Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Calexico im Wizemann.

Fünf Drogen, die Calexico nehmen sollten.

Verfluchte Scheiße sind die perfekt. Calexico, die Band, die Donald Drumpf mit ihrer Kombination aus Americana und allem, was nach Mexiko klingt, die Viagra-geschwängerten Nachtstunden mit Töchterchen Ivanka Drumpf versaut. Die Band, die in keiner Plattensammlung jener selbsternannten Bohéme fehlen darf, die mit Grünkohl-Smoothie bedingter Einsamkeit das Ansteigen der Alterspyramide zu verantworten hat. Die Band, die der feuchte Traum deiner ausgetrockneten Schwiegermutter sind. Und deines heimlich schwulen Schwiegervaters gleich mit. Die seit 1996 werkelnde Truppe legt mit ihrem Tourtross Im Wizemann an. Wir sind mitten drin in ihrer perfekt austarierten Setlist mit perfektem Sound. Mit perfektem Takt. Mit perfekten Tempiwechsel. Perfekten Bläsern und perfekten Stimmen. Und dem gottverdammt nochmal perfekten Seitenscheitel Joey Burns'.
Soviel Perfektion ohne Ecken und Kanten ist zwar schön für die Öhrchen und lässt verdammt viele Tanzlegastheniker im Glauben, sie könnten ihre übergewichtigen Hüften jetzt plötzlich zu Mariachi-Klängen schwingen. Doch für den Reddit-verwöhnten und YouTube-geschädigten Highspeed-Aufmerksamkeitsspannen-Konzertbesucher bedeutet sie nichts außer Todessehnsuchts-auslösender Langeweile.
Deswegen hier ein paar Mittel gegen ebenjene, die wir Calexico nahelegen wollen:

1. Marihuana.
Der Klassiker in Reinform. Am besten pur konsumiert. Denn ein bisschen Entspannung würde diesem Folk-Kollektiv aus Tucson, Arizona ganz gut tun. Dann wären sie vielleicht nicht fünfzehn Minuten zu früh auf der Bühne gestanden. Und hätten sich zwischen den Songs ein bisschen Zeit gelassen. Übrigens empfehlen wir ein leckeres Sativa-Pflänzchen, bestenfalls geerntet aus – wer hätte es gedacht? – Mexiko. Denn die Folk- und Jazz-Passagen des Calexicoschen Sets bieten mehr als ausreichend Platz für diverse Ausflüge in Free Jazz-Welten und psychedelische Experimente. Und mit dem High würden sich nicht nur die Nerver aus dem Alltag sondern auch die Zwangs-Klatscher aus dem Publikum in grüne Luft auflösen.

2. Amphetamine.
Speed, Speck, Schnelles. Nenn' es wie du willst. Das weiße Gold könnte dem statisch hin und her wackelnden Kollektiv etwas Feuer unterm in die Jahre gekommenen Arsch machen. Und dem geradezu robotergleich agierenden Convertino ein paar unerwartete Breaks aus dem Handgelenk zaubern. Wer weiß, vielleicht würde sich die Truppe dann wie Greg Puciato von The Dillinger Escape Plan auch an Mikro-Ständen die Köpfchen blutig schlagen oder in bester GG Allin-Manier die eigenen Exkremente verspeisen. Zumindest würden nicht jeder Schritt auf der Bühne und jede Gestik, die das Publikum einbezieht, so wirken, als wären sie einstudiert.

3. Magic Mushrooms.
Bio, vegan und bestenfalls in San José, Mexiko geerntet: Psychoaktive Pilze. Der Pflanzen-Trend, der Grünkohl von den Ladenregalen stoßen und einsamen Hausfrauen vielleicht auch mal schöne Träume besorgen wird. Die kleinen Gewächse könnten dem glatt-gestriegelten Kollektiv die Türen der Wahrnehmung öffnen und sie anstatt der wohl ausgesuchten Setlist mit allen nötigen Ruhe-, Klatsch-, und Emo-Momenten einfach mal ein paar Weihnachtslieder in Schönberg-Verkleidung spielen lassen. Oder Slayer-Songs im Americana-Stil rezitieren lassen. Oder Sänger Joey Burns einfach mal mit nacktem Oberkörper ein Bild zu einer zweistündigen Jam-Session malen lassen. Zumindest würde eine Show dann ein paar unerwartete Setlist-Momente beinhalten. Denn: Musikalisch schafft die Truppe alle Spinnereien, die wir uns ohne das Zeug gar nicht vorstellen können, mühelos.

4. Ethanol.
Der gute alte Alkohol. Die Aggressions-auslösende Pest jedes Volks-, Feuerwehr oder Frühlingsfestes, das Stadtbahnen mal eben in vollgekotzte Kinderzimmer verwandelt. Und Menschen in Tiere. Genau richtig für Calexico. Denn wer zwanzig Jahre im Business ist, Hallen mühelos ausverkauft und sich mit seinen Platten immer wieder zum Kritiker-Liebling hochmusiziert, der darf seine Gitarren auf der Bühne zerschlagen, mit Benzin übergießen, einem Zippo anstecken und mit Kotze wieder löschen. Der darf die Kameras der Fotografen ins Jenseits kicken. Der darf seinen Kontrabassisten eine Rotzpackung ins Gesicht schleudern, als würde er in der Kreisliga zu den Goalgettern gehören. Der darf politisch inkorrekte Witze machen. Und der darf verdammt nochmal seine Fassung für ein paar Minuten vergessen. Calexico, seid doch mal nicht so brav.

5. Heroin.
Denn damit hoffen wir, dass Calexico der Langeweile den goldenen Schuss setzen. Denn an dieser Truppe gibt es nichts auszusetzen. Und das ist ihr Problem.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
03. Mai 2016
Calexico Calexico
alt-country, Indie, seen live, americana, folk