Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Gisbert zu Knyphausen und Kopphausen Band

Den Stuttgartern scheint etwas gefehlt zu haben über Neujahr. Sie besuchen ein ausverkauftes Konzert, bei dem kaum mit neuen Titeln zu rechnen ist. Dafür mit sehr vielen schönen Erinnerungen.

Es sind unfassbar viele Leute gekommen und alte Stuttgarter Musikfreunde sind auch da. Logisch?
Wie üblich wird nicht lang gezögert, eine kurze Begrüßung ist drin, schon steigen wir ein. Der Einsatz stimmt in den ersten Titeln, Gisbert zeigt seine Halsadern.
Nach zwei Stücken von Kid Kopphausen kommen Gisberts eigene Hits vergangener Tage an die Reihe. Passend dazu wechselt er zur alten Gitarre, die aber auch nicht heruntergekommener aussieht als letztes Jahr. „Erwischt“ kommt im neuen dance mix? Ziemlich komisch.

Das war damals ein krasser Erfolg. Sich dann rar machen? Und schon rennen sie einem die Halle ein? Vielleicht haben sie lange gebraucht, um das machen zu können, Nils' Lieder spielen und das Programm so zu gestalten, dass der Grat zwischen Nachmachen, Geld-rausholen und hat-ja-gar-nichts-mehr-mit-Kopphausen-zu-tun gelingt. Geschickt werde ich von diesen Gedanken abgelenkt, durch ein Curt-Cobain-Gedächtnis-Lied? Naja, da rutscht man kurz ab vom schmalen Grat. Und Gisbert singt englisc? Dafür haben sie oben Bierflaschen aus Glas, das verweigert man uns unten.

Das Lied über den Vater. Voll rein ins Autobiographische? Vom Papa singt er und dass er anders geworden ist. Sitzt das so tief? „Meine Kindheit ist vorbei“, da weiß man nicht, ob das Jubel oder Trauer ist.

Also schnell weiter mit einem aus der Hurra, Hurra, so nicht Platte mit Schlagzeug Beat und Lärm. Wenn das Licht ins Publikum fällt, was überraschend oft passiert, schaut Gisbert genau hin, wer da so steht, wie die Gesichtsausdrücke reagieren. Dann macht er seine Äuglein wieder zu und ist wie früher vergraben im Singen. Wie ich ihn da so ansehe, hoffe ich ja, dass es mit der Traurigkeit nicht gar so schlimm steht. Es wäre doch eine schöne Sache, würde nochmal ein echtes Gisbert Melancholie Album erscheinen. Na, er macht den Eindruck nicht, er wirkt zu müde und angegriffen. Sie spielen die Mörderballade und stimmen mir zu.

Das Kinderlied im Anschluss, das ist irgendwie lustig, aber halt auch ziemlich schlecht. Wie eine Waage, links lustig, rechts schlecht. Das Zünglein ist das Publikum und schon kippt alles deutlich nach links? Dann Jeden Montag, bei dem die Überzeugung fehlt, das Glück, das in diesem Text steckt, kommt heute nicht rüber. Dass es, dieses Glück, in die Menge reingesungen wird, das hätte ich erwartet. Und wo ist überhaupt die Aussicht?

Sorgenlos solide ist es für mich also immer dann, wenn Gisbert und die Kopphausen Band die alten Sachen spielen. Das Publikum freut sich tierisch über Cowboys, ich mich über Kräne. Das leichteste der Welt wird so geschickt angehängt, textlich auch so gut, das sollte im zukünftigen Deutschunterricht drin sein, behandelt direkt nach Bertolt Brecht. Der hätte es auch gemocht.
Gisbert macht noch zwei alleine, spielt eine unverwechselbare, schöne Zugabe. Neues Jahr mit allen Emotionen und da finden viele, was sie gesucht haben. Zuletzt Kirschen als wirklich geeigneter, letzter Gruß an den Koppruch, der an diesem Abend schlimm gefehlt hat.

Text:
Manuel Niedermann
Geschrieben am
30. Januar 2015
Gisbert zu Knyphausen & Kid Kopphausen Band Gisbert zu Knyphausen & Kid Kopphausen Band
singer-songwriter, german, Indie, deutsch, indie pop