Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Maifeld Derby 2017 | Tag 2

Auch den zweiten Tag des Maifeld Derbys wollen die Repräsen-Tanten Amelie und Bets für euch gewohnt locker aufbereiten. Musik und Mischkonsum, Sonne und Steckenpferd, Handbrot und Halluzination.

A: Frisch wie eine Morgenbrise treffen wir uns wieder auf dem Gelände des Maifeld Derbys. Ich geb's zu, ich hab im Gegensatz zu Bets gecheatet und bei einer Freundin in Heidelberg statt auf dem Campingplatz übernachtet.

B: Doch auch das Nächtigen auf dem schnuckligen Camping-Areal des Maifeld Derby ist für abgebrühte und vorbereitete Festivalhasen ein Leichtes: Wasser für den Brand am Morgen, Oropax gegen das Zeltdorf, das nachts um 4 Uhr noch ein Klassiker-des-Pop-und-Rock-Battle veranstaltet, Lüftungsschlitze (und seien sie mit einem handelsüblichen Messer fabriziert) gegen die brutale Hitze nach 5 h "Nachtruhe" und derbe Snacks für den Fressflah vor dem komatösen Schlaf. Und auch der Schlafmangel lässt sich verdrängen, sollte man in weiser Voraussicht speziell die erste Mahlzeit am Festivaltag geplant haben: Kaffee, Müsli mit Zimt und Obst, dazu vorbereitende Musik aus der Konserve, Picknickdecken für das Nickerchen danach (Achtung: Sonnenbrandgefahr!) und Wassersprühflasche, um Schweiß vorzutäuschen, der des nachts eh schon verbraucht wurde.

A: Gerade als ich vor der Fackelbühne eintreffe, spielen Kelly Kapowsky ihre letzten Songs, darunter auch das heimelige „Horses“, falls jemand gerne reinhören will. Die Girls aus dem sonnigen Barcelona spielen griffigen Indierock, inspiriert von beispielsweise Warpaint, und eignen sich hervorragend als meine erste Band des Tages. Den verheerenden nächsten Gig spielen Baby Galaxy. Verheerend nicht unbedingt musikalisch, obwohl, so richtig saß da nur wenig, aber schließlich wollen die drei Punkrocken aus Maastricht das so. Anstatt ein einigermaßen anständiges Set abzuliefern, scheißen die Holländer auf die erlernten Instrumente, tauschen wild Gitarre und Schlagzeughocker und entsorgen sämtliche anwesenden Drumsticks in den Fotograben. Erst musste ich an Wallace Vanborn denken, hab es mir dann aber vor Lachen anders überlegt. Kann man auch mal machen.

Samstagnachmittage auf Festivals fühlen sich immer so herrlich friedlich an: Man hat sich an alles gewöhnt, schon mittags wieder einen im aufgewärmten Tee und wird sich ständig bewusst, dass man die eine Band, die man sehen wollte, ja gar nicht verpasst hat, weil die ja erst am Sonntag spielt. Vor allem letzteres, muss ich ehrlicherweise sagen, passiert mir an Festivalsamstagen ständig.

B: Ich gebe mir mittlerweile den Minimalstress und lasse mich auf dem Parcours d'Amour zuerst von Singer-Songwriter How I Left berieseln, um anschließend beim Electro-Duo ALASKA in andere Galaxien entführt zu werden. In einer hippen Batik-Uniform stehen er und sie auf der kompakten Bühne des Parcours und ziehen ihr knapp einstündiges Set durch.

A: Dieses wunderschöne, aber auch wuchtige Stück Musik in zuckersüßen Pastellfarben ist eigentlich sehr tanzbar. Aber genau in diesem Moment ist es auch okay, sich einfach im Sitzen davon beschallen zu lassen und einfach mal ein- und auszuatmen.

B: Direkt im Anschluss wartet Dan Owen mit einer Palette folkig-bluesiger Solohymnen auf und animiert zum Schwelgen und Schmachten, bevor dann ab 18 Uhr die i-Tüpfelchen, Sahnehäubchen und Crèmes des Crèmes den Auftakt eines gigantischen Festival-Samstags gestalten; Schlag auf Schlag ein must-see gefolgt vom nächsten.

A: Bevor ich mir eine Überdosis frische Luft hole, schnupper ich kurz bei Zeal & Ardor rein, die mich instant mit einer Black-Metal-Keule umhauen. Aber nicht nur das: Sie haben auch Gospel, Blues und einen Haufen Mehrstimmigkeit im Gepäck. Definitiv etwas, was ich mir auch gerne ganz angesehen hätte.
Die Kanadier von Royal Canoe schaffen es dann, uns - zum langsamen Anbruch des Abends - mit gepflegter Open-Air-Stimmung aufzuladen. Dazu erstmal ein kleines Schnäpschen als endlos wiederholbare Teambuilding-Maßnahme.

B: Der nächste Act bekommt auf meinem privaten Timetable das Attribut "wichtig", umschlossen von ausgemalten Herzen: Temples. Wie es das Genre verlangt, senke ich meinen Kopf Richtung Schuhe und lasse die Musik die Einbahnstraße in meinen Kopf nehmen;

A: Temples sind Retro pur mit psychedelischem Gespür für die 70er Jahre. Mit wehenden Mähnen und noch mehr Lichtspielereien schaffen sie es zwar nicht, mich so sehr mitzureißen wie beim ersten Mal als sie hier im kleineren Rahmen gespielt haben, aber nach einigen gemütlichen Stücken bin auch ich vom „Shelter Song“ zurückgerissen in meine erste Romanze mit genannter Band.

