den Überraschungs-Act für ihre post-Festival-Erzählungen gefunden haben. Ghostpoet ist cool, Ghostpoet ist authentisch und offen mit
seinem Publikum („You want beer? I can’t give you beer, I only have one. I can’t feed everyone.“). Das hohe Ross hat er zuhause gelassen … quasi. Mein Liebling "Off Peak Dreams" kommt kurz vor Ende. Es ist eines dieser Lieder, die dem Zuhörer die Wahl zwischen flotten und sehr ruhigen Tanzbewegungen lassen. Ich bin dankbar, viele anderen suchen immer noch den Beat. Die Lücken in der Meute werden von satten Bässen gefüllt.

So richtig lauschig-kuschelig wird das Maifeld Derby dann für mich auf dem Parcours d’Amour, als Autor Arnold Stadler mit schneller Zunge und gemütlicher Stimme aus seinem Roman vorliest, immer wieder unterbrochen, untermalt und gezeichnet von ausgewählten Stücken der Gruppe Get Well Soon. Gerade erst angekommen, kündigen diese bereits das Ende der Show an. Man kann nicht alles haben. So warte ich auf den nächsten Act aus Irland, die 18-Jährige Soak. Punktuell bekannt durch ihren Song "B a noBody" besticht die junge Frau mit dem schrägen Haarschnitt, versteckt hinter der ein oder anderen Gitarre mit einer scheinbar grenzenlosen Stimme, die klingt, wie wenn ich wieder zu viel gröle und mich selbst am nächsten Tag nicht wieder erkenne. Man möchte sie in die Arme schließen, diese Soak, aber überlegt es sich dann anders, weil sie in Wahrheit viel erfahrener und selbstbewusster ist als man selbst. Ich unterdrücke den Impuls also, auf die Bühne zu klettern und sie zu herzen, schenke ihr stattdessen meine Anerkennung in Form von Seifenblasen. Ja, Soaks Musik geht nicht nur ins Ohr, sondern auch Indie-Herzen. Haha. („I just don’t understand what her problem is, I think she’s just a fish.“) Den letzten Seufzer geseufzt und gnadenlosen Applaus applaudiert, geht es dann hurtig in das große Zelt, das Palastzelt, um den Schlusstakten von und zu Knyphausen zusammen mit der Kid Kopphausen Band performend zu lauschen.

Das Zelt ist voll, die Menschen noch nicht allzu sehr, wenn doch, dann wohl mit Liebe und wie ich mir sagen ließ Zufriedenheit. Ich habe wohl eines der wichtigsten Konzerte verpasst. Wie noch einige Male auf diesem Festival („Ooooh, du hast was verpasst, das war das BESTE Konzert“). Die weiteren geliebt-berüchtigten Bands folgen im Galopp: Allah-Las, José González, Say Yes Dog bespielen Palastzelt und die Fackelbühne, während andernorts unterhaltsame Kurzfilme vorgeführt („Kennst du die Band Kurzfilme?“) und deutschsprachige Musik verbreitet wird wie die von Manu Delago Handmade,
Orbit The Earth und Love A. Meine Konzertwahl fällt auf die erste "Band-Breite". Kalifornische Surfermukke? Hell yeah! Gesurft wurde zu den Allah-Las nicht nur im Kopfkino, sondern auch in/auf der Crowd, die Blüten dufteten nicht nur vom Kopfschmuck vieler Mädchen, sondern auch … naja, in vaporisierender Gestalt. Angenehme Menschen auf der Bühne (Tambourine-Action, Koteletten, funky Hemden) und vor der Bühne.

