Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

The Cure in der Schleyerhalle

Was macht eine Band, die zu 80 % aus Hits der letzten 40 Jahre besteht, noch besonders? Unsere Autorinnen Bets und Amelie im Gespräch über eine Ikone in Stuttgart.

Hallo Sonntagabend, hallo Schleyer-Halle, hallo Mann an der Gitarre, der "How Soon Is Now?" von The Smiths unter lautem Verstärkergerappel performt.
Und Hallo werter Leser, der gerne mehr über das Konzert von The Cure in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle erfahren möchte. Das ist Amelie und ich bin Bets. Keep calm and read on.

Erste Frage, die mir in den Kopf schießt: Wer war dieser Hanns-Martin Schleyer, dass er so eine große Halle betiteln darf, in der sogar Kurven gerade sind? ("Block G? Gehen Sie um die nächste Kurve und dann runter.") Zuletzt war ich in diesen Hallen, als hier Zaz parallel zu den Backstreet Boys spielte. Am heutigen Abend macht The Twilight Sad den Auftakt, eine schottische Band, die sich dem Postrock, dem Shoegazing, dem psychedelischen Noise Pop verschrieben hat.

Im Gegensatz zum regen Publikumsfluss bewegen sich The Twilight Sad stur innerhalb einer Quinte. Die Halle flackert in wahllosem Lichtgewitter, der Frontmann des Supportacts scheint dem Future Island-Frontmann in der Extravaganz seiner Dance Moves nachzueifern. Dabei scheint er Dinge zu spüren, die sich über die Zuschauerreihen hinweg verdünnisiert haben und auf meinem Platz nicht ankommen. Die Monotonie schlaucht mich.

Na wenigstens ist das rollende "R" im Gesang ein echtes, wenn auch schottisches Highlight. Ich muss ehrlich gesagt an ein zu plattitüdenhaftes Placebo denken. Passt ja - rein medizinisch gehören Placebo und The Cure ja auch zusammen.

Die guten alten Zeiten.

Zuerst ist da der Nebel, dann die Schreie und einhergehend mit der leiser werdenden Überbrückungsmusik die ersten entzückt gezückten Handydisplays im Zuschauerraum, gefolgt von der die Bühne betretenden Band.
Robert Smith trägt dabei das Hemd, das er vom 4. Juni 1984 rausgekramt hat. "Living at the edge of the world", wie schon immer.

Beginn ist 20:20 Uhr. Die Band ist ruhig, das Intro langsam und melodiös. Am Ende des Initialliedes hallt ein "We are back" über die Lautsprecher.
Diese Band muss nichts Außergewöhnliches tun und steht abrupt auf (m)einem imaginären Podest. Nostalgie ist einfach was Schönes! Ja, und Unannahbarkeit irgendwie auch.

Das Publikum ist in Extase und so so glücklich über das Privileg, dem Konzert beiwohnen zu dürfen. (Ja, es ist schon in Anbetracht der Preise ein Privileg.) Aber kein allumfassendes, schließlich gibt es noch Tickets an der Abendkasse.

Die fünf Leinwände hinter der Band wechseln von einem Standbild zu Live-Aufnahmen vor Ort. Eine Kamera ist von der Bühne auf die Band gerichtet, eine hinter dem Drummer und fängt einen Bruchteil des Zuschauerraums ein. 12.000 auf Erwartungs-Wölklein schwebende Individuen.

Wenn aus Liebe Alltag wird.

Der Auftritt scheint über die Jahre hinweg perfektioniert worden zu sein. Kein Manko, kein Makel. Nicht einmal ein Räuspern seitens Smith. Seine Stimme klingt nach wie vor einfach klar und zutiefst traurig. Oder abgeklärt. Rein akustisch hat mich das Dargebotene wenig überzeugt - die Lieder sind der Hammer; die Kompositionen, die Stimme und der Sound wecken in mir ein Gefühl von "ich wäre gern am Anfang dabei gewesen", die Bühneninszenierung ist sagenhaft und in ihrer Einfachheit mächtig - jedoch fehlt live die Brillianz. Oder mir fehlt die Imagination.

Ich frage mich, ob Smith seine eigene Musik, sein dort verewigtes Genie, überhaupt noch zu schätzen weiß, ob er seine Musik überhaupt noch zu lieben und zu feiern weiß. Was glaubst du denn, wie ernst meinen es The Cure noch mit ihrem Publikum, Bets?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich kenne die Band nicht von vorigen Auftritten. Ich weiß nur, dass 12.000 Leute für diesen Act aufgekreuzt sind, dass fast alle gewillt waren, 60€+ zu zahlen und dass von Seiten Smith's recht wenig zurückkam. Natürlich ist das nicht gleichzusetzen mit einem schlechten Konzert, denn wer so viel zahlt, der holt sich meiner Meinung nach, was ihm gebührt: Entweder man schert sich bemüht wenig um das Dargebotene, man betrinkt sich, oder macht sich anderweitig eine Fete aus dem Abend.

