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New Fall Festival: Dillon & Chor
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New Fall Festival: Dillon & Chor

Popkultur und Establishment wiegen sich gemeinsam in sphärischen Melodien.

Hier herrscht einfach noch Anstand. Manche erscheinen zum ersten Konzert des New Fall Festivals im Mozartsaal sogar im feinen Zwirn. Die Kehlen werden leise geräuspert, unflätiges Rascheln mit zischenden Lauten im Keim erstickt. Und auch Dillon passt ins Bild: Sie ist in ein hauchzartes schwarzes Etwas gehüllt, das wie eine Art düsterer Aura ihre Beine umspielt und sie selbst ist zwischen ihren Songs so still wie dunkle Wasser tief.

Die Sitze sind bequem und verführen zum Versinken, die Gemüter ruhig und entspannt. Überhaupt wird so aufmerksam gelauscht, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Nur ab und zu verwirrt sich ein Gast an die obere Ballustrade um mit dem Handy schnell den Moment einzufangen. Das Bühnenbild ist aber auch wirklich schön gedacht, wenn auch ein kleiner fotografischer Alptraum: Alles ist schwarz und von hinten beleuchtet. Der barfüßige Chor wabert als surrende Masse hinter einem ab und zu strahlenden Etwas, das Schüssel, uralter Blitz oder Satellitenschüssel sein könnte.

Die Stimmung hier ist eine besondere, wenn man bedenkt, das wir uns hier auf einem Festival befinden - einem Popfestival. Der Bürgermeister eröffnet gemeinsam mit dem Veranstalter den Abend im vollvertäfelten Mozartsaal der Liederhalle. Diese ist wiederum eigentlich bekannt als Kultur- und Kongresszentrum im Herzen der Stadt. Wärmende Akustik trennt uns von der kalten Außenwelt und weder der Bieratem des Nebenmannes weht einem um die Nase, noch steht man sich die Beine in den Bauch.

Dillons Stimme klingt wie gewohnt leicht zerbrechlich. Immer wieder bringen schallende Beats ihren Gesang zum pulsieren. Der Chor in ihrem Rücken ist mindestens genau so von zarter Natur. Ein wenig flehend fordert sie zwischen jeder Menge "Vielen Danks" das Publikum zu einem hintergründigen "Cha chaaa" zu den Zeilen von "Tip Tapping" auf: "Bitte singt weiter, ... auch da oben," flüstert sie zwischen ihren eigenem Text. Der Chor fällt erneut hauchend ein und wir tauchen ein wenig wachgerüttelt wieder ab zwischen den weitläufigen Sitzreihen und wagen kaum, laut zu atmen.

Wenn auch das Konzert an sich nicht besonders neu oder ungewöhnlich war, war es doch der perfekte Auftakt für ein neues Festivalformat für Stuttgart, das Popkultur elegant mit Establishment verbindet. Vom ersten Ton an ist klar, dass sich genau in diesem Moment ein neues Festival der besonderen Sorte auch in den Herzen der Stuttgarter etabliert. Und das war nur der erste Tag.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
27. Oktober 2016
Dillon Dillon
female vocalists, experimental, electronic, piano, german