Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Faber im Schlachthof

„Wem dus heute kannst besorgen“, so heißt nicht nur ein Lied aus dem neuen Album von Faber. 
Nachdem ich gemeinsam mit 900 anderen Gästen den Schlachthof in Wiesbaden verlasse, fühle ich mich als hätte es mir die Band rund um den Sänger Faber tatsächlich besorgt (natürlich rein platonisch und eher musikalisch), aber wie man so schön sagt: beginnen wir von Anfang an.

Beim Reinkommen stelle ich direkt fest, dass ich mit 19 doch eher zu den Jüngeren zähle und ansonsten von 20 bis 50 anscheinend alle Altersgruppen Lust auf die Musik von Faber (Julian Pollina) und der Band „Goran Koç y Vocalist Orkestar Band“ mit Tillmann Ostendarp an Schlagzeug und Posaune, Goran Koç (bürgerlich Silvan Koch) am Klavier, Janos Mijnssen am Bass und Cello und Max Kämmerling an der E-Gitarre haben.
Bevor Faber jedoch beginnt, heizen „Frank Powers“ als Vorband uns ordentlich ein.
Die fünf ebenfalls aus der Schweiz stammenden Musiker machen ihre Sache sehr gut.
Sie bringen die Leute zum Lachen, Tanzen und machen nebenbei noch hammermäßige Musik. Ihre Texte sind wie die schweizer Nationalsprachen sehr vielseitig.
Sie singen meistens auf Englisch aber auch auf Deutsch oder Französisch und fühlen sich wie eine weniger melancholische und leichter verdaubare Version von Faber an.
Nach fünf wirklich schönen und sehr temporeichen Liedern ist man aufgepeitscht und bereit für Faber.
Die lassen allerdings noch ein bisschen auf sich warten und so habe ich Zeit den interessanten Gesprächen um mich herum zu lauschen.
Mir fällt auf, dass viele Fans vor allem Fans von Faber selbst, also von Julian Pollina sind. Besondere Erwähnung verdienen da die leicht angetrunkenen, aber sehr liebenswürdigen Mädels vor mir in der ersten Reihe.
Sie überlegen wie man am Besten auf sich aufmerksam macht, in welche Bar man Faber noch mitnehmen kann und beraten mit Konrad, dem sehr freundlichen Security-Koloss, wie weit man sich der Bühne denn noch nähern dürfe ohne von ihm weggetragen zu werden. Als Konrad dann auf die Frage wie lang Faber denn noch braucht fachkundig antwortet: „Naja ist halt ein Künschtler“, muss ich zum einen sehr lachen, bin aber auch sehr froh, dass es dann tatsächlich losgeht.
Die fünf betreten unter tosendem Applaus die mit all den gemütlichen Lampen und Topfpflanzen an ein Wohnzimmer erinnernde Bühne. Faber trägt wie immer Hemd, Hose und offene Lederschuhe, am Klavier Feinripp-Unterhemd und Jeans, an der Gitarre Strick, am Bass ein Kimono und am Schlagzeug Barfuß in Jogginghose. Obwohl alle fünf offensichtlich unterschiedlich aussehen, kommt mir der Gedanke, dass mir alle Dresscodes an einem immer später werdenden Abend im Züricher Nachtleben begegnen könnten.
Und dann beginnen sie und ich bin mittendrin in eben diesem Nachtleben. Die Stimme von Frontmann Faber füllt den ganzen Raum in der einen Sekunde mit Schwermut und Weltschmerz und im anderen Moment mit Zügellosigkeit und Begeisterung.
Vor allem die von Faber selbst als schlecht angekündigten Lieder wie „Nichts“, bringen alle zum wild tanzen und laut singen. In der Tat sind manche Lieder alles andere als musikalisch sauber. Das Klavier wird mit Händen und Füßen gleichzeitig gespielt und Gitarren und Schlagzeug glühen oder um es mit Fabers Worten zu sagen: „Der sogenannte David Guetta Effekt, schlechte Musik dafür laut“. Dieser Vergleich wird der Band aber auf keinen Fall gerecht. Die vier Musiker kommunizieren ohne Pause mit Blicken auf der Bühne, spielen Soli und improvisieren minutenlang und teils schwindelerregend schnell zwischen den einzelnen Liedern, zur Freude des Publikums.
Worüber sich das Publikum nicht weniger freut, ist wenn Faber die ganze Kraft seiner Stimme durchscheinen lässt. Nach den ersten „Tanzliedern“ verlässt die Band die Bühne und Faber bleibt allein mit Stimme und Gitarre zurück. Wenn seine Stimme dann die ganze Halle füllt und er Töne hält, bis er am ganzen Körper zittert, ist das mehr als genug um das Publikum in schweigendes Staunen zu versetzen. Die Lieder, die er alleine spielt, sind ruhig, melancholisch und ernüchternd wahr. In Liedern wie „In Paris brennen Autos“ werden die Texte gesellschaftskritisch („auf dieser Welt, hier ist Öl mehr wert als Wein, auf dieser Welt kann ich ohne dich nicht sein“). Das sind auch die Lieder die ihnen sehr wichtig sind, wie Faber selbst immer wieder betont. Mit Textzeilen wie: „Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer“ oder „Ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu“(Wer nicht schwimmen kann der taucht), scheinen sie auf ihre eigene Art gegen Nichtstun und Rassismus zu kämpfen, einfach indem sie zynisch und schmerzlich wahr die Realität beim Namen nennen.
Diese Gedanken bleiben nicht all zu lange, denn die Gefühlsachterbahn geht weiter.
Die Band betritt wieder die Bühne und aller Schwermut wird einfach weg gespielt.
Mit den Liedern „Wem dus heute kannst besorgen“ und „Brüstebeinearschgesicht“ geht es nicht nur schnell weiter sondern auch ziemlich sexäy. Die Crowd rastet aus und alles erreicht seinen Höhepunkt, als sich Bassist Janos breitbeinig auf den am Boden liegenden Faber setzt, was beide aber nicht vom weiterspielen und singen abhält und der Schlagzeuger Tillmann und der Gitarrist Max mit einem Kuss und ein wenig Zunge ganz viel Liebe in die Welt schicken. Nach diesem Lied dürfen die Zuschauer zum ersten Mal richtig Applaus spenden und zeigen, dass sie ordentlich Bock auf eine Zugabe haben.
Diese Zugabe bekommen wir und zwar nicht nur eine sondern drei. Faber kommen genau drei mal wieder, zum einen weil kein Zuschauer wirklich bereit ist ein Ende des Konzerts zu akzeptieren und zum anderen, weil die Band sichtbar Spaß am Musik machen und nicht zuletzt eben auch am Publikum hat.
Sie spielen noch weitere Lieder vom Album und zu meiner Freude auch alte Lieder wie mein persönlicher Höhepunkt „Tausend Franken lang“ oder „Die Tram ist leer“. Das nun wirklich letzte Lied „Alles Gute“ singt die ganze Halle chorreif mit und so bringen Publikum und Band das Konzert zu einem wunderschönen Abschluss.
Und schon sind wir am Ende des Konzerts und somit am Anfang meines Textes.
Dieses wirklich lange Konzert fühlte sich viel zu kurz an und beschäftigt mich auch Tage danach noch. Faber sind live unfuckingfassbar gut und alle die die Chance haben ein Auftritt zu sehen: geht hin bevor sie noch bekannter werden.
[Autor: Leon Groß]

Text:
Geschrieben am
30. Oktober 2017
Faber Faber
seen live, canadian, swiss, rock, punk