Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Erobique im Freund + Kupferstecher

The Waiting Is The Hardest Part

Kann man mal machen, gute 1 1/2 Stunden später anfangen.
Klar, wir befinden uns in einem Club und nicht auf einem klassischen Konzert. Vielleicht hatte man auch Angst davor, um elf beginnen, da der gemeine Clubgänger sich ja auch frühestens um halb eins in eine dieser Einrichtungen begibt. Wer will schon zu früh kommen? Dann steht man dort und nix ist los.

Als eingestaubter Kulturpegel-Schreiberling, der schon von Amts wegen her einer ganzheitlichen Berichterstattung verpflichtet ist, verlässt man sich aber trotzdem auf Timetables und findet sich pünktlich um elf Uhr in der Location ein. Natürlich gibt es schlimmere Orte zum rumhängen, verkürzt doch das herrliche Melönchen an der Bar vorzüglich die Wartezeit. Aber es ist eben doch so etwas wie Sommer auf den Straßen, die Luft stickig und heiß und das Freund + Kupferstecher sehr gut gefüllt.

Halb eins. Mit Kippe im Mundwinkel entfernt Erobique die roten Samttücher von Synthies und Keyboards. Schick sieht er aus, die Haare sind mit etwas Gel in Form gebracht. Er ist und bleibt der absolute Sympathieträger, weshalb der Warte-Frust nach einem Zug an der Zigarette wie weggeblasen ist. Einfachste Rythmus-Sequenzen treffen feel-good- und easy-listening- Melodien. Nach wenigen Takten geht es Erobique auf der kleinen Bühne genau so wie dem gemeinen Tanzvolk davor: Der Schweiß läuft in breiten Bächen über das Gesicht und durchtränkt das weiße Shirt. Gibt es hier keinen Ventilator? So kann ich nicht rocken. Und ich hätte so Lust mit euch die ganze Nacht zu rocken. Hände gehen in die Luft. Erobqiue verabreicht dann eine Überdosis Freude und alle singen mit. Eingie versuchen immer mal wieder im Takt mitzuklatschen und damit Volksfest-Stimmung aufkommen zu lassen, zum Glück bleibt es aber nur bei Versuchen.

Auch Easy, das Lied das wirklich jedem ein Grinsen auf die Lippen zaubert, befindet sich im Set. Das Publikum verlangt danach und der Meister der Melodien weiß, wie er Spannung erzeugt. Das Thema zieht sich bereits durch den Song davor, immer mal wieder lässt er die bekannte Tonabfolge einfließen, loopt neue Melodien und Bass-Lines dazu, bricht es ab und baut wieder Spannung auf. Dann ist es soweit: Der Ventilator findet püktlich zur Hook seinen Weg auf die Bühne, weshalb die gesungenen Worte wegfallen und der Maestro sich erstmal um die eigene Frischluft-Zufuhr kümmert. Neid.

Umgeben von seinen Synthies und Samplern wirkt er fokussiert, aber nie gestresst. Pro Break findet eine Kippe ihren Weg in den Mundwinkel. Ich weiß, ich mache zu viele Breaks. Es gibt Melodien zum Träumen und Beats zum Tanzen. Die Stücke laufen gern mal fünf Minuten und länger, mal mehrspurig, mal nur der Takt. Die Crowd dankt es ihm. Oder, wie es der Herr vor mir treffend seinem Freund ins Ohr brüllt: Wir sind genau richtig hier. Wie lange, kann hier nicht mit eindeutiger Sicherheit geklärt werden. Die letzte S-Bahn kündigt sich auf halb drei an, ein Ende vom Set aber noch nicht. Wer mehr weiß, darf es uns gerne wissen lassen.

Text:
Julian Fischer
Geschrieben am
07. August 2016