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Void Fest 2017 – eine Perle der Festivalkultur
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Void Fest 2017 – eine Perle der Festivalkultur

Mit Astroboy, Ill Wicker, UADA, Demon Head, ZU, Hildegard von Binge Drinking, Travelin Jack, Venom Prison, The Well, Oozing Wound, Belzebong, Full Moon Fiasco, Down With The Gypsies, Ohhms, Limestone Whale, Groundhogs, Cult of Occult, Yuri Gagarin, Paramnesia, The Underground Youth, Death Alley und Spelljammer.

Die Sommer sind heiß, die Büros und Straßen Süddeutschlands sind leer. Es ist Ferienzeit aka Festivalzeit! Musikfans begnügen sich wahlweise auf dem Summer Breeze, dem Chiemsee Summer oder Party.San. Alles Festivals, die es seit geraumer Zeit gibt, beliebt sind und dementsprechend gut besucht sind.
Dem ein oder anderen sind diese Ausmaße der Festivalkultur jedoch zu viel. Ne halbe Stunde über das Festivalgelände wandeln, um Bands anzuschauen und ganz nebenbei noch fast n Hunni dafür blechen, ist nicht jedermanns Sache. Wer meint, es gibt da keine Alternativen, hat sich schwer getäuscht.
Versteckt am Rande des Bayrischen Walds an der Grenze zu Tschechien fand dieses Jahr das Void Fest im idyllischen Sinzendorf statt. Zweiundzwanzig Bands aus dem Stoner Psychedelic / Black und Doom Metal Bereich auf zwei Bühnen an zwei Tagen. Für ‘n Fuffi. Die Tickets sind auf 1000 Stück liminiert, selbst gedruckt und waren dieses Jahr nach gefühlt einer Stunde ausverkauft. Wohlwissend um diese Tatsache hab ich mir gleich, als die Tickets an den Start gingen, zwei davon gesichert.

Tag 1

Am 18. August war es dann soweit. Knapp vier Stunden von Stuttgart hat es gedauert, bis wir einmal quer durch Bayern gefahren sind. Dort angekommen, waren wir erst einmal überrascht. Keine Einlasskontrollen! Man konnte sich einfach auf den Camping Platz, der schon recht voll war, stellen. Dieser war auf drei Areale aufgeteilt. Wir haben uns für das Stoppelfeld, das nahezu leer war, weiter oben am Hang entschieden. Dieser war durch Büsche vom Rest des Camping-Platzes abgetrennt und nur mit dem Schild „Dusche + Camping“ am Eingang am Ende des Hangs, ausgeschildert.

Nachdem wir unser Zelt aufgebaut haben und uns die düsteren Klänge der Band ZU, kombiniert mit den aufziehenden Gewitterwolken in die passende Endzeitstimmung versetzt hatten, bewegten wir uns zu den Bühnen.
Den ersten Act, den wir uns angesehen haben, war Hildegard von Binge Drinking. Wie der Name vermuten lässt, besteht eine indirekte Verbindung zur Benediktinerin Hildegard von Bingen (*1098) aus dem Mittelalter, die als Pionierin der deutschen Mystik gilt. Die Band besteht aus zwei Typen im Nonnenkostüm. Mit Strumpfhose versteht sich. Die Würzburger, ausgestattet mit Schlagzeug und Mischpult, spielten auf der Tentstage und beehrten uns mit etwas, das ich als „Psychedelic Hop Hop“ beschreiben würde. Treibende Beats bestehend aus sphärischen Klängen produziert durch Pad-Sounds, Arpeggiators und der verzerrten Stimme des Sängers am Mischpult, bildeten die Klangkulisse, die beim aufkommenden Sturm, der die Planen des Zeltes aufblähte, tatsächlich mystisch wirkte. Untermalt wurde das ganze durch die Projektion von flirrenden weißen Kringeln und Fäden auf rotem Hintergrund auf die Leinwand auf der Rückseite der Bühne. Ihre Songs kündigte eine KI-Stimme an, die zudem zu Beginn „we are Hildegard von Binge drinking“ und am Ende des Auftritts „thank you“ verlauten ließ. Ein wirklich kurioser Einstieg in das Bandspektrum, das das Void Fest zu bieten hat.

Wir haben lange nicht die ganze Bandbreite erlebt. Durch den Sturm, der nach dem Auftritt von Hildegard VBD so richtig losging, haben wir den Auftritt von Travelin Jack und fast Venom Prison verpasst.
Als das Gewitter etwas nachgelassen hatte, wagten wir uns wieder nach unten auf das mittlerweile ziemlich matschig gewordene Festival-Gelände. Das Zelt war zu dem Zeitpunkt rappelvoll und wir haben uns inmitten von harten Breakdown-Parts des vorletzten Songs der Death Metaller aus England wiedergefunden. Auch wenn wir sie nur kurz erlebt haben, die Energie, die Sängerin Larissa Stupar mit tiefen Growls, die unter die Haut gingen, und ihre Bandkollegen rüberbrachten, hat mich umgehauen. Danke an dieser Stelle an den Mensch, der neben mir stand, größer war als ich, und sich als Aushilfsfotograf angeboten hat.

Danach ging es weiter mit The Well. Die Band aus Austin, Texas, besteht aus Bassistin und Sängerin, Gitarrist und Schlagzeuger. Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber die Schuhe waren schon durchnässt (merke: immer Stiefel mit aufs Festival nehmen!). Durch den Regen hatten wohl ein paar Effektgeräte und Pedals den Geist aufgegeben, doch die Band nahm es entspannt, meinte „we never did that before“ und legte dann mit aller Power los. Die Stimme von Sängerin Lisa hallte (Reverb auf dem Mikro durchaus noch machbar) durch den Sprühregen und ergänzte die schweren Stoner-Rhythmen. Sehr schön wars! Später war auch noch Zeit für ein Pläuschchen am Merchstand. Eine sehr herzliche Frau!

