Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Maifeld Derby 2017 | Tag 1

Das Derby beginnt mit einem Haufen großartiger Entdeckungen und der von uns allen heißgeliebten Atmosphäre eines echten Liebhaberfestivals.

Was gibt es eigentlich Schöneres, als ein verlängertes Wochenende mit einer gemütlichen Runde ausschlafen zu beginnen? Genau. Denn weil wir hier in Stuttgart mit einer angenehmen Nähe zum Gelände unseres herzallerliebsten Festivals gesegnet sind, reicht ein Start in die erste große Runde Open Air im Jahr 2017 auch mal mittags.

Wir? Das sind Bets und ich, zwei ehrenhafte Pressevertreterinnen des Kulturpegels, der bereits zum zweiten Mal die Rolle des Medienpartners innehat. Vom Freitag berichte ich, Amelie, Samstag wir gemeinsam und vom finalen Sonntag Bets als verantwortungsbewusste Fahrerin eines proppevollen Opel Corsa.

So dann. Skippen wir mal kurz die Fahrt, den Zigarettenkauf und die Bier-Besorgnisse und kommen direkt zur ersten Band, bzw. dem ersten Künstler: J. Bernardt - kein geringerer als Jinte Deprez, seines Zeichens einer der zwei Leadsänger der belgischen Indie-Pop-Rock Band Balthazar. Ein bisschen Chet Faker, einen Haufen Soul und nach seinem Auftritt eine Menge neuer treuer Anhänger, wenn man die Musik des jungen Belgiers in wenige Worte fassen will. Und definitiv der erste, den man sich auf eine „Heißer-Scheiß-Playlist“ packen sollte. Falls ihr noch nicht im Besitz einer solchen seid, wird es Zeit, denn J. Bernardt bleibt keinesfalls die einzige große Entdeckung auf dem 7. Maifeld Derby in Mannheim.

Wie wir das vom Maifeld gewohnt sind, huschen wir nach dem letzten Klang im Palastzelt gleich zur Fackelbühne, der einzig echten Open Air Stage auf dem Gelände. Voodoo Jürgens unterbreitet uns seinen Schmäh äußerst charmant und ich muss sagen, meine Vorbehalte gegenüber seiner Musik auf Platte sind ein großes Stück beiseite geschoben. In dem Österreicher schlummert ein wahrer Entertainer, der mit seinen lasziv-schwarzhumoristischen Stücken noch den Letzten auf dem Platz überrascht. Fazit: Er hat wirklich immer des Bummerl.

Kontraste satt gibt es im Anschluss wieder von und mit den Wild Beasts. Mal wieder so eine Band, die mir höchstens ohne es zu merken nach fünf Bier im Club zu Ohren gekommen ist. Oder hättet ihr auf Anhieb gewusst, von wem „Alpha Female“ stammt? Ein sphärisches Intro, viel Rauch und Licht entpuppen sich als herrlicher britischer Synthie-Pop, der sich nicht vor glänzender Oberfläche versteckt, sondern gern auch mal politisch Stellung bezieht. Sehr, sehr nice.

Anstatt direkt am ersten Tag den Parcours d’Amour mitzunehmen, streuner ich lieber über das Gelände. Sitzen kann ich später noch in der Bahn. Und es lohnt sich, denn mir begegnen WHY? auf der Fackelbühne. Irgendwie erinnert mich das an Franz Ferdinand, Junip und das Ganze in einem Mixer mit den 90ern, Reggae und einem lauen Lüftchen. Super entschleunigend, super Entdeckung!

Das nächste Konzert, zurück im Palastzelt, ist von den einzig wahren Cigarettes After Sex. Ich persönlich denke, niemand kann einen mit ein paar Songs so wunderbar zurück auf den Boden holen. „Nothing’s gonna hurt you, baby“, „K“ oder das Cover eines der schönsten Kitsch-Lovesongs von REO Speedwagon „Keep on loving you“ – ich sags euch, Gänsehaut in Musik.

Bevor mir das Herz vor lauter Entzücken bricht, nehme ich die schöne Stimmung in der lauschigen Sommernacht an die Hand und zeige ihr Sohn. Alle versinken in seinen minimalistischen Klavieretüdchen, den berauschenden Schlagzeugarrangements und den umarmenden Call-and-Response-Einsätzen seiner Mitmusiker. Noch bis nach dem letzten Rest Sonne, der das ganze Festival in seiner liebevoll geschmückten Schönheit von allen Schokoladenseiten zeigt, fegt uns Sohn mit einem letzten Knall zurück ins Palastzelt, wo schon das nächste Highlight wartet.

Bilderbuch sind nicht einfach nur auf einer Bühne, sie sind die Bühne. Die komplette Wand hinter ihnen ist ein Kunstwerk aus hunderten weißen Sneakern, sie selbst, nur beleuchtet von grellen pinken Scheinwerfern, ziehen unsere Blicke auf sich. Perfekt wird der Sound durch die zwei Gospelsängerinnen, bei denen Maurice's gewohnt affektierte Gesten plötzlich ganz natürlich und super smooth wirken. Und es passiert: Die bestrahlten Outfits werden von sich geworfen, die Bühne bebt, das Publikum feiert ekstatisch den ersten großen Headliner des Festivals. Wirklich unfassbar, dass sie vor drei Jahren noch draußen auf einer halb so großen Bühne als absoluter Geheimtipp galten.

Aber beim Maifeld gibt es natürlich nach wie vor noch was zu entdecken, deswegen springe ich kurzerhand ins Brückenaward-Zelt, um mit wenigstens einem Ohr bei den mir von einem Freund empfohlenen Heim dabei zu sein. Natürlich gibt der Projektormann alles, um dem psychedelisch angeheiterten Punk der Nürnberger noch mehr Drive zu verleihen. Aber auch mit geschlossenen Augen ist der Sound von Heim eigenartig anziehend und irgendwo in der Nähe von Dinosaur Jr. oder gerne auch mal Fjørt verankert.

Zurück bei Bilderbuch werden auf der Bühne zwei gelbe Lederhandschuhe übergestreift und alle rasten aus. Ich glaube, es gibt niemanden in diesem Moment, in diesem Zelt, bei dem die Zeilen zu „Maschin“ nicht sitzen.

Ein letztes Mal tragen meine Tanzschritte mich danach zu den herrlichen Beats von Trentemøller und dem unglaublich einfühlsamen Gesang von Marie Fisker. Auf seinem aktuellen Album „Fixion“, von dem sie einen ganzen Haufen Songs spielen, packt Trentemøller schwermütige und äußerst atmosphärische Elemente mit vielen originellen 80er-Querverweisen á la The Cure. Verrückt, dass sich das einige Besucher entgehen lassen.

Mal sehen, was der zweite Tag des Festivals bringt, das schon zum Auftakt so viele Überraschungen parat hat.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
23. Juni 2017
Trentemøller
minimal, electronic, techno, electronica, danish
Bilderbuch Bilderbuch
austrian, Indie, rock, german, indie rock
SOHN SOHN
electronic, ambient, electropop, electronica, british
Cigarettes After Sex Cigarettes After Sex
shoegaze, dream pop, slowcore, lo-fi, Indie
Why? Why?
Indie, hip-hop, experimental, anticon, indie rock
Wild Beats Wild Beats
seen live, indie rock, Indie, british, indie pop
Voodoo Jürgens Voodoo Jürgens
singer-songwriter, singer songwriter, austrian, wienerlied, wiener lieder
J. Bernardt J. Bernardt
Indie, seen live, pop, rock, indie rock
Flut Flut
pop, rock, experimental, new wave, free jazz
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