Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Böblinger Songtage, das beste seit den Beatles

Nachdem ich gestern gelernt habe, wie man es laut Backline Newsletter nicht machen soll, versuche ich es doch mal! Die Böblinger Songtage und warum nächstes Jahr jeder hingehen sollte!

Ich muss gestehen, ich war bisher immer nur in Böblingen, wenn ich da arbeitstechnisch unterwegs war, als ich dann vor einer Weile von den Böblinger Songtagen gelesen habe, war ich etwas überrascht. Ich hatte so viel Kultur in Böblingen einfach nicht auf dem Radar und nachdem ich dann auch noch gesehen habe, dass die großartigen Jungs von Die höchste Eisenbahn da sein werden, war ich Feuer und Flamme! Aber nun der Reihe nach, was hat diesen Abend nun besonders gemacht.

Eine nette Abwechselung ist definitv das kostenlose Parken in der Innenstadt, so bequem kommt man selten zum Konzert und dann einen kurzen Spaziergang um den Böblinger See später steht man vor der alten TÜV-Halle und ich bin überrascht: Ich hatte zwar schon gelesen, es würde gemütlich, aber wenn man so davor steht, wirkte das Ganze noch einladender als erwartet. Nachdem ich mir erstmal ein Nucki Nuss zum Abkühlen gegönnt habe, beginnt auch schon der letzte Abend des Singer-Songwriter Festivals in der Nachbarstadt.

Den Abend eröffnet das Toni Hoffman Trio und man muss vorrausschicken, es ist heiß im schönen Böblingen und es ist noch viel heißser in der alten TÜV Halle, daher nutzen viele der schon Anwesenden die Stühle am Rand und aus den Flyern wird ratzfatz ein Fächer gebastelt. Die drei Jungs auf der Bühne, die extra aus Stuttgart Bad Cannstatt angereist sind, haben bis vor kurzem eigentlich nur englische Texte geschrieben und daher mischen sie alte Songs mit neuen Stücken und stimmen uns ganz unaufgeregt in den Abend ein. Besonders schön finde ich ja immer, wenn nicht alltägliche Instrumente mit von der Partie sind und heute übernimmt diesen Part das Harmonium. Eindrücklich ist jedoch, dass trotz des noch überschaubaren Publikums sogar schon ein gewisses Mitsing-Potential erkennbar ist und das verspricht noch einiges für den Abend!

Als nächstes betritt nach einer sehr kurzen Umbaupause, und das finde ich immer sehr erfrischend, wenn man nicht Stunden auf die nächste Band warten muss, Lukas Meister die Bühne. Der Ex-Freiburger, den es jetzt nach Berlin verschlagen hat, gewinnt das gesamte Publikum in Windeseile mit seinen witzigen, aber tiefgründigen Texten, seinem flotten Gitarrenspiel und seiner charmanten Art. Textstellen wie "Seit 11 Jahren nicht mehr 19" zeigen seine humoristische Sicht auf das Leben und die Widrigkeiten, die es für uns alle bereithält. Leider ist immer noch nicht so wirklich viel los hier in Böblingen am See und das ist wirklich schade, denn Songs wie Geballte Weisheit erklären uns auf eine sehr schwarz-humoristische Art die Welt. Zwischen diesen doch häufig eher amüsänten Texten erwarten uns immer wieder Nummern mit sehr subtilem Tiefsinn wie Gefährlich, sich umzusehen. Und ihm, wie auch dem Publikum, gefällt es dabei so gut, dass er mehrfach aber wirklich zum Ende kommen muss, eine solche Freude ist immer wieder schön anzusehen und man merkt es gefällt ihm in Böblingen.

Wie mir beim Schreiben gerade auffällt, ist es ein Baden-Württembergischer Abend, Stuttgart und Freiburg und mit Francesco Wilking von der Höchsten Eisenbahn ein Lörracher, der als letztes die Bühne betritt, zusammen mit seinen Freunden Moritz Krämer, Felix Weigt und Max Schröder. Nachdem nun auch der letzte von den Stühlen vor die Bühne kommt, geht es direkt los und man spürt sofort, es wird ein besonderer Abend!

Als zweites Stück direkt Vergangenheit, meine erste Begegnung mit der Band, ein so tiefsinniges Lied, das einem immer wieder zeigt, dass man die Träume und Ziele des Lebens nicht immer vor sich herschieben sollte. So langsam füllt sich auch die Halle und zusammen mit der Band schwitzt und tanzt Böblingen zu den Klängen von Pullover und Raus aufs Land. Beeindruckend bei dieser Band finde ich, dass immanente Wechseln von Rollen und Instrumenten, lediglich Max Schröder bleibt beim Schlagzeug, ansonsten spielt jeder mal auf jeder Position.

Es ist eine sehr lockere Atmosphäre, die an diesem Abend herrscht, und selten werden technische Probleme so kurzweilig und unterhaltsam überspielt. So hatte das Mikro von Moritz Krämer zum Stück Isi die unschöne Angewohnheit ihm immer wieder einen Schlag zu versetzen und auf der Suche nach einem Popschutz wurden lustige Geschichten erzählt. Mittlerweile sieht man die Temperatur, die herrscht auch, denn die Gesamte Band ist nun klitschnass und Francesco bräuchte gerade bei seinen Gitarrenstücken einen Brillenstopper.

Der Backline Newsletter scheint auch wichtige Hinweise zu geben und so scheint es sich nicht empfehlenswert zu sagen, Die Höchste Eisenbahn sei das Beste seit den Beatles oder eine Mischung aus Bach und Scooter. Auch wenn letzteres mit Sicherheit unzutreffend wäre, muss man festhalten, dass diese Band ganz weit vorne spielt, wenn es um deutsche Musik dieser Tage geht und der Abend verfliegt förmlich. Bei Mira persiflieren sie sogar noch ein bisschen Kelis ins Stück: Damn right, it's better than yours! Ein besonderer Moment ist sicher auch Was machst du dann, bei dem Martha und Max auf der Bühne den Kinderchor geben.

Aber nach den Zugaben Die Uhren am Hauptbahnhof und Der Himmel ist Blau ist dann auch dieser besondere Abend vorbei und mir bleibt nur zu sagen: Böblingen, du hast es drauf. Ich hoffe dieses tolle Event spricht sich noch etwas mehr herum, denn dieses gemütliche Festival am See hat es in sich!

Text:
Tobias Leicher
Geschrieben am
09. August 2015
Die Höchste Eisenbahn Die Höchste Eisenbahn
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Toni Hoffmann Toni Hoffmann
under 2000 listeners, rock, soul, acoustic, Indie
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