Gespannt gehe ich zurück zum großen Zelt, wo ein vielversprechender, wenn auch vom Tempo zurückgenommener und sinnlicher Musiker nur auf mich wartet. José González (oder wie ich ihn liebevoll nenne: Josie) steht schon auf der Bühne mit seinem Steckenpferd, der Gitarre. In größerer Besetzung werden wunderbar melancholische, Herzenssaiten in Schwingung setzende Lieder angestimmt, die die Erdanziehungskraft verstärken. Ich will liegen und die Augen schließen. Der Pulk um mich herum sieht das anders. Böse Blicke werden hier und da hin und her geworfen, wenn es jemand wagt zu laut zu sprechen. Als José seine Cover-Version von Massive Attack’s "Teardrop" spielt, funkeln Augen, schwingen Hüften, glitzern Zeltdecke und Glitzerbedeckte Wangen alles Übel aus dem Zelt. Ganz besonders freue ich mich über "Let It Carry You", ein Song, der dich mit an den schönsten Strand der Welt mitnimmt, all inclusive. So oder so ähnlich. Seufz und weg. Weiter zu neuen Ufern mit Say Yes Dog. Allen erzähle ich, wie toll sie sind, weil tanzbar und so cool. Man sollte solche Aussagen nicht aufgrund von zwei Songs machen, die man toll findet und sich den eigenen Musikgeschmack von anderen diktieren lassen.

Mein Fazit: irgendwo zwischen der schlecht ausgepegelten, viel zu leisen Musik und meinen hohen Erwartungen rief die Musik in mir das Bild von einer Folge Rosamunde Pilcher auf einem Clubschiff hervor. Ich bleibe aus Protest. Ich möchte die Subjektivität an dieser Stelle hervorheben, denn andere fanden Say Yes Dog grandios. Andererseits fand ich auch Stimmen, die mit mir im Einklang waren. Etwas geschädigt und enttäuscht verlasse ich also das Palastzelt mit dem Vorsatz, nur noch Konzerten beizuwohnen, die mich packen. Wonach ich mich schon den ganzen Tag sehne, soll sich erst beim letzten Act des Tages einstellen: die Offenbarung, der Moment der Entdeckung, der intrinsische, vom Sonnengeflecht ausgehende Luftsprung wegen Klangkonstruktionen, die das Herz genau zur richtigen Zeit erreichen. Es ist Liebe und hört auf den Namen Rangleklods. Entgegen der Meinung meiner Füße, es sei endlich Zeit, schlafen zu gehen oder zumindest Gewicht auf andere Körperteile zu verlagern, entschließe ich mich, dem Brückenwandzelt einen Besuch abzustatten und zu sehen, ob mein Tag wirklich mit dem weniger bereichernden Konzert von Say Yes Dog zu Ende gehen soll. Sollte er offensichtlich nicht. Kaum geentert ziehen mich die beiden Dänen vor den beleuchteten Leinwänden in ihren Bann.

Massive Beats, mal härter, mal sanfter, mal untermalt durch die kräftige und doch zurückgenommene Stimme des Sängers, mal betont durch helle Töne der Sängerin. Stets elektronisch, kontrastreich und mit Liebe fürs Detail und Überraschungsmomente. Zitat Blondie vor mir: „Mir gefällt’s immer besser“. Dann ist sie abgehauen. Sie hat das BESTE Konzert des Tages verpasst. Entsorgt verlasse auch ich gegen 3 Uhr das Zelt und taumle zurück zum Campingplatz. Morgen werde ich allen erzählen, wie Rangleklods meinen Tag gerettet haben, wie einzigartig Ghostpoet klingt und wie wunderbar familiär und schön der Umgang auf dem Maifeld ist. Insgesamt ein fulminanter und wegbereitender Auftakt dieses Festivals.

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
27. Mai 2015
Jose Gonzalez Jose Gonzalez
acoustic, singer-songwriter, Indie, folk, swedish
Rangleklods Rangleklods
electronic, Indie, berlin, norwegian artist, eurosonic 2013
Love a
punk, punk rock, german, Indie, pop punk
Say Yes Dog Say Yes Dog
Indie, electronic, experimental, synth, under 2000 listeners
Gisbert zu Knyphausen & Kid Kopphausen Band Gisbert zu Knyphausen & Kid Kopphausen Band
singer-songwriter, german, Indie, deutsch, indie pop
Allah Las Allah Las
garage rock, psychedelic rock, surf, psychedelic, 60s
Motorama Motorama
post-punk, new wave, Indie, russian, garage
Soak Soak
punk, wanted, galiza, under 2000 listeners, singer-songwriter
Ball Park Music Ball Park Music
australian, indie pop, Indie, unearthed, aussie
Ghostpoet Ghostpoet
electronic, beats, abstract hip-hop, experimental, uk