Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Dear Reader im Schocken

Und ich werde diese Platte nicht kaufen.

Noch bevor alle da sind, starten zwei Menschen namens Traded Pilots den Konzertabend. Äußerlich ein zugeknöpfter Hipster mit Berliner Bekanntschaft im seltsam fallenden Vorhang-Top. Dann klingts erst bisschen wie Kantatenchor und ich mein es nicht so gemein wie es klingt. Es klingt in Wirklichkeit nach viel Talent und großen Chancen. Bisschen seltsam, wie die Geige geklopft wird, aber durchaus überzeugende Stimmen. Dass ich denke, diese Vorband könnte man zur Not auch auslassen, werde ich später zutiefst bereuen und veröffentliche diesen Gedanken nur widerwillig. Dann höre ich zwei Schwäbische an mir vorbeigehend, die eine CD kaufen möchten, weil die beiden ja so süß sind. Ich seh’s genau so.

Es dauert gar nicht lang, die beiden führen nur eine Handvoll Stücke vor. Aber sie kommen direkt wieder, mit der heutigen Zusammensetzung von Dear Reader, die einen fürs Schlagzeug und einen für den Bass mitbringen. Fünf also und los gehts.
Durch die von Anfang an eingeschobenen alten Stücke ist die Brücke schnell geschlagen. In liebenswert brüchigem deutsch erfahren wir trotzdem gleich ein wenig über den Inhalt des neuen Albums Rivonia, das sich um ihre Heimat Südafrika dreht. Sehr emotional dabei die Geschichte eines Verwandten, der zu Lebzeiten ein guter Kumpel Gandhis war und der versucht haben soll diesen zu bekehren (Man of the book). Oder eine andere, als Sage getarnt, von einem südafrikanischen Helden, der es schaffte, einen wütenden König zu beruhigen (Teller of Truths).
Es läuft Wahle mit Trompete und Geige. Dabei sind alle in voller Konzentration und darunter immer wieder Cherilyn MacNeils glasklare Stimme, so fest und bestimmt wie der bestimmt existierende Betonboden unter mir. Dann spielt sie sich am Klavier ein, ein bisschen wie bei Gary Jules' Mad World, aber schöner. Nach From now on ist mir dann klar, dass ich mir nichts mehr merken kann, kein Platz in meinem Gehör. I miss the spring in green singt sie und lacht ein Lächeln zum Davonlaufen.

Währenddessen steht hinten einer am Bass, der kümmert sich wie ein Oberlehrer dass der Mix stimmt. Er lächelt verschmitzt und doch tadelnd nach vorn, als er einen Fehler ausmacht, aber scheinbar verzeiht er. Und wenn er selbst mitsingt, ist Chor. Voller Körperspannung und mit den originären Hand-zu-Ton-Bewegungen.

Das Stück, das als das letzte angekündigt wird, startet ganz plötzlich und wie aus dem Nichts. Laut und schwungvoll lassen sich einige erschrecken. Und dann dröhnt es von vorne „You can go home now“. Das will in diesem Moment niemand. Es sind erst drei, dann fünf Stimmen, Tonlagen, Tonspuren, völlig geordnetes Durcheinander. Erinnert mich derb an ein Werk von Hellsongs, ich komme nicht mehr auf Einzelheiten, bleibe aber in einem kurzen Gedankenspiel hängen, in dem Cherilyn MacNeil neue Frontstimme der Hellsongs ist. Dann wieder zurück im Schocken, irgendein aufgerichtetes Härchen auf dem Arm hat mich geweckt.

Möglich, dass es nie mehr ein Dear Reader Konzert ohne die Begleitung von Emma Greenfield geben sollte. Geben darf. Das ist auch gar keine Begleitung mehr, das ist die Oscar-Nebenrolle. Verrückte Einsätze, verschiedenste Tempi, dann auch mal im Vordergrund und immer mit diesem Blick als täts weh, obwohls Spaß macht.

Nach einem kleinen Volltreffer in der Zugabe ist es aus. Und weil ich genau weiß, dass auf der Platte nicht die Menschen zu hören sind die ich gerade auf der Bühne gesehen habe, bin ich sicher, dass ich schon der Tour hinterherfahren muss, um das noch einmal zu erleben. Und dass ich die Platte nicht kaufen kann. Hinterherfahren wäre aber eine Option.

Text:
Manuel Niedermann
Geschrieben am
14. Mai 2013
Dear Reader
Indie, folk, south african, indie folk, folkrock