Kulturpegel

 
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Maifeld Derby 2017 | Tag 3

Es ist bereits absehbar: Der Nachbrenneffekt des siebenten Maifeld Derbys wird besonders stark. Wir haben getanzt, wir haben getrunken, wir haben gelacht und geglitzert, gebannt geschaut und gelauscht, geschwitzt und gebrannt.

Die Sonne weckt den durch Schlafentzug müßig gewordenen Festivalgänger viel zu früh und die ersten Stunden des Tages werden zum langsamen Entfalten, Reflektieren des Vortags, planen und vor allem Reste essen und trinken gewinnbringend genutzt; das ganze Festival-Flair fühlt sich unreal an, das Zeitgefühl ist dahin, der Sonnenbrand ist okay für den Moment. Der Durst nicht. Das Konterradler fest im Griff, wird der persönliche Staffellauf mit dem der anderen verglichen und die nunmehr bekannten Gesichter der Einlasskontrolleure zeitnah freundlich passiert.

Bereits um 12:30 Uhr verbreiten King Khan and the Shrines stimmungserhellendes Audioflirren auf dem offenen Festivalgelände und laden zum Tanz. Geschüttelt wird hier zur Rhythm, Blues und psychedelic Rock. Wer nicht an den aktiven Parts des Keyboarders mit den Augen haften bleibt, der wandert potentiell zu den drei Blechbläsern (Saxophon, Trompete und Posaune), dem schnucklig-bärtigen Hagrid-Verschnitt am Schlagzeug oder dem durch anschmiegsamen Einteiler in Szene gesetzten- nennen wir das Kind doch beim Namen - Gemächt King Khan's. Die Stimmung kippt für den Bruchteil einer Minute aufgrund von technischen Problemen, was der King augenscheinlich nicht so amüsant findet, die Shrines jedoch mit musikalischer Improvisation überbrücken.

Weiter wird der Stab - oder ohne Bilder gesprochen das Mikrofon - weitergegeben an Mitski, die mit betäubter Mimik ein Lied nach dem anderen trällert und nur von Drums und Lead-Gitarre begleitet wird. Ich entledige mich meiner Vorfreude auf Mitski und schlucke ein "hrmpf" hinunter ob der Missmut auf der Bühne.

Umso heiterer springe ich mit vielen Gleichgesinnten zu Whitney, deren freundliches Gemüt, Moderations-Einwürfe und Stücke so wunderbar on fleek sind, dass ich - egal welche Meinung ich zuvor über Latzhosen bei Männern hatte - ab jetzt Latzhosen an Männern als super empfehlenswert erachte. "No Woman" möchte an dieser Stelle allen hellhörig Gewordenen ans Herz gelegt sein.

Nach einer konsumierenden Pause steht eine schwere Entscheidung an: Spoon oder SONARS? Meine Liste sagt Doppelherz (ausgefüllt) gegen Attribut "wichtig" mit zwei Ausrufezeichen. Eine prekäre Situation, die durch den Einsatz von viel Bauchgefühl gewuppt wird. Ich gehe also zu Spoon, nur um zu merken, dass ich gerade etwas anderes brauche, da zu hüpfig-fröhlich-rockig. Kurzerhand tragen mich meine Füße hinüber ins Brückenawardzelt, wo wir eine Stimmung vorfinden, die mich dieses Zelt so sehr lieben lassen: etwas Lauschiges, eine Eingeschwörtheit unter den Zuhörern, etwas Geborgenes und etwas Buntes dank der atmosphärischen Licht- und Farb- und Formspiele der analogen Lichtmeister; an Tageslichtprojektoren werden anhand von zerbastelten Windrad-Ähnlichen, eingepackten und Blasen formenden Flüssigkeiten und Handbewegungen taktile Schauelemente an die Wand und auf die Musizierenden geworfen. Auf der Bühne steht - anders als erwartet - ein Duo, das packenden Astral-Pop an Synthies, Loop Station, Gitarre und Mic produziert. SONARS wenden sich ab und zu zurückhaltend an die Zuhörerschaft und bedanken sich mehrmals, was ihnen zum Schluss in Form von dickem Applaus zurückgegeben wird.

Die Sonne schmeißt sich mir ins Gesicht beim Verlassen des Zelts und lacht meinen Sonnenbrand auf den Beinen aus. Gegenwart-Bets streckt nur die Zunge heraus und dreht sich Richtung Bühne, wo sich abermals ein King breitmacht: die vereinnahmende Bande hört auf den Namen King Gizzard & The Lizard Wizard und kommt auf meinem Timetable eigentlich nicht gut weg. ("War nicht so meins, als ich reingehört habe...") Dann bin ich aber doch geflasht von der Bühnenpräsenz, dem unerwartet jungen Erscheinungsbild der Künstler, dem sehr authentisch wirkenden Dargebrachten und ja, auch von den freien Oberkörpern. Prog- und Psych-Rock bringen die Manege zum Pogen, die Köpfe zum taktvollen Schütteln, den trockenen Boden zum Stauben und viele Festivalentschlossene zum Feiern.

Verzückt und relativ kraftlos bewege ich mich zurück ins kleine Zelt, um mir abermals psychedelischen Rock und Schatten zu Gemüte zu führen. WAND spielen mit Herzblut und lassen eine Stunde wie nichts vorübergehen. Zeit, die umso präsenter werden, als ein weiterer Favorit auf dem Parcours d'Amour mit Backup auftritt:Andy Shauf. Lange Haare und einer Baseballcap, die Stimme so sanft, wie ich es nur von einem John Mayer kenne. Die Oboisten im Hintergrund geben mir den Rest und lassen die Forderung laut werden: die Zeit sollte jetzt mal bitte kurz still stehen. Tut sie aber nicht. Und dann auch irgendwie gut, denn solche Töne dürfen nicht totgehört werden.

Der Abend neigt sich meinem persönlichen Ende zu mit einer Band, von der ich eine größere Fangemeinschaft erwartet hätte, die allerdings 1. auf der kleinen Zeltbühne spielt und 2. von vielen erst an diesem Abend entdeckt wird; elektronische, in Glitzer gewälzte Tanzmusik, die dir ein Paketbote mit Sprüh-Charme an die Haustüre bringt: Parcels heißen die Herzensbuben aus einem vergangenen Raum-Zeit-Kontinuum und (Kalender gezückt!) werden am 28.11. die neu gewonnene Fanbase im Wizemann reuniten. Bis dahin werden die wilden Tanzschritte geübt, die Songs gelernt und ein mindestens annähernd fantastisch-glamouröses Outfit erstanden. So. Der Schweiß perlt an mir und an allen anderen ab, die gewünschte Zugabe wird tatsächlich erfüllt und der letzte Tanz zu einem Bowie-Cover von "Let's Dance" vollführt.

Vielleicht können an dieser Stelle ein paar wenige Hashtags das Gefühl nach Tag drei besser einfangen: #blessed #morelove #Liebhaberfestival #Mischkonsum
Wir sehen uns nächstes Jahr, Maifeld Derby! #soglad

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
23. Juni 2017
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