Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Bilderbuch in den Wagenhallen

Bei zu viel Vorfreude und zu großen Erwartungen kann ein Konzert doch eigentlich nur in die Hose gehen, oder? Nicht so bei Bilderbuch gestern Abend in den Wagenhallen.

Die Schlange lang, alle Tickets restlos ausverkauft. Die Kesselstadt hat Bock auf Bilderbuch, keine Frage. Doch bevor es losgeht, wenden wir uns erst einmal dem Voract zu. In diesem Fall ist es Adi. Das wissen die Zuschauer, weil es die großen Leuchtbuchstaben hinter ihr verraten. Leider steht Adi nicht in Adiletten auf der Bühne – das hätte ich stark gefunden. Stattdessen hat sie ihren Sampler dabei, aus dem wechselweise Loops und Sound-Schnipsel abgefeuert werden.

Was uns präsentiert wird, ist eine Art Electro-R&B. Eigentlich eine interessante Mischung, leider wirkt das Ganze live manchmal ein wenig überladen und v.a. ist für das Publikum ziemlich schwer nachzuvollziehen, welche Sounds hier live gesungen werden und welche aus der Konserve kommen. So richtig tanzbar ist das Ganze auch nicht und taugt so zur Einstimmung nur bedingt. Insgesamt sicher nicht schlecht, wenn man es daheim hört, aber in diesem Setting ziehe ich es vor, mir an der Bar noch ein Bier zu holen und auf den Hauptact zu warten.

Um 21 Uhr endlich: Bilderbuch. Maurice steht in einem gewohnt, ähm, schicken Outfit auf der Bühne. Das Hemd scheint alle Farben des Regenbogens zu beinhalten, die durch eine Art Batik-Effekt miteinander verlaufen sind. #FeinsteSeide

In grünes Licht getaucht beginnen die vier Jungs mit „Willkommen im Dschungel“. Der perfekte Opener, um die Beine zu lockern. Im Anschluss werden „Rosen zum Plafond“ und „Schick Schock“ nachgelegt – die perfekte Gelegenheit für Maurice seinen Hintern in Szene zu setzen, was den Stuttgartern offensichtlich gefällt. Das Publikum tanzt, singt mit und genießt sichtlich die funkigen Gitarrenriffs. Währenddessen wird Maurice' Stimme immer wieder durch das Effektgerät gezwirbelt, bis fast nichts mehr davon übrig ist. Wenn die Effekte nicht dermaßen übertrieben wären, würde ich kopfschüttelnd dastehen und mich wundern. Aber was hier verzerrt und verwurstet wird, kann man nur noch als bitterböse, ironische Referenz auf Autotune-Effekte und dergleichen verstehen.

Überhaupt scheint Humor eine wichtige Komponente zu sein. Die Anekdoten, die mit österreichischem Charme vorgetragen werden, tragen genauso dazu bei wie mancher Lichteffekt und manche musikalische Soloeinlage. Als Gitarrist Michael Krammer die Band auf einmal durch eine Percussion-Einlage an den Bongos unterstützt und meine Begleitung kurzerhand meint: „Das ist ja wie beim Safri Duo“ (die Älteren von euch erinnern sich vielleicht noch), wird die gesamte Show für mich um eine wundervolle 90er Jahre Referenz reicher.

So tanzen wir uns durch die gesamte Show, die vor allem von neuen Songs bestimmt wird. Nur hin und wieder geben wir uns „karibischen Träumen“ hin oder wundern uns über „Joghurt auf der Bluse“, der eine echte Katastrophe darstellt. Ansonsten bewundere ich den extrem geschickten Lichteinsatz. Die Effekte sind nicht übertrieben, aber dafür umso zielgerichteter. So wandelt sich das grüne Licht von „Willkommen im Dschungel“ in ein kräftiges Rot für „Rosen zum Plafond“. Bei „Plansch“ wird die Band in blaues Licht getaucht, bei „Softdrink“ sind die Lichter so bunt wie „Coca-Cola, Fanta, Sprite“ und „Spliff“ wird schon vor den ersten Takten mit jeder Menge Nebel und grünen Spotlights angekündigt.

Wer diese wundervolle Untermalung bemerkt hat, weiß sofort, welcher Song folgt, als alles dunkel wird und nur ein einzelner gelber Spot quer über die Bühne strahlt. Die ersten euphorischen Rufe sind zu hören. Der Jubel verstärkt sich, als Maurice seine Hand ins Licht hält, um sich einen gelben Autohandschuh überzustülpen. So baut man Vorfreude auf! Die Band greift in die Saiten und das Publikum springt zu „Maschin“. Es folgen noch zwei Zugaben und ich weiß bereits, wer für mich die Band des Jahres 2015 werden wird.

Text:
Geschrieben am
26. März 2015
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austrian, Indie, rock, german, indie rock