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Brant Bjork im Universum
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Brant Bjork im Universum

Ein "Desert Train Trip" durch die Nacht.

Es ist Mittwoch, der 9. August. In den frühen Abendstunden tummeln sich die Feierabendbiertrinker und Musikliebhaber im beschaulichen Goldmark’s Biergarten. Begossen wird jedoch nicht nur das Verlassen des Bürogebäudes (bzw. des Hauses), sondern der bevorstehende Auftritt von Brant Bjork.

Die Stoner Rock Legende aus Palm Desert, Süd-Kalifornien, kann als stilprägender Musiker bezeichnet werden. Als Gründungsmitglied der Band Kyuss spielte er bereits in einer Vielzahl Projekten mit und verhalf mit den Desert Sessions, einem gemeinschaftlichen Musikprojekt, Kollegen wie Queens of the Stone Age und den Eagles of Death Metal zum Erfolg.

Nun hat es den All-Round- Musiker für zwei Gigs nach Deutschland verschlagen. In diesem Fall ins Stuttgarter Universum, zusammen mit seiner „Low Desert Punk Band“ und Special Guest Sean Wheeler, mit denen er sonnengereifte Schwingungen in den gefüllten Raum bringt.

Das Ganze ist so heiß wie die Wüste Kaliforniens, in der musikalische Strohballen in Form von satten Riffs und warmen Klängen hier und da vorbeisausen. Brant Bjork wirkt locker bekleidet, sonnenbebrillt und mit Stirntuch geschmückt, entspannt. Der Stoner eben, wie er im Buche steht. Er hält die Gitarre behutsam wie ein Kind, zugleich spielt er bestimmt, seine Stimme schwimmt oben auf den tiefen Riffs auf. Durch Kunstpausen und Rhythmuswechsel mitten im rollenden Jam bringt er die Aufmerksamkeit der einen oder anderen, die bei gleichbleibenden Rhythmen vielleicht abgeschweift sind, wieder ins Hier und Jetzt. Das Publikum sorgt für die nötige Hitze, schwingt locker die Hüften und schüttelt die Köpfe.

Nach einer Weile, die zeitlich nicht greifbar ist, da sich alles außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums abspielt, betritt ein weiterer Akteur die Bühne. Sean Wheeler. Der Sänger, der im Gegensatz zu Brant voller Energie auf der Bühne tanzt, singt eigentlich bei der Band Throw Rag. Jetzt tourt er gerade mit Brant durch Europa und komplettiert mit seiner hellen Stimme die Klangpalette des eher low gehaltenen Sounds.

Diejenigen, die für monotone Takte empfänglich sind, erfahren einen tranceartigen Bewusstseinszustand und gehen im Geschehen auf. Durch diese musikalische Immersion merkt man nicht, wie die Zeit vergeht oder wie Sean Wheeler plötzlich blank zieht, sich eine Augenbinde aufsetzt und Tamburin und Rassel schwingt. Die Spannung steigt und es kommt zum Beatdrop!

Ich wundere mich tags darauf lachend über die völlig kranken Handynotizen, die während des Auftritts entstanden sind. Da steht was von „coyote sounds“ und „ghostly atmosphere“, die irgendwie erzeugt wurde und ich mich anscheinend auf imaginäre Dünen wiedergefunden habe. Es handelte sich wohl um einen „durchgehenden jam“, denn die Songs schienen kein Ende zu nehmen.

Dann verlässt Sean die Bühne. Es folgt ein „Jam des Todes“ und das „geilste Riff ever“. Es wurde nochmal so richtig Staub aufgewirbelt und es herrschte „flow as fuck“. Haha. Sean beendet diesen „desert train trip“ mit der namentlichen Vorstellung und Ehrung seiner Bandkameraden. Dann verlassen sie die Bühne. Eine Zugabe war wohl nicht eingeplant, es läuft wieder regulär Musik durch die PA. Doch der anhaltende Applaus veranlasst die Musiker, die Bühne für einen letzten ausgelassenen Jam zu betreten.

Damit wurde ich Zeuge von einem Stück Stoner Rock Geschichte und bin glücklich nach Hause gegangen.

Text:
Mary Hinzmann
Geschrieben am
14. August 2017