Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Helge Schneider mit Band im Beethovensaal

Ein Mann spricht über Intelligenzreduktionstabletten, Helene Fischer und die ganze Welt.

Ein uralter Mann in einem seltsam sitzenden Anzug bemüht sich ans Klavier. Ewigkeiten verstreichen, während er ungelenk sein Gesäß auf den Stuhl zu drücken versucht und nicht so recht weiß, wohin mit seinen Händen, seinem ganzen Körper.
Dann erklingt ein verlorener Ton, eine Harmonie folgt und der große Helge Schneider erhält nach irrem Stuhlgerutsche, um auch alle Tasten zu bedienen, einen Strauß Rosen von seinem getreuen Kamillentee- und Instrumentenbutler Bodo.

Niemand verbindet die Eleganz eines Steinway-Flügels im Zentrum des Beethovensaals so einmalig mit Albernheiten wie dieser Mann. "Ich war vor allzu langer Zeit nicht hier", freut er sich zu verkünden. Und bemerkt dabei, dass heute die echten Stuttgarter vor ihm säßen. "Das morgen sind nur Ersatzleute, Gesocks." Während er über Intelligenzreduktionstabletten und Dreibeinigkeit am FKK-Strand referiert, tritt auch seine Band auf den Plan, die aus den Urtypen schlechthin besteht: Ein lässiger Jazzdrummer im weißen Jackett mit Sonnenbrille, ein Percussionist mit aufgemaltem Bart, ein höchstkonzentrierter Keyboardspieler, ein Bassist - optisch wie aus dem Mallorcabilderbuch gefallen, ein sehr motiviert strahlender Gitarrist mit Glatze und kleinem Zöpfchen am Hinterkopf und ein überraschend schlicht gekleideter Saxophonist.

Wir sind verknallt in dich.
"Ich Bin Verknallt In Dich" stimmt Helge gemeinsam mit dieser, seiner Truppe an und greift im nächsten Moment in seine bunt auf dem Flügel verteilte Spielzeugsammlung. Eine kleine Affenhandpuppe wird zum Trompetenspieler und Dirigenten. Der Beethovensaal platzt fast vor Lachen. Immer wieder schweift Helge Schneider ab, taucht mit uns in alte Geschichten und absurde Anekdoten ein. Fast schon zum Running Gag werden Witzlein über Peter Maffay ("klein, "wohnt auf Melmac") oder Helene Fischer. Mit spontanen Statements wie "Hier darf jeder Husten, wie ihm der Hals gewachsen ist!" unterstreicht er seine bescheidene Weltmännischkeit und Sergej Gleitmann, bereits seit fast einer Stunde allein am rechten Bühnenrand sitzend, zeigt nun seine expressive Tanzeskunst zu den "Trompeten Von Mexiko". Sein langer weißer Bart weht um seinen blanken Oberkopf, während sich jede Faser seines Körpers geschmeidig an die Enge des schwarzen Einteilers schmiegt, den er zu schlichten Gymnastikschuhen trägt.

Nach einem dramatischen Sitzchaos auf einem "viel zu glatten Stuhl" stimmt Helge Schneider gemeinsam mit seiner Band eine experimentelle Version von "Nachtigall, huh" an. Gesanglich bewegen wir uns irgendwo zwischen einer Helge'schen Beatbox-Variante und Improvisationskunst.

Die wahren Gefahren der Welt.
Nach Ausschweifungen über George Clooney und die Berlinale geht es weiter mit dem immernoch taufrischen Klassiker "Katzeklo". "Viele Stars kommen mit Liedern, die so billig sind. Wie Elton John, Bruce Springsteen oder Sting. Helene Fischer singt ja auch Weihnachtslieder. Ich war gerührt, dass sie sich so weit herab begibt." Nahtlos erzählt er dann über Brechreiz bei der in modernen Zügen verwendeten Neigetechnik und die Gefahren des Internets. "Die Leute gehen nicht mehr raus, weil sie Angst haben - dass man ihnen das Portemonnaie klaut. Aber rausgehen ist wichtig! Nicht immer Internet!" Er zeigt auf einen Jungen in der ersten Reihe und sagt verheißungsvoll: "Musst mal eingeben: Busen." Vor der Pause gibt es noch eine große Portion "Reis".

Wir steigen nach einem schnellen Bier und einem noch schnelleren Toilettengang ein in Helges Weltreise. Zuerst ein japanisches Schlaflied mit dem Titel "Heiamakasofort". Dann ein kleiner Spanienausflug über Mord und Totschlag im Hühnerstall. Helge Schneider imitiert die jeweilige Landessprache so groß, dass wir uns ernsthaft fragen, was dieser Mann eigentlich nicