Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Die Nerven im Universum

Der ungeliebte Sprössling kehrt zurück. Und dekonstruiert alte Denkmuster.

Der Widerhall wütet immer noch. Ein Aufschrei suchte die deutsche Populärkultur-Kritik dieses Jahr heim. Mit Out schickten sich die Stürmer und Drängler von Die Nerven an, der Entfremdung ein Denkmal zu setzen. Geschaffen aus hypnotischen, dissonanten Klangkompositionen führte die gut abgehangene Absage an jegliche verklärte Hochhaltungs-Harmonie deutscher Punk-Historie zu frenetischen Jubel-Pamphleten der hiesigen und internationalen Presse. Und plötzlich wollte jeder schon seit Fun gewusst haben, dass aus dieser Truppe aus der Stuttgarter Peripherie etwas werden wird. Dennoch: Die völlige Entsagung jeglicher selbst auferlegten Einschränkungen des Pop-Gleichklangs könnte kaum wichtiger für den Gitarren-Nachwuchs der Bundesrepublik sein. Denn am Ende sagt die Platte vor allem eins: Vergesst die Hamburger Schule. Vergesst jegliche Schule. Das Feuer in uns muss erst mal raus. Sollen die anderen das doch mit Merkmalen und Thesen versehen. Wir sind mit Auskotzen beschäftigt.

Passt wie angeschossen.
Geradezu programmatisch beenden die Antihelden des Post-Punk ihre über 27 Shows laufende Tour im Support von Out also im Universum in Stuttgart. Die ungeliebten Kinder einer viel gescholtenen Stadt kehren zurück. Und die Schlange gespannter, verzückter, wiederkehrender oder dem Trend nachhumpelnder Seelen vor dem Einlass ist lang. So lang, dass wir das halbe Set Levin Goes Lightlys, oder des "zweiten Hauptacts", wie der Die Nerven-Schlagzeuger Kevin Kuhn ihn bezeichnet, verpassen. Vermag der psychedelische Synthie-Pop mit Glam-Reminiszenzen unsere Augen in heruntergekommenen Spelunken mit famosem Funkeln erfüllen, geht die Rechnung heute leider nicht auf. Zu träge, zu statisch, zu ungreifbar tönt die Wave-Verneigung vor deutschem Krautrock im sich füllenden Club. Hier und da bewegen sich die Hüften zwar zur minimalistischen Melancholie Levin Stadlers. Doch der Funke will nicht überspringen. Ob es an den hohen Erwartungen an den Abend liegt, sei dahin gestellt. Fakt bleibt, dass es dem aufkeimenden Feuer kaum zuträglich ist, dass der Gute fast zwei Minuten lang nicht bemerkt, dass er mit dem Keyboard den falschen Rhythmus angespielt hat. "Entschuldigung", haucht er. Wir bitten auch um Verzeihung und freuen uns mit wohlwollendem Applaus auf die nächste Show.

Der Zerstörung erster Teil.
Und da werkeln Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn bereits auf der Bühne herum. Ein Raunen, ein Rascheln, ein Rauschen geht durch das unglaublich inhomogene Publikum. Denn alles, was zwischen Jung und Alt, zwischen Goth und Pop, zwischen Möchtegern Pop-Intellektuellem und "Hauptsache laut"-Fanatiker kreucht und fleucht, hat sich heute hier eingefunden. Die zueinander gewandte Formation geht in Position. Das Licht geht aus. Zwei Schläge auf die Toms und Die Unschuld in Person kriecht in unsere Ohren. Und da wird klar: Heute Nacht frönen wir der Zerstörung. Denn wo Levin goes Lightly die Nähe zum Publikum sucht und nicht findet, erheben Die Nerven die Unantastbarkeit zum Axiom. Stoisch wippt Bassist Julian Knoth von einem Bein aufs andere. Entseelt zappelt Gitarrist Max Rieger mit aufgerissenen Augen. Und kindlich verzückt verkloppt der Klassenkaspar Kevin Kuhn sein Schlagzeug. Mit Barfuß durch die Scherben folgt die erste Single-Auskopplung, mit Hörst du mir zu? drückt sich der Publikums-Pulk gen Bühne. Endlich, Bewegung.

