Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Drangsal im Keller Klub

Er kam, sang und wir tanzten.

"Back to the eighties" könnte man meinen. Zumindest sieht das meine Mutter so, als sie mich heute zu Drangsal in den Keller begleitet.

Und recht hat sie. Der Support der Ringer brilliert zwar mit Retrophilie, lässt beim Töne treffen aber alle Wünsche offen. Schade, dass der Abend so beginnt, der mit den ersten Songs von Drangsal erst wirklich an Fahrt aufnimmt.

Angeschlagen und in Feinripp und Karoschal gewickelt, kriegen wir alles von "Harieschaim" zu hören. Und später sogar mehr, was Schlüsse auf ein Leben nach dieser grandiosen Platte zulässt.

Max Grubers Ansagen sind eigenartig komisch und trotz gestrigem Krankenhausaufenthalt hinterlässt er einen leidenschaftlichen Eindruck. Ganz nebenbei bemerkt steht ihm die enge Clubatmosphäre tausend Mal besser als eine schwer füllbare Palastbühne beim Maifeld Derby.

"Die Welt ist schlecht, das Leben schön." zitiert er Andreas Dorau und moderiert den "Dominance Dance" an. Es wird getanzt, mitgesungen und sogar ein neuer Song am Stuttgarter Publikum getestet, der vor kurzem in Wiesbaden als mieseste Nummer abgestempelt wurde.

Zur Zugabe wird nicht lange gefackelt. Jeder hier kennt das ermüdende Prozedere, wenn Künstler die Bühne verlassen und man sich als Besucher mit dem Willen nach mehr die Stimme heiser schreit und die Hände wund klatscht. Kurz werden Instrumente getauscht und ein Ausflug zu derb schlichten Punk unternommen.

Drangsal und seine Band können es einfach, sie holen die gute alte Synthiezeit zurück und verpassen ihr einen tiefsinnigen und lüsternen Stempel. Die neuen Songs klingen gewöhnungsbedürftig, verfehlen aber nicht ihr inniges Ziel. Ich freue mich auf mehr von dieser Band, von diesem Ausnahmekünstler. Und ja, auch meine Mutter.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
14. November 2016