Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

All hail the riff.

Seelenarbeit mit den Cancer Bats.

Schoßbrühe.
Stuttgart, wir müssen reden. Wie kann es sein, dass die kanadischen Botschafter der lupenreinsten Verquickung von Blues und Hardcore seit 80er Jahre Schmuddelfilmchen, Cancer Bats, in deinem Schoße so unbekannt sind? Im Vereinigten Königreich feiern frenetische Fan-Formationen das Vollbart-Kommando Prädikat Naturkosmetik. In Amsterdam pilgern kernige Kerle, deren Hirne irgendwo zwischen Klarheit und Doppelkorn-Katharsis einzuordnen sind, zu ihren Shows. Und von den Abrissen in ihrer Heimat Kanada werden ganz viele Konzertbesucher noch ihren Kinder nichts erzählen wollen. Und im Kessel? An einem Samstag? Keller Klub. Moderat besucht. Sei's drum. Wir erwarten nichts Unerwartetes und lauschen den Klängen der Aufwärmer Lord Dying.

Furzfilmfestival.
Nach 45 minütiger Show sind wir uns sicher: Man muss einem Menschen 132.721 Haare ziehen, um nach derzeitigem Kulturstand als kahlköpfig zu gelten. Diese Beschäftigung mag perfide erscheinen, doch im Vergleich zur Show der aus Portland, Oregon angereisten Langhaar-Schüttler fährt sie ein wie eine Packung Dickmann's für ein ADHS-Kind mit Diabetes Typ 2. Denn das uninspirierte Kopieren schleppender Old School Death-Riffs àla Obituary mit gelegentlichenSlayer-Schlenkern kann jede dritte, zweitklassige Schüler-Band einzigartiger zur Schau stellen als jene Recken, denen ein Bassist sträflich fehlt. Nach vier bis fünf Halben mag sich der ein oder andere Nostalgie-Freund an damals erinnert fühlen. Wir fühlen, dass unsere Gehirnzellen unterfordert sind und analysieren das Blut-läuft-runter-Logo der Truppe im Kontext der Bauhaus-Schule nach Walter Gropius und Jan Tschichold.

Hardcore Poren.
Doch da zerbirst unser Gedankenexperiment unter den Klängen von True Zero: Die Stunde hat Cancer Bats geschlagen, Und Liam Cormier, der Hans Springinsfeld des Hardcore, befiehlt die bisher statische Masse mit einladenden Gesten Richtung Bühne. Ehe wir uns vom Initialschock erholt haben, treffen uns die Nackenbrecher-Riffs von Bricks and Mortar an der Schläfe und wir ergeben uns in den Sinnestaumel der sympathischen Schonungslosigkeit der einzig wahren Southern Rock Hardcoreler, die südlich des Himmels wohnen. Und ohne großes Umsehen beschwören die vier Mannen ihren ganz persönlichen Teufel aus den Untiefen der Unterwelt Torontos.
Ihre jüngste Platte Searching For Zero behandelt die schiere Überanstrengung nach unzähligen Shows, bei dem die Jungs mehr als ihr Innerstes in die Bühnengräben dieser Welt kotzten. Die einsamen Nächte danach. Das tägliche Aufwachen in einer neuen, unbekannten Konzertvenue. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Beton und Vorabend-Siffe. Zum Glück. Denn diese Müdigkeit hat sich im Schmieden der Platte aufgelöst. Und heute sind die Cancer Bats wieder genau das, was sie immer waren. Ein radikaler Rabauke, dem man nichts übel nehmen kann. Und will. Mit kompositorisch-konsequenten Kurz-Eruptionen wie All Hail erschüttert das kanadische Kommando nun den Keller Klub in seinen Grundfesten und läutet den wohl nettesten Pit seit Menschengedenken ein.

Sieger der Schmerzen.
Fäuste-reckend, mitgrölend und schlichtweg grinsend ob der einnehmendenHammergeil-Rufe Liam Cormiers streichelt sich die krude Mischung aus Hardcore-Nachwuchs und Alter Garde des Rock 'n' Roll dort geradezu über den Rücken. Nur um ihre Seele sodann ins Mikro des Beelzebubs da vorn zu speien. Doch um ihre Vergänglichkeit bedarf es keiner Furcht. Die Cancer Bats scheinen das Gift aus dem Jahr der Schlange gefiltert und in einer teuflischen Tinktur der Tournee aufgebraut zu haben. Jede Note ihres punkigen Erbes Pneumonia Hawk nimmt plötzlich die Form der unzähligen Sticker an den schmutzigen Wänden des Keller Klubs an. IhreBlack Sabbath-Verneigung Lucifer's Rocking Chair bedeckt die Bodenplatten mit einer klebrigen Schicht aus Schweiß, Alkohol und Blut. Die treibenden Drum-Salven Trust No Ones verpassen dem Klub Schrammen, Kratzer und Kerben. Während der kurze Ausflug Cormiers in die Ernsthaftigkeit dem Keller nun die nötige Integrität in der großen Gruppe der Nachtclubs mit Charakter sichert. Dieser ruft nun zur Spende für die Princess Margaret Cancer Foundation auf. Am Ende der Tour wird er sein Haupthaar opfern, um Botschafter für den Kampf gegen den Krebs zu werden.

LIAMS GONNA SHAVE HIS HEAD!From Jan 11 to Feb 21 Liam will be raising money for the Princess Margaret Cancer Foundation @thepmcf. He'll be taking donations at all of the Cancer Bats shows and online donations will be up shortly!Then on Feb 22nd Liam will shave all of his hair off! So bring a couple extra bucks to the shows and let's kick Cancer's ass in 2016!Keep checking back here or www.cancerbats.com to donate directly to Princess Margaret. Thanks so much for helping us do this! It means a lot!!

Posted by Cancer Bats on Monday, 11 January 2016

Mad Infinitum.
Doch genug der "Seriositiy", wie der Sympathieträger es nennt. Mit ihren finalen Nummern Arsenic In The Year Of The Snake und dem obligatorischen Sabotage-Cover beenden die Cancer Bats ihr teuflisches Machwerk, das so gar nichts unchristliches zum Ziele hat. Denn mit ihrer kaltschnäuzigen Attitüde, egal ob vor zwei oder zweitausend Menschen, ihrer Spielfreude, ihren Verneigungen vor der Vergangenheit und ihrer Offenheit gegenüber der Zukunft, beschreiben die vier langhaarigen und tätowierten Jungs aus Toronto mal eben die Manifestation der Seele des Rock 'n' Roll. Und diese kennt bekanntlich keinen lauen Abend. Deswegen macht diese Truppe Bock. Und deswegen wird diese Truppe immer Bock machen.

Foto: AllThingsLoud

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
11. Februar 2016
Cancer Bats Cancer Bats
hardcore, hardcore punk, southern rock, canadian, metal