Audiophiler Ungehorsam.
Reduzierte Renitenz. Rotzige Rastlosigkeit. Radikaler Rock. Offensichtlich gestärkt von unzähligen Shows ruinieren Die Nerven die Resistenz. Schnappen ihre Hörerschaft mit Eruptionen wie Eine Minute Schweben und dem genial verspielten Main-Riff von Dreck. Wippen ihr Haupt mit dem rätselhaften Ende von Gerade Deswegen von Seite zu Seite. Ziehen ihre Spannung mit organischem Sound auf ein silbernes Haar, das sie nur mit dem Nötigsten nullifizieren: Gitarre, Bass und Schlagzeug. Wortkarg reagieren Knoth, Rieger und Kuhn dabei stets nur aufeinander. Hier gibt es keine Ordnung. Hier gibt es nicht einmal einen richtigen Frontmann. Hier wechseln sich Gitarrist und Bassist am Mikrofon ab. Hier kommt die Ansage Kuhns genauso impulsiv wie kurz angebunden. Hier werden die tobenden Besucher Ton um Ton in die Schatten der Bühne gehüllt. Während das bucklige, hässliche, griesgrämige Geheimnis von ebenjener aus alles überstrahlt. Und das, ohne es zu wollen.

Geräuschlos lärmend, so fern und gerade deswegen so nah, verbeugen sich Die Nerven mit dem vom Schlagzeuger gesungenen No Love Lost vor ihren Paten Joy Division. Lassen ihre Instrumente schief klingen, und speien ihre wenigen Worte geradeheraus ins Publikum. Liefern sich Starr-Duelle mit ihren zappelnden Fans. Und zelebrieren so Note für Note für Note für Note die Kunst der alles vernichtenden, zermalmenden, eben zerstörenden Wiederholung Wiederholung Wiederholung. Besingen schließlich den letzten Tanzenden und enden in Stille. Stille. Stille. Krachend lauter Stille. Wir halten die Luft an. Eine Ewigkeit in Dunkelheit. Angst. Ja, Angst ist es, die uns daraus befreit und die Zugabe einleitet. Mit Den Tag vergessen gibt das Trio den bisherigen Höhepunkt ihres Oeuvres zum Besten und gießt mit Nie wieder Scheitern schließlich ein Flammenmeer in ihre mitgenommene, müde getanzte Hörerschaft. Die Katharsis endet so abrupt wie sie begonnen hat.

Sieger der Schmerzen.
Und ja, selbst wenn die Band nach unaufhörlichem Applaus viel zu artig zurück auf die Bühne kommt, um sich bei jedem Gast zu bedanken. Und ja, selbst wenn man Die Nerven die konsequente Ikonisierung ihrer Außenwirkung ankreiden kann. Und ja, selbst wenn die Ich-bezogenen Texte der Jungs kaum die Seele der Straße widerspiegeln können. Und wenn schon. Die Unberührbarkeit dieser Truppe ist das schiere Kaputtmachen der Ideale. Das endgültige zu Grabe tragen der alten Meister. Die dissonante Vertonung der Dissidenz in einer gleichgeschalteten Welt. Die erhoffte Geburt der Sozialisation der Jugend aus dem Geiste der Ablehnung. Und das tut weh. Das muss weh tun. Denn nur dann tut es verdammt gut, seine Rübe dazu zu schütteln. Scheiss drauf, wie die Frise danach aussieht. Mehr davon, bitte.

PS: Kevin, kennst du das?

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
17. Dezember 2015
Die Nerven
noise rock, punk, post-punk, lo-fi, german