Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Marienplatzfest 2015

Wir haben die Wasserpistole rausgeholt, die Sonnenbrille aufgesetzt und bei Bullenhitze auf dem grandiosen Openair-Festival am Marienplatz geschwitzt. Für alle, die dabei waren und alle, die sicherheitshalber ins Schwimmbad gefahren sind, kommt hier unserer Festbericht.

Der Kessel kochte, als sich der Marienplatz zum heißesten Platz Stuttgarts entwickelte und das in vielerlei Hinsicht: Über 30 Grad an allen vier Tagen sprechen für sich – das Marienplatzfest war in diesem Jahr nur wild entschlossenen Festivalfreunden zu empfehlen. Auf dem offenen Platz musste jeder selbst für Schutz vor der prallen Sonne sorgen oder sich auf einen der angesägten Wasserschläuche stellen. Etliche feierfreudige Gäste ließen sich trotzdem nicht abhalten und schon Donnerstag Abend war der Marienplatz so voll wie selten. Besonders am Freitagabend strömten so viele Leute aufs Fest, dass schon an der U-Bahn ein Durchkommen schier unmöglich war.

Das Line-up über die vier Tage konnte sich absolut sehen lassen und setzte sich aus verschiedenen Singer/Songwritern, kleinen Indiebands und noch kleineren DJ-Sets zusammen. Mit nur einer Stuttgarterin und zwei Berliner Acts auf der Bühne bildeten Bands aus dem europäischen Ausland den Schwerpunkt, – für ein Gratisfestival ein ziemlich beeindruckendes Angebot.

Am ersten Abend gab es ein paar fette Bluesrhythmen von Dan Patlansky, der extra aus Südafrika zu uns kam und den wilden Reigen offiziell eröffnete, nachdem die Canadier von Moscow Fish schon den inoffiziellen Start machten. Am Abend legten dann Say Yes Dog mit stimmigem live Elektro nach und brachten auch den letzten Tanzmuffel zum Mitwippen.

Der Freitag begann sphärisch mit Sea Change und steigerte sich über die funkige Jazzkombo The Rhythm Junks aus Belgien, die gegen eine gute Schätzung ihres Durchschnittsalters auch noch ihre Platte verschenkten, bis zum Höhepunkt des Tages: Disaster in the Universe. Diese verrückten Norweger kamen wild mit Neonfarben bemalt auf die Bühne und brachten dann auch die schwitzenden Marienplatzfestmenschen zum Tanzen, untermalt von unglaublich talentierten Slackliner, die quer durchs Publikum federten.

Nach der Halbzeit stand ein spannender und unglaublich heisser Samstag bevor, den Yes I'm Very Tired Now vor einem für diese Band leider viel zu hellen und leeren Marienplatz spielen mussten. Für die Anwesenden war es jedoch ein Fest und aufgewärmt für den Dreampop von Le Very freute man sich auf den Soul von Malky. Total aufgeheizt und vollgefuttert von all den leckeren Essensständen, die es auszuprobieren galt (von Maultaschen, über Burritos, Hot Dogs, Injera oder Pulled Pork) brachten uns Monolink, die es heute mal in der Dual Stereo Ausgabe zu sehen gab, mit ihrem Electro Folk wieder ganz in Trance und entließen uns voller Erwartung in die allabendliche Silent Disco, die auch ohne Kopfhörer nur beim Zuschauen ein großer Spaß war!

Mit Nicole und Peter, Marie Louise, Time for T und Kiss and Drive, stand der Sonntag ganz im Zeichen der Singer und Songwriter. Es passte gut zur etwas geschlauchten Masse auf dem Marienplatz, der 3 Tage Feiern, Schwitzen und wenig Schlaf doch deutlich anzumerken war.
Den stimmungsvollen Abschluss bildete Tobias Sieberts orchestrale Ein-Mann-Wunder-Band And The Golden Choir.
Siebert – nebenher Produzent von Bands wie Me and My Drummer, Klez.e oder Kettcar – hatte alle Instrumente vorher selbst eingespielt und für jedes Stück einzeln auf Platte pressen lassen. Nach jedem Song legte er also eine neue auf. Dazu sang und spielte er live verschiedene Instrumente: Gitarre, Schellenring, Harmonium und Hackbrett ja, allerdings – das ist dieses Ding, die sich alle zu einem harmonischen, klangvollen Ganzen zusammenfügten. Warum das Wort „choir“ im Namen auftaucht, war da vom ersten Moment an klar, so feierlich klang das. Perfekt für Sonnenuntergang über dem Marienplatz, dessen Publikum Siebert sogar dazu brachte, die letzten beiden Lieder auf dem Boden sitzend anzuhören. Dass er dabei fast selbst ein bisschen entrückt wirkte, erklärt sich durch seine Eigenart das ganze Konzert über seinen schwarzen Wollpulli anbehalten zu können – und ganz sympathisch von seinem Projekt immer wieder in „Wir"-Form zu sprechen. „Wir kommen bestimmt wieder“, versprach er am Ende und man kann nur hoffen, dass sie das ernst meinen.

Text: Nina Pühl, Tobias Leicher

Text:
Nina Pühl
Geschrieben am
07. Juli 2015
YES I'M VERY TIRED NOW YES I'M VERY TIRED NOW
Sea Change Sea Change
dream pop, norway, artists i have seen live, norwegian, kristiansand
The Rhythm Junks The Rhythm Junks
belgian, jazz, harmonica, funk, experimental
Say Yes Dog Say Yes Dog
Indie, electronic, experimental, synth, under 2000 listeners
Disaster In The Universe Disaster In The Universe
rock, Indie, alternative, indie pop, norwegian
Malky Malky
soul, alternative, live gesehen, schlau machen, als vorband gesehen
Marie Louise Marie Louise
fake artists, fake music, billboard fake, lauren reed, marie louise munroe
Time for T Time for T
Kiss and Drive Kiss and Drive
AND THE GOLDEN CHOIR
Indie, alternative, indie pop, under 2000 listeners, male vocalist