Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Birdy im Theaterhaus Stuttgart

Noch ein Vogel am Pop-Himmel.

Rund 1000 Tickets wurden für dieses Konzert verkauft; im großen Saal tummeln sich bereits eine Großzahl besagter Ticketkäufer. Der Abend ist getaktet: 20-20:30 Uhr Lawrence Taylor, 20:30-21:00 Uhr Pause, 21-22:30 Uhr Birdy — Stehplätze, aber machbar.

Lawrence Taylor ist bereits voll im Gange, als ich vorne meinen Raum einnehme und heizt dem Publikum solo mit Saiteninstrument und erschütternd akkuratem Pop-Gesang ein. Weiß auf schwarz auf weiß, so steht er da mit über seinem Kopf hängenden weißen Bändern, schwarzer Garderobe und weißer E-Gitarre. Seine Musik ist flink und rhythmisch ausgeklügelt, er hält die Augen geschlossen, womöglich um das Feeling richtig zu übertragen, vielleicht auch aus Nervosität oder einfach, weil man das gefälligst so macht. Hier und da erinnert er mich an Hozier oder Ed Sheeran.

Alles klatscht wild und der junge Mann verlässt die Bühne nach gespieltem Set — die Pause will eingehalten sein. Zeit für Vorfreude, frisches Kaltgetränk und Getöse.

Das Licht geht an und drückt sich auf die perplexen Häupter der Besucher. Ein erster Eindruck der Publikumszusammensetzung bietet sich mir da an; wider Erwarten scheint Birdy in Stuttgart vermehrt ältere Fans zu haben — von Mitte 20 bis etwa Mitte 50 — was vielleicht an den satten Ticketpreisen liegt oder vielleicht daran, dass Birdy inzwischen durch ihren massentauglichen Pop im Hörfunk Wurzeln geschlagen hat.

Mit großem „Juchhe“ und offenen Armen bzw. wahrheitsgetreu lautem Gekreische wird Birdy pünktlich mit ihrer fünfköpfigen Show-Band in Empfang genommen. Alle tragen schwarz bis auf das unten samten, oben funkelnd smaragdfarbene „Grünkehlchen“. And so it starts.

Ein Querflötist, der später auch noch auf Violine umsteigt, macht den Auftakt, woraufhin auch Bass, Schlagzeug, die beiden Keyboards und Birdy am Flügel einsteigen. Birdy singt in den höchsten Tönen. Textzeilen à la „I’m broken […] everything you once loved […] when you lose your guidance […]“ lassen mich den klischeebehafteten Prasselregen herbeisehnen, um dieses Bild zu vervollständigen. Neben mir fängt es schon an zu knutschen. Wie würde Casper sagen? „So perfekt!“ Und so ist es eigentlich auch: jeder Ton sitzt, perfekt gesetzte Akzente und Licht-Effekte, perfekte Liedlänge, sechs attraktive Menschen auf der Bühne, Gesang, der wohlig-warm wie eine dicke Laubdecke klingt, Harmonien für alle Sinne. Eigentlich. Das Dargebotene hat meines Erachtens mit der „kleinen, unschuldigen“ Birdy von 2011 noch recht wenig zu tun.

Performancetechnisch wenig abwechslungsreich werden Cover-Stücke und Eigenkreationen kredenzt, einhergehend mit den bahnbrechenden Lichtern. Die Hits und auch aufregendere Songs kommen gegen Ende des Abends Schlag auf Schlag, sowie ein Duett mit dem Schnittchen Lawrence Taylor. Was mir zu einstudiert, glatt und poliert erscheint, findet der Mann schräg vor mir ganz wunderbar, wie ich des öfteren erfahren darf, wenn er sich mal wieder zu seinem freundlich lächelnden Kollegen dreht und kopfschüttelnd „Wunderschön!“ posaunt. Ich zeige ihm den Vogel.

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
30. September 2016
Birdy Birdy
folk, Indie, female vocalists, british, singer-songwriter