Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Finn-Ole Heinrich & Spaceman Spiff im Merlin

Finn-Ole liest, Spaceman vertont und spielt. Ein Abend, der sich so schön anfühlt, wie es nur das Merlin selbst erwartet hat.

Eigentlich hat Annette Loers als Veranstalterin keine Lieblingsveranstaltung. Aber Finn-Ole Heinrich und Spaceman Spiff machen sich heute auf, das zu ändern: Lautes Klappern folgt auf sanftes Tröpfeln, eine Prise Stimme dazu und schon geht es los.

Helm auf.

Finn-Ole Heinrich liest, als hätte er den Kater von gestern Grad noch nicht verdaut. Der Protagonist in der ersten Erzählung hat einen Helm auf. Seit Wochen. Und auch wenn er damit alle stört, nimmt er ihn nicht ab. Er kauft ein Schloss mit einer Kette für seinen Helm, damit ihn bis zum St. Nimmerleinstag niemand abkriegt. Er klingt verzweifelt, einzwängt in der Enge seines Helms. Aber er schützt ihn vor der Welt bis zur Rückkehr seines Vaters, der besser auf ihn aufpassen könnte, als alles andere.

Spaceman Spiff vertont aus dem Hintergrund gefühlvoll und detailverliebt die Geschichte und lässt sie klangvoll in unseren Köpfen auslauten. Dann mündet alles in eine Filmsequenz aus den endlosen Weiten Islands.

Ein großes Hallo.

Zwischendurch gibt es kleinen Plausch und einen ersten kompletten Song von Spaceman Spiff: "Wände". Natürlich kommt dann Clara, die schöne Cellistin auf die Bühne und wir lauschen danach zu "Irgendwo ist immer woanders", "Vernunft" und einem nicht fertig geschriebenen Lied vom gemeinsamen Projekt "Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf", "Photonenkanonen ½". Zwischendrin wird wieder gemütlich geplaudert und von Funfacts rund um Waschmaschinen und Rummelplätze hinter den Songs berichtet. Nach einer endlos langen Anekdote darüber, wie Spaceman und Finn-Ole sich kennengelernt haben, inklusive frühem Trailermaterial aus Eigenproduktion, greift der Autor zu seinem nächsten Werk.

Der blaue Wahnsinn.

Der Erzähler sitzt auf einem einsamen Sofa. Aber ist es blau? Grün? Oder ist das eigentlich völlig egal? Dann folgen Erinnerungen über bunte Tüten, freigelassene Wellensittiche, Orangenmarmelade, Löcher in Regalen und das Vermissen selbst, das durch langsam wiederkehrende Erinnerungen viel fühlbarer wird, als durch das betrachten von Dingen. Finn-Ole liest mir so einer Intensität, dass man tief in die Erzählung fällt und jede Zeile mitempfinden kann. Spaceman Spiff untermalt wieder erst leise und dann immer intensiver mit klingenden Saiten und pumpenden Bass.

Die zweite Lese-Sequenz endet abrupt mit dem zweiten Teil des Islandfilmchens und die Bühne ist plötzlich wie leergefegt. Wir stellen fest: Vor allem diese kleinen Videos lassen die Zeilen wirken und verbreiten eine konzentrierte Stille in dem Raum, der uns bisher meist als euphorische Konzertlokation bekannt ist. Sehr, sehr schön.

Vorwärts ist keine Richtung.

Und natürlich gibt es eine Zugabe. Wir begrüßen wir noch einmal Clara auf der Bühne, Finn-Ole Heinricht lauscht aufmerksam von seinem Platz aus "Vorwärts ist keine Richtung". Er darf sich sogar noch ein weiteres Lied wünschen, entscheidet sich für "Mind the Gap" und nippt noch ein wenig an seiner Weinschorle. Dann entlassen uns alle drei nach einem letzten Cellosolo und einer letzten Videosequenz unerwartet angetan in den normalen Montagabend. Kein Wunder hat sich Annette Loers so sehr auf diesen Abend gefreut.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
25. April 2017
Finn-Ole Heinrich Finn-Ole Heinrich
seen live, film, poetry, hamburg, german
Spaceman Spiff Spaceman Spiff
singer-songwriter, acoustic, german, Indie, singer/songwriter