Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Fai Baba im Merlin

Auch das letzte Klinke-Konzert des Jahres konnte mit dem Duo Fai Baba bestechen - Schweiß und Tränen kullern Seite an Seite.

Das war er also, der seit Wochen antizipierte und in meinem Kalender markierte Abend mit Fai Baba im Merlin. Ich lasse unser erstes Intermezzo revue passieren: Zuerst auf dem Maifeld Derby kurz vor Ende der Show bei mitreißender Musik ertappt, das zu-spät-kommen verflucht und den Namen Fai Baba auswendig gelernt (man weiß ja nie, wann er wieder den eigenen Dunstkreis betritt). Dann doch tatsächlich im Booklet des Klinke-Festivals wiederentdeckt. Somit also die Chance, die komplette Darbietung seines Könnens in einer Stuttgarts feinster Konzertlokalitäten erfahren zu können! Vorbereitende Maßnahmen Spotify’scher Art.

Mit Support Act Chris Rottler wird ein Abend der Kontraste entworfen — solistische Saiten-Kunst in Singer-Songwriter-Manier gepaart mit netten Anmoderationen bilden das Fundament. Darauf aufbauend bespielen Fai Baba mit E-Gitarre (Fabian Sigmund) und Schlagzeug (Domi Chansorn) das nun dichter stehende Publikum. Das Dargebotene hat dabei etwas Inszeniertes, wie eine Vorführung, bei der keine Interaktion mit dem Betrachter vorgesehen ist; ein Theaterstück, bei dem im Zuschauer etwas bewegt werden soll — Gedanken, Gefühle, Getränke.

Minimalistisches Bühnenbild, das mit besagten zwei Instrumenten und besagten zwei Musikern komplett ist. Alles das, was nicht mit eben Genanntem und Lichtelementen befüllt ist, nimmt mit verzerrtem California-Gitarren-Sound, halligem und zu Weilen unverständlichem Gesang, virtuosen Percussionseinlagen und der überdimensionalen Hutkrempe auf der Haarpracht des Drummers seinen Platz im Bild ein.

Meine trägen Augen können den schnellen Bewegungen des offensichtlich leidenschaftlichen und schnauzbärtigen Drummers kaum folgen und ruhen sich alsbald auf dem famos ungekünstelten Erscheinungsbild an den Strings aus: verkehrte Kappe, Shorts und Shirt, nackte Füße auf trockenem Teppich. Die helle Stimme schwebt über die Köpfe, seine Augen bleiben verschlossen.
Auch der heiße Tag trägt seine Früchte und zwingt Chansorn sich seines Hemdes zu entledigen. Suddenly: Latzhose. Ich stimme meiner Nachbarin zu — der kann echt schön pfeifen. Wir schließen uns dem Rest an und tänzeln moderat auf der Stelle weiter.

An diesem Abend werden die Mikros der beiden Akteure bis auf ein einsames „Danke“ nicht fürs Sprechen genutzt. Stattdessen zwirbelt sich ein Lied in das nächste, der Klangteppich wird ausgerollt und stringent weitergewoben bis zu den letzten Takten Psych-Pop. Eine Spinnerei.

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
29. August 2016
Fai Baba Fai Baba
psychedelic, seen live, pop, rock, experimental