Zwischenzeitlich hatten sich Oozing Wound im Zelt eingefunden. Die drei Typen aus Chicago machen „Speed Space Metal“. Dementsprechend hat sich in den vorderen Reihen ein Mosphit gebildet. Musikalisch ein Brett, das Schädel zertrümmert. Hat auf jeden Fall gut in den Ohren geklingelt.

Dem letzten Act an diesem Abend, Belzebong, haben wir nur aus der Ferne gelauscht. Der instrumentale, tiefer Stoner Doom mit schrillen Gitarren und hier und da gesampelten Stimmen bildeten einen schönen Ausklang des ersten Festivaltags.

Tag 2

Der nächste Tag war wettertechnisch schon wesentlich freundlicher. Zwar war der Boden zunächst eher zäh, jedoch konnte man schon etwas unbeschwerter gehen.
Die erste Band an diesem Tag für uns waren Ohhms aus Canterbury, England und beehrten uns mit ihrem frischen Debut-Album „The Fool“. Liebhaber gutdurchdachter Albumkonzepte finden hier ein wahres Stück Magie. Fünf der sechs Songs sind nach Tarotkarten benannt. Der erste Song „Shuffle, Cut, Reveal“ beschreibt logischerweise den Vorgang des Mischen, Auslegen und Aufdecken der entsprechenden Karten. Wahrscheinlich sind genau auf diese Weise die Songs entstanden. Find ich großartig.
Die Sonne stand noch relativ weit oben am Himmel und fiel wie ein Riesenscheinwerfer auf die Bühne. Schwere, mittelschnelle Heavy Metal Rhythmen, gepaart mit der durchdringenden Stimme des Sängers, der ganz und gar im Moment aufging, haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Für mich eine der besten Acts auf dem Void. Am 18. Oktober könnt ihr euch im Stuttgarter Juha West selbst ein Bild von ihnen machen. Begleitet werden sie dabei von Doggod aus der Region. Ansonsten machen sie noch Halt in Düsseldorf und Oberhausen.

Die Zeit nach Ohhms nutzen wir, um noch die restlichen Sonnenstrahlen auf dem Stoppelfeld zu absorbieren und begaben uns dann einige Zeit später ins Zelt zu Cult of Occult. Zu Beginn war alles still. Die Band ließ sich zunächst nicht blicken, jedoch waren die Scheinwerfer, die die Bühne in rotes Licht tauchten, schon im vollen Gange. Irgendwann standen sie dann doch auf die Bühne, nachdem das Geschrei der Meute erhört wurde. Dann preschten sie auch gleich los mit ihrem misantropischen „Blackened sludge / doom“. Mal schnell und schrill, mal doomig ausladend. Durch das rote Licht war schnell die Assoziation zur Hölle selbst hergestellt, der bitterböse Blick und das mehrmalige Erheben des Mittelfingers machte klar, hier soll keine Show abgeliefert, sondern ein klassischer Black Metal Auftritt hingelegt werden. Das Publikum ließ sich davon nicht verunsichern und beantwortete dies ebenfalls mit unbeschwerten Mittelfingern und „fuck you!“Rufen. Das Wort „Ausklang“ erhält neue Bedeutung in Anbetracht des circa zehnminütigen Nachhalls des letzten dröhnenden Gitarrensounds.

Nach diesen eher runterziehenden Vibes fanden wir in Yuri Gagarin die willkommene Abwechslung. Die Schweden präsentierten Heavy Psychedelic Rock vom feinsten. Ausgestattet war die fünfköpfige Band nicht nur mit herkömmlichen Instrumenten. Eines der Bandmitglieder mischte elektronische Soundscapes unter die Space Rock Riffs. Die perfekte Immersion gelang durch das gelb-lila Nebelmeer unter freiem Himmel.

Der für uns letzte Act des Festivals war Paramnesia. Ordentlich laut! Dröhnender, atmosphärischer Black Metal aus Frankreich. Die Tracks haben durchschnittlich eine Länge von 20 Minuten. Das war uns dann irgendwann doch tatsächlich zu laut und langwierig, sodass wir das letzte Drittel des Auftritts nur noch vom Camping Platz aus gelauscht haben. Eigentlich wollten wir zur späten Stunde unseren Trommelfellen eine kurze Auszeit geben, doch leider ging der Plan etwas daneben, sodass wir die letzten drei Acts (The Underground Youth, Death Alley und Spelljammer) einfach verpennt haben. Yay.
Trotz dessen hatten wir ein super Festival-Erlebnis und für nächstes Jahr werden wir uns sicher wieder dort aufhalten.

P.S.: Übrigens haben wir einem der Macher auf den Zahn gefühlt. Wenn ihr also mehr über das Void Fest wissen wollt, klickt ihr einfach hier.

Text:
Mary Hinzmann
Geschrieben am
06. September 2017
Belzebong Belzebong
doom metal, stoner metal, stoner doom, stoner rock, stoner
Groundhogs Groundhogs
blues rock, progressive rock, blues, classic rock, rock
The Underground Youth The Underground Youth
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Yuri Gagarin Yuri Gagarin
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ZU ZU
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Spelljammer Spelljammer
stoner rock, doom metal, stoner metal, stoner, stoner/doom
The Well The Well
stoner rock, doom metal, stoner metal, psychedelic rock, rock
Hildegard Von Binge Drinking Hildegard Von Binge Drinking
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