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4. Maifeld Derby - Sonntag
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4. Maifeld Derby - Sonntag

Ein Highlight jagt heute das nächste. Sonntage auf dem Maifeld Derby sind nämlich dafür bekannt, dass man vor Ende des Festivals so viel Musik wie möglich aufsaugen kann. Da tut auch der kurze Regenschauer keinen Stimmungsabbruch.

Der Morgen beginnt mit einem Lächeln der Nachbarn. Ursprünglich aus dem Allgäu angereist und momentan in Stuttgart-Bad Canstatt wohnhaft, handelt es sich bei ihnen um tatsächlich liebenswerte VfB-Dauerkartenbesitzer. Mit einem fröhlichen Morrrga! weht eine frische brise Zahnpasta um unser kleines Zelt und macht das Aufstehen in erstickend heißer Luft um einiges erträglicher.

Als erstes auf dem Programm heute: Der liebenswerte Keston Cobblers Club aus dem schönen England. Mit einer Prise klampfender Straßenmusik, einer Tuba und einer guten Portion Euphorie eröffnen sie im strahlenden Sonnenschein den finalen Tag des Maifeld Derbys. Etwas gediegener wird es anschließend im Zelt mit Still Parade und sanften Gitarrensounds, die sich mit noch sanfteren Gesängen vermischen. Den selbst so genannten Dream Folk streuen sie am frühen Nachmittag über die verhältnismäßig große Anzahl von Besuchern. Das Schöne ist, dass man am Sonntag wirklich alle Bands sehen kann. Zumindest, wenn man auf Essen und Pulli holen verzichtet. Und so geht es nach dem ersten Konzert im Palastzelt zurück nach draußen, wo Spring Offensive als zweiter musikalischer Gruß der Queen auf der Fackelbühne stehen.

Mein zweiter persönlicher Höhepunkt an Tag drei sind die Girls In Hawaii, die uns mit ihrem dramatisch angesetzten Folkrock und kleinen Ausflügen in Shoegaze und Progressive das erste Mal heute auch die Schuhe von den Füßen rocken. Ein bisschen Portugal.The Man, ein bisschen Porcupine Tree und vor allem viel Bewegungsdrang machen bei diesem Auftritt um drei Uhr nachmittags den Tag zur Nacht.

Ähnlich fetzig wird es mit Temples, die uns mit langen Mähnen zurück in die 70er Jahre entführen. Wabernde Gitarren und melodische Basslines bewegen den bunten Menschenhaufen vor der Bühne entgegen unseres nachmittäglichen Ruhemodus'. Hozier spielt für das Derby zur Abwechlsung sehr souligen Blues, hat bei der Stagewahl und mit dem Wetter aber leider weniger Glück. Das einzige Mal an diesem wunderbar sonnigen Maifeld-Wochenende bahnt sich ein abkühlender Regenguss an, der den Großteil der Besucher in das große Palast zurückspült, bevor der junge Mann aus Irland überhaupt richtig loslegen kann. Da ich am selben Morgen beschlossen habe, meine Regenjacke endgültig zu verstauen, gibt es für mich nur eine viertel Stunde Hozier unter einem auseinander gefalteten Plastikponcho.

Vor allem Sonnenbrandgeplagte freuen sich aber über die kurze Dusche, die Band wiederum freut sich über das größtenteils zähe Publikum und das ganze Festival über ein bisschen weniger Staub.

Langsam warten gefühlt alle Besucher auf St. Vincent und die Dame startet eine Bühnenshow der besonderen Art: Dicker Bass und ein extrem blonder Schopf erobern das Palastzelt. Die Singer-Songwriterin, Multiinstrumentalistin und gleichzeitig Tausendsassarin nimmt für die nächsten 60 Minuten alle Anwesenden ein. Ob auf der normalen Bühnenebene oder wie auf dem Präsentierteller stehend von einem erhöhten Plateau herab, berieselt sie uns mit einem Feuerwerk extravaganter Popmusik, das den Abend für die beiden finalen Acts aufwärmt.

Pünktlich zum Konzert von Wye Oak hat es wieder aufgehört zu regnen und die Sonne hat wieder das Zepter in der Hand. Die Luft riecht nach frischem Sommerregen und die letzte Runde der Steckenpferddressur weicht romantischen Songs im Sonnenuntergang. Wir werfen Konfetti, pusten noch mehr Seifenblasen und umwickeln uns mit Luftschlangen. Ein bisschen noisiger Dreampop, ein bisschen Indie und die Welt ist in Ordnung. Noch bevor sie ihren letzten und gleichzeitig schönsten Song namens Civilian anstimmen, beginnt der große Run auf die besten Plätze beim großen Finale. Die letzten beiden Festivalstunden gehören ganz uns und The National.

Zwischen I Should Live In Salt, Hard To Find und I Need My Girl vom aktuellen Album gibt es auch noch mitsingzwingenderes älteres Material zu hören. Trotz wirklich vielen Menschen und trotz meiner nicht gerade beachtlichen Körpergröße finde ich nach vier Songs einen annehmbaren Platz mit ein klein wenig Sicht auf die Bühne und werde Zeuge von inbrünstigem Mikrogeklopfe und ansteigenden Bläsersoli. Natürlich gibt es auch einen wunderbaren Moment mit Fake Empire, der mir nochmal beweist, dass ich in den letzten Jahren tatsächlich zu wenig The National in meine Plattensammlung gelassen habe. Das große Finale gibt es schließlich gegen halb zehn. Es beginnt mit einem auf die Bühne zurückkehrenden Ada, wird, wie auch das Mikrokabel, hochgehalten von einem jauchzenden Mr.November, bei dem Matt Berninger zum Text passend durch das Publikum heizt. Nach der vorletzten Zugabe namens Terrible Love gibt es den so ziemlich herzerwärmensten Moment des ganzen Festivals: The National stimmt gemeinsam mit allen Zuschauern Vanderlyle Crybaby Geeks in einer kuscheligen Akustikversion an.

Da tut später selbst die lange Pfandschlange nicht mehr weh. Nur, dass das Maifeld Derby als eines der schönsten Kleinformat-Festival für dieses Jahr vorbei ist. Das ist wirklich traurig.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
04. Juni 2014
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