Noch ein Schnäpschen gefällig? Zu American Football lässt sich hervorragend anstoßen und über das Gelände laufen.

B: (Wohlgemerkt ist diese Aussage kein Indiz für langweilige Musik, sondern vielmehr ein Kompliment an die Maifeld-Infrastruktur:)
A: Die lauten Bands überschneiden sich so gut wie nie. Da kann man ein Konzert auch mal auf einer etwas entfernteren Wiese liegend verbringen.
B: Bis man der Entspannung überdrüssig ist und die Beine lieber zu Takten des nächsten Headliners in Schwung setzen möchte:
A: Denn bei Metronomy im Palastzelt wackelt alles: die Hintern, die Köpfe und sogar die Musiker über die Bühne. Die Lichter leuchten mal hell und mal bunt und spätestens bei „Love Letters“ ist es um das Publikum, das inzwischen zu einer schwitzenden Meute geworden ist, geschehen. Das Konfetti fliegt soweit es kann und unser bester Freund im großen Zelt, die Diskokugel, strahlt mit den Menschen unter ihr um die Wette.

B: Meinem Gusto entspricht Metronomy in diesem Moment nicht mehr und ich dackle zu einem weiteren Vermerk auf meinem Zettel, zu Dear Reader auf dem Parcours. Ich finde eine Ansammlung von an verschiedenen Instrumenten performender Musikerinnen vor, die in einheitlich bunt verzierte Roben gekleidet sind und sehr schönen Sound die Tribüne des Reitstadions empor klimmen lassen. Nach zwanzigminütiger Erfahrung packt es mich doch und ich muss zurück ins Zelt zu Metronomy - "Love Letters" scheine ich verpasst zu haben. Nichtsdestotrotz hat der Abend noch einen gewaltigen Trumpf in der Hand. Die Rede ist von einer kaum älteren, dennoch großartig einschüchternden (weil großartigen) Britin, die das Herz am richtigen Fleck, die tiefsinnigen und altklugen Gedanken häppchenweise auf der Zunge, die Emotionen ins Gesicht gemalt und die Inbrunst an die Stimmbänder geheftet geradewegs auf das wippende, rufende, fordernde Publikum wirft. Ihre Show ist Konzept ist Konzept-Album ist Mindfuck. Ein Stück lyrischer Musik, die dem Publikum über eine Stunde den Ernst der Lage, die Kraft des Handelns im Jetzt und die einfache Botschaft "Love More" vergegenwärtigt. Die Menge jubelt und tobt.

A: Beim vorletzten Act des Samstags wird es Zeit für eine ordentliche Massage. Nein, dabei spreche ich nicht von meinen Lungenflügeln, die nach ein paar Minuten im Fotograben nicht mehr wissen, wo der Sauerstoff reinkommt und das Kohlenstoffdioxid wieder raus muss, sondern der Bass, der im ganzen Zelt spürbar und noch viel mehr tanzbar ist. Das Licht zu Moderat brennt mir noch mit geschlossenen Augen die Silhouetten der Musiker auf die Netzhaut. Man kann es nicht anders beschreiben: Dieses Konzert fühlt sich einfach gut an.

B: Beats, die sich ihre Zeit nehmen, kräftige Vocals, stimulierende Lichter und das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

A: Aber das heute ist noch nicht vorbei; Frisch gestärkt - Handbrot sei Dank - und betankt mit einem kühlen Bierchen, sind die Nacht und ich bereit für Acid Arab. Als die Franzosen endlich beginnen, hängt über ihren Köpfen eine massive und glänzende Kugel, die die Lichtstrahlen, mit denen sie beschossen wird, in alle Himmelsrichtungen reflektiert. Ab und zu wird sie gefüllt mit Rauch und entlässt diesen aus ihrer Mitte, so schnell, wie der Bass der orientalisch beseelten Stücke durch unsere tanzenden Körper jagt.

B: Doch so viel Stehen kann nicht spurlos an einem Bürohengst vorbeigehen - mit letzten Kräften hieve ich mich ins Brückenaward-Zelt und lasse mich von bemerkenswert abwechlungsreicher Klangvielfalt seitens Gewalt überraschen. Das kleinere der beiden Zelte ist angenehm gefüllt, vorne wird gepogt, der zerfaserte Rand des Menschen-Teppichs ziert sich noch etwas vor der Lautstärke und nimmt einfach nur noch wahr. Oder auch nicht. Ich merke, es geht nicht mehr und verabschiede mich von den melodiösen Deutsch-Rockern und deren "Schalldruck". Der Mond scheint sichelförmig, auf dem Campingplatz wird gesungen und mein Füße treffen auf Schlafsack.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
23. Juni 2017
Acid Arab Acid Arab
seen live, electronic, jihad Techno, house, acid
Moderat
idm, electronic, techno, glitch, bpitch control
Kate Tempest Kate Tempest
rap, hip hop, spoken word, female vocalists, late junction
Metronomy Metronomy
electronic, new rave, experimental, electro, glitch
American Football American Football
emo, Indie, math rock, indie rock, midwest emo
Temples Temples
psychedelic, indie rock, psychedelic rock, Indie, neo-psych
Royal Canoe
clicks and pops, canadian, the obligatory seen live tag, twinkling tones, mfnw 2013
Zeal & Ardor Zeal & Ardor
metalcore, melodic hardcore, polish, hardcore, drum and bass
Inner Tongue
Klez.E Klez.E
seen live, german, Indie, indie pop, berlin