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Stuttgart Festival 2015 - Freitag
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Stuttgart Festival 2015 - Freitag

Viel zu sehen, viel zu hören und so manches zu fürchten. So beginnt die Geschichte des ersten Stuttgart Festivals.

Von gespenstischem Säuseln des Windes wache ich auf. Das letzte Bier durch eine Cola zu ersetzen war tatsächlich eine gute Idee. Dabei hat gestern alles noch so hochsommerlich angefangen.

Gegen halb drei marschieren wir auf das Messegelände, das zugegebenermaßen trostlos und unbelebt zugleich wirkt. Riesige Hallen, eine kilometerweite Aussicht über den Kessel - so hat ein Festival für mich noch nie begonnen. Direkt vom Klang eingefangen, eröffnen Eau Rouge aus Stuttgart das erste Stuttgart Festival. Obwohl der ein oder andere Ton nicht exakt in Reih und Glied steht, passt das Ambiente auf Anhieb. Die Sonne brennt ungehemmt auf die Hochebene hinter dem Stuttgarter Flughafen und der Sound flirrt zwischen Wespen und dem ersten Bier direkt in unsere Ohren.

Eine weitere Premiere begehen Razz aus dem schönen Emstal auf der Mainstage, als sich alle bereits Anwesenden vor die Bühne kuscheln, um im Schatten den poppigen Songs der noch nicht mal volljährigen Band zu lauschen. Im Gegensatz dazu passt Jackson Dyer, auf dessen entspannte Musik ich erst heute morgen aufmerksam geworden bin, perfekt zum Wetter. Sonnige Kompositionen, die auch bestens als Surfsoundtrack durchgehen könnten. Kein Wunder, dass dieser junge Mann, der mühsam in die Sonne blinzelt, schon mit Hozier auf Tour war.

Positiv überraschen mich Abby, die mich zwar immer wieder eingeholt haben, aber mich erst jetzt so richtig packen. Mit Pommes und Bier bewaffnet, wirkt die Stimmung auf dem ersten Stuttgart Festival in diesem Moment in voller Pracht. Auch wenn man hier nicht zeltet, betrunken Kostüme zur Schau stellt oder völlig knülle über Bierbänken hängt. Ein Spaziergang über den Art Market, auf dem sich Künstler, Designer und andere kreative Menschen tummeln, ist eine willkommene Abwechslung zwischen Bier und Bass. Im hintersten Eck, wenn man schon fast wieder den kleinen Hügel zwischen Mainstage-, Marktgelände und Smart Tracks Stage herunterpurzelt, baumelt eine massiv glitzernde Diskokugel inmitten der DJ-Stage.

Nach dieser kleinen Pause - nicht, dass ich noch was verpasse - geht es weiter zu David Lemaitre und Talisco. Auf den verträumten Sänger mit Band, der nach zahlreichen synthielastigen Songs ein famoses Cover von Agnes Obels "Dorian" darbietet, folgt auf der großen Bühne ein herrlich erfrischender Franzose, der ebenfalls mit Band tanzend und springend den Abend einläutet.

FM Belfast sind irre wie immer. Übertriebene Visuals begleiten das Spiel der wahrscheinlich glücklichsten Isländer auf diesem Planeten, während alle, die sich nicht bei Charity Children treiben lassen, dazu passend ausrasten. Mein persönliches Highlight an diesem ersten von zwei Festivaltagen ist Ezra Furman. Zusammen mit seinen Boyfriends verbindet er Soul, Garage, Chamber-Pop und große Worte. Neben dem Saxofonist, der wie ein ausrangiertes Mitglied einer Punkband aussieht, steht der junge Mann in elegantem Kleid und strahlend rotem Lippenstift in voller Präsenz auf der kleinen Bühne.

Ruhigere Töne schlagen dann schließlich James Vincent McMorrow mit seinem pulsierenden und textlich bewegenden Songs und Ólafur Arnalds in tiefster Dämmerung an. Bei Letzterem naht mit immer größeren Böen ein Unwetter heran. Was zu Beginn noch unglaublich eindrucksvoll durch die Musik untermalt wurde, nahm gegen 22 Uhr eine bedrohliche Komponente an. Auch der Auftritt von Dillon bleibt davon nicht verschont. Nach keinen 15 Minuten unterbricht sie ihr Programm, das mich mit tiefen Bässen schon kurz in den Bann gezogen hatte, und verkündet, dass sie leider abbauen muss. Nach kurzem Geraune betritt um halb elf schließlich ein Verantwortlicher des Stuttgart Festivals die Bühne und teilt uns mit, dass eine tatsächliche Unwetterwarnung der Grund für die abrupte Unterbrechung sei.

Leicht genervt, aber im Großen und Ganzen doch verständnisvoll ob der immer näher zuckenden Blitze und der kräftigen Böen, gehen die einen in Richtung Bahn, die anderen sind noch unschlüssig. Kurzerhand öffnen die Veranstalter zwei der Messehallen, um dort im Fall der Fälle Unterschlupf vor dem Gewitter anzubieten. Leider lohnt sich das Warten nicht, die Crystal Fighters, auf die sich viele gefreut haben, werden heute definitiv nicht mehr spielen.

Aber an einem Tag, an dem sich die Massenpanik auf der Loveparade zum fünften Mal jährt und ein Blitzeinschlag auf dem Rock-am-Ring-Geländes gerade mal einige Wochen her ist, haben die Veranstalter meiner Meinung nach genau das Richtige getan, um das plötzliche Ende des ersten Festivaltages so angenehm wie möglich zu gestalten. Zwar kam das große Unwetter nicht und wir haben alle das große Finale verpasst, am Ende haben die Macher des Stuttgart Festivals aber bewiesen, dass sie nicht nur an gute Musik und ausgeglichene Festivalatmosphäre, sondern auch auch an unser aller Wohl gedacht haben. Und letzten Endes ist morgen auch noch ein Tag, den wir schon kaum erwarten können.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
25. Juli 2015
Razz Razz
ackerfestival 2013, under 2000 listeners, electronic, youngstar, new wave
Eau Rouge Eau Rouge
Jackson Dyer
ABBY ABBY
german, alternative rock, electronic, male vocalist, mannheim
Talisco Talisco
french, alternative, indie rock, french rock, folk
David Lemaitre
singer-songwriter, Indie, german, bolivian, mannheim
Charity Children Charity Children
under 2000 listeners, acoustic, female vocalists, folk music, folk
FM Belfast FM Belfast
icelandic, electronic, Indie, electropop, electro
Ezra Furman Ezra Furman
folk, 2012-10-27, 2012, directo, murcia
James Vincent McMorrow James Vincent McMorrow
folk, singer-songwriter, Indie, irish, indie folk