Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Wille zum Widerstand.

FJØRT kämpfen für Liebe. Mit allem, was Lärm macht.

Conditio Inhumana.
Die Zeiten sind dunkel. Angst beherrscht alles. Der linke Teil der Gesellschaft fürchtet sich vor der gar nicht mehr all zu fern scheinenden Wiederholung des schrecklichsten Zeitalters der jüngsten europäischen Geschichte. Der Rechte hingegen fürchtet seine Existenz bedroht und geht der Verlustangst ins Garn. Der Ton wird harscher. Die Vorfälle extremer, gewalttätiger, während sich die alten Säulen der Gesellschaft auflösen. Immerfort.

FJØRT verleihen diesem Gefühl Ausdruck. Ziehen die negative Brühe, die an Grenzen und von Zeitungen läuft, auf einen goldenen Faden. Und zerreißen ihn in einem anklagenden Schrei. Kontakt, der zweite Longplayer der Truppe, hat Momentum. Passt sein Leitthema doch all zu gut auf die soziokulturelle Vereinsamung im Zeitalter der artifiziellen, digitalen Verbundenheit, während seine politischen Ausreißer einen Leuchtturm bilden, der im linksgerichteten Punk-Nachwuchs kaum mehr Zusprache finden könnte. Kein Wunder, dass der Keller Klub heute ausverkauft ist. Kein Wunder, dass wir es durch die Massen kaum nach vorne schaffen und die Vorband We never learned to live verpassen.

Dieses Schweigen wurde maschinell erstellt.
Doch die Enttäuschung weicht in Sekundenschnelle gespannter Erwartung. Denn der Pulk, der sich gefühlt bis an die Decke des kleinen Klubs stapelt, wird immer unruhiger. Die Gitarren gestimmt. Die Felle gezogen. Und endlich: Sturm. Unter tosendem Applaus und selbst mitgebrachten Scheinwerfern steigen FJØRT mit dem LP-Opener-Double In Balance und Anthrazit in die Schlangengrube. Und brechen das Schweigen mit einer Welle aus Nähe, Echtheit und dem unbedingten Willen des Widerstands. Gegen die Verrohung. Gegen platte Beatdown-Brachialität. Gegen die verschrobene Unantastbarkeit des Künstlers. Die konsequente Ablehnung aller Vorbehalte zeigt Wirkung. Ob händereckend schreiend, gespannt beobachtend oder im Stillen mitsingend. Die Augen aller Anwesenden sind für die Dauer des Sets auf diese Truppe gerichtet, deren Weg sie, so scheint es heute Abend, in die Fußstapfen der ganz Großen führen wird.

Mit allen Extremitäten. Mit jedem Muskel und jeder Faser. Mit allem, was Lärm macht, verschreibt sich das Aachener Trio dem Thema ihres jüngsten Oeuvres. Und sucht Kontakt bei ihren Gästen. Ob Kopf an Kopf mit einem schreienden jungen Mann. Oder im Geiste mit weit reichenden Zeilen wie "Diese Stille wird immens sein / wenn du sie lässt." Wirkungsvoll eingesetzte Breaks, ermöglicht von vielschichtigen Arrangements. Getragene Melodiebögen, untermalt von wuchtigen, simplen Schlagzeugsalven. Und die kratzigen, rauen Stimmen des Gitarristen Chris und des Bassisten David schrauben die tosende Unruhe zu einer Beinahe-Eskalation in die Höhe. Note. Schlag. Note. Schlag. Stille. Die Emotionalität weicht dem Statement: Denn die Einleitung des Bassers zu Paroli fordert auf, gegen den rechten Mob vorzugehen. Alle, die hier anwesend sind. Alle, die das lesen. Du und ich. Wir können das ändern. "Auf zwei von denen kommen zehn von uns."

Risse im Rohdiamanten.
Das ist echtes Leiden. Das sind echte Wünsche. Das sind echte Gefühle. So sehr, dass es vielleicht zu perfekt wirkt. So konsequent, dass es in einem 90-minütigen Set zu eintönig wird. So sehr, dass Skeptiker der Band eine kalkulierte Message vorwerfen könnten. Doch dies greift zu kurz. Denn was FJØRT versuchen zu schaffen, ist mehr.

HANNOVER // DRESDEN // FRANKFURT // STUTTGART

Der schiere Wahnsinn. Danke euch.Heute: LINDAU, Club Vaudeville.Video aus der Premiumschmiede Iconographic.

Posted by FJØRT on Wednesday, 2 March 2016

Nach Gescholten von D'Accord und Kleinaufklein als Schmankerl gibt es Lichterloh als letzte Zugabe. Exaltiert. Entseelt. Erlösend. Und dieses abstrakte "mehr" nimmt Form an: Vergeht Unrast, wenn man sie Nacht für Nacht in die tumbe Masse brüllt? Keineswegs. Doch sie kann das Schweigen in Aktion umkehren. Die kritische Masse mobilisieren. Die auf die Straßen geht. Die etwas bewegt. Die ihre Unsicherheit nicht in Gewalt ausdrückt. Sondern in Liebe. Ihr Sprachrohr hat sie längst gefunden. Es hört auf den Namen FJØRT.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
03. März 2016
FJØRT FJØRT
screamo, hardcore, melodic hardcore, post-rock, ambient