Du als rege und erfahrene Konzert-Pogerin und -Peglerin: Lässt sich für dich das heutige Publikum sortieren?

Das meiste hab ich so erwartet: Cure-Gedächtnis-Frisen oder düstere Leichen aus dem Schrank. Dann waren da aber auch noch die klassichen Schwaben im Hemd und ältere Herrschaften ohne ihre Kinder. Überhaupt recht wenig junges Publikum. Ob es am mangelndem Kleingeld oder Wissen von Kult liegt, kann ich mir nur schwer erklären.

Mir wird wieder bewusst, wie mächtig Musik doch ist, als ich versuche, mich in mein Bild vom Publikum einzufühlen: Menschen, die mit The Cure groß geworden sind, Menschen, zu deren Lebens-Soundtrack The Cure gehören, die jetzt diese Momente erleben, evtl. glasige Augen haben, vor Freude bei "Friday I'm In Love" aufspringen, das gesamte Konzert durch eine rosarot-rostige Brille sehen, während ich mich als Externe fühle - ich habe noch nicht in den 80ern zu tanzen gelernt.

Ich weiß genau, was du meinst. Ich hab das Gefühl, dass uns diese Giganten da unten auf der Bühne zumindest von den Reihen hier oben nicht ernst nehmen. Sie spielen zum hundertsten Mal dasselbe Lied, alles sitzt, nichts wackelt, außer mein Kopf zum Takt. Dabei mag ich es, wenn man jemanden beim unperfekt sein erwischt. Dann sind Konzertmomente authentisch, wie eine Freundschaft.

The Cure hingegen sind schwäbisch mit Gefühlen jenseits ihrer Songs, ein nacktes "Dankeschön" reicht ihnen scheinbar aus. Bets, findest du es gerechtfertigt, für große Acts viel Geld für leidenschaftsarm dargebotene Songs zu zahlen?

Naja, sie haben sich diesen Status ja schon verdient; das Ross, auf dem sie sitzen, ist ja mitgewachsen von Fohlenalter. Ein alternatives Konzept à la "Zahl so viel du willst" wäre aber auch mal interessant. Also gerechtfertigt finde ich den Eintrittspreis schon. The Cure wird es auch recht egal sein, ob es jemandem nicht gefällt ... Ich benötige jedoch für meine Konzert-Exstase das Gefühl, dass die Band Spaß hatte. Dieses Gefühl habe ich heute schlichtweg nicht. Es fehlt an Interaktion mit dem Publikum; wir sind austauschbar und die Show ödet The Cure augenscheinlich an.

Am Ende frage ich mich, warum das Konzert knapp drei Stunden dauert? Sollen die Fans nach all den Jahren noch immer etwas für ihr Geld bekommen? Haben The Cure soviele Songs, dass sie immer noch gerne spielen? Haben sie vielleicht Angst vor den Fans, dass sie ihnen die Treue kündigen, wenn sie nicht alle Haupthits spielen?

Das ist sicher auch eine vertragliche Angelegenheit, dass sie bestimmte Songs spielen. Und bei so einer Rarität an Auftritten kann ich mir schon auch eine Art Pflichtgefühl gegenüber dem Zuschauer denken. Und ja, sie haben natürlich auch ein riesiges Repertoire, aus dem sie schöpfen können, wodurch es für sie selbst nicht so langweilig werden sollte.
Gab es für dich denn einen Flashback-Moment bzw. über welchen Song hast du dich am meisten gefreut?

Am meisten auf jeden Fall über "Love Song". Das ist an der großen Liebe so nah dran wie "Theres's A Light, That Never Goes Out" von den Smiths.

Wenn ich von etwas begeistert war, dann war es die Inszenierung durch Licht- und Bildentwürfe, die wundervoll zurückgenommen und würdevoll die Musik untermalend waren. Wie wirkte die Inszenierung denn auf dich?

Eher so, als wären jetzt auch die Könige des Goth im Stadionrock angekommen und lenkt mich mehr ab, als dass es was mit dem Fühlen der Musik zu tun hat.

Sicherlich fragt ihr euch jetzt, was denn überhaupt unser Resümee des Abends ist, oder ob wir einen Rat für ikonische Konzerte in absurd großen Locations haben.
Mein persönliches Resümee ist, dass ich kleine Stehkonzerte über ertragbare Zeiträume mit ausreichend bezahlbarem Nervengift einem unerwartet uncharmanten Kassenschlager vorziehe. Und mein Tipp in Worten Tex Rubinowitz': "Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu". Dem kann ich mich nur anschließen. Danke für das Gespräch!

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
09. November 2016
The Cure The Cure
post-punk, new wave, alternative, 80s, rock