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Rockavaria Festival in München

Ein neues 3-Tages-Festival in München. Braucht man das noch?

Im Vorfeld wurde viel auf das Rockavaria eingeprügelt. Da wurde mal so richtig alles bemäkelt und Scheiße gefunden. Aber trotzdem haben sich allerhand Leute gefunden, die sich 3-Tages-Tickets gekauft haben. Dass der große Bruder in der grünen Hölle kein Glück gefunden hat, nach Gelsenkirchen gezogen ist und sich nun "Rock im Revier" nennt, mag man deuten wie man will, aber dass im Hintergrund gerichtliche Streitigkeiten zwischen der DEAG und dem Nürburgring ausgefochten werden, wirft kein gutes Licht auf die restlichen Festivals, wie gerade das Rockavaria.

Fangen wir mal mit dem Rummeckern an:
Ein wirkliches Festival ist es ja nur, wenn auch gecampt wird! Ich bin kein Freund des Zeltens, aber das muss schon sein. Das Rockavaria bietet einfach nicht genügend Fläche, auf dem 68.000 willige Festivalbesucher ihr Revier aufschlagen könnten. Diese wagemutige Zahl habe ich im Internet gefunden (was sich übrigens niemals durchsetzen wird). Also müssen alle irgendwo in der Gegend übernachten oder machen es wie beobachtet: Pennen einfach am Straßenrand in irgendwelchen Wohnmobilen.

Wie schaut es mit dem Parken aus?
Sehr gut, wenn nicht sogar hervorragend! Zwar zahlt man an der Parkharfe fünf Euro pauschal, hat aber einen sehr guten und auch sicheren Parkplatz direkt am Geschehen. Ich musste an diesem Samstag mehreren Leuten mitteilen, dass kein Flohmarkt stattfindet, dafür wurden wir mit reichlich Sonne beschenkt. Yeah.

Die Organisation: War auch nicht von schlechten Eltern. Alle Security-Menschen waren außerordentlich nett und hilfsbereit. Keiner war wirklich pampig oder unverschämt. Aber kommen wir nun zum Drumherum: Die dritte Bühne, das Theatron, war eine kleine Überraschung. Stundenlanges Anstehen zur Mittagszeit, damit man sich hinsetzen musste und gerade so gute Bands wie Ignite oder Sick Of It All im Sitzpogo genießen konnte. Die Bühne erinnerte auch an den Green Day Auftritt beim Simpsons-Film. Kennst du nicht? Youtube hilft hier weiter. Außerdem habe ich mir sagen lassen, dass es am Freitag beim Parallel-Auftritt von Muse und Limp Bizkit große Probleme beim Einlass in die Second Stage/Olympiahalle gab. Da kam keiner mehr rein, trotz halbvoller Halle.

Preisverhältnis: Nun ja, wer sonst in Großraumdiskos abhängt oder sonstige Festivals in der Größenordnung besucht, weiß, auf was er sich einlässt und braucht den Preis nicht bemängeln. Niemals möchte ich eine Currywurst mit Semmel für fünf Euro, das Bier für 4,50 plus zwei Euro Pfand (sofern man es sich an der Theke und nicht durch das Bodenpersonal holt) oder gar das Longdrink-Getränk mit Whiskey für gar zwölf Euro (plus Pfand versteht sich) gut heißen, aber so ist das nun mal bei so einer Veranstaltung: Wenn der Geldbeutel schon für den Eintrittspreis locker hängt, braucht man keine Schnäppchen erwarten. Und auch Merchandise-mäßig war das 'ne hohle Nummer, falls jemand was von den „kleineren“ Bands haben wollte. Gab halt nur Standardware von den Headlinern für um die 40 bis 50 Golddublonen.

Toiletten: Im Stadion gab es keinerlei Alternativen zu den Stadionklos. Einmal komplett raus aus dem Innenbereich ist recht uncool. Ich habe Dinge bei Facebook gelesen, was man alternativ gemacht hat. Das will ich hier sicher nicht wiederholen.

Nun zum größten Knackpunkt: Die Bands! Klar, jeder weiß, das die Band XY völlig falsch platziert ist, siehe Limp Bizkit, aber es ist schon eine Fluktuation zwischen den Bühnen, da Genre-zugehörige Bands auf verschiedenen Bühnen spielen. Oder wie Hellyeah einfach gar nicht. Ohne Info einfach mal nicht gespielt, obwohl man regelmäßig Kanäle wie App oder Facebook bedient.

Was haben wir eigentlich effektiv an Bands gesehen? Mit viel Müh' und Not, tatsächlich nur drei Bands! Die besagte Schlange bei La Dispute führte dazu, dass wir gerade mal zwei Lieder gehört haben, dafür war die Atmosphäre eigentlich ganz geil.
Five Finger Death Punch auf der Main Stage zeigten dann, wie man modernen Metal an die Menschen bringt. Im Vorfeld gab es zwar böse Zungen, die behaupteten, dass FFDP nicht so der Bringer live sind, aber ich war positiv überrascht. Alle Bandmitglieder hatten Bock und alleine der Lead-Gitarrist mit seinen zahlreichen verrückten Gitarren stahl allen die Show.

Restliche Bands haben wir uns gespart, da man eh nicht mehr in Halle und Theatron ohne fiese Wartezeiten kam. Leider konnte man die Zeit auch nicht durch einen Festivalmarkt-Bummel verkürzen, da es sowas schlicht nicht gab. Im Allgemeinen geizte das Rockavaria mit Rahmenprogramm und Werbung, so dass einem nur der Rückzug auf die Wiese blieb. Es war verdammt sonnig, es gibt schlimmere Beschäftigungen.

Dann um 21.00 Uhr pünktlich die beste Band der Welt: Kiss! Was soll man groß sagen? Über 40 Jahre Bühnenpräsenz, unzählige Alben und Klassiker, Klassiker, Klassiker. Der Sound war großartig, überall knallte es auf und um die Bühne herum und auch stimmlich fand ich die Herren richtig gut für ihr Alter. Irgendwelchen Quatsch wie Playback möchte ich hier auch Kiss nicht nachsagen. Paul „The Starchild“ Stanley gab den Abend immer wieder den Entertainer und zog den erzählerischen Bogen zwischen einem klassischen Kiss Klassiker und einem neuen Klassiker. Zweite Hauptrolle spielte Schlabberzunge Gene Simmons, der wieder mal nicht mit Blutkapseln und einem schrecklichen Bass-Solo geizte. Die beiden anderen Kontrahenten hielten sich für Kiss-Verhältnisse zurück, durften aber auch mal ans Mikrofon ran. Klar, das Finale nach 100 Minuten kam viel zu früh, aber nach der Show sollte jeder zufrieden nach Hause gehen.

Auch wir taten das. Was nehmen wir mit vom ersten Rockavaria? So richtig Festival ist es nicht, aber die kurzen Wege zu den Bühnen, die freundlichen Ordner und allgemein die außerordentlich gute Stimmung unter den Leuten gab dem Rockavaria eine gewisse Daseinsberechtigung. Einiges ist sicher ausbaufähig. Sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, muss viel passieren, aber hier könnte eine tatsächliche Alternative für Festivalgänger ohne Lust auf Camping entstehen.

Oder anders: So Scheiße, wie alle im Vorfeld darüber gesprochen haben, war es einfach nicht.

Text:
Rene König
Geschrieben am
01. Juni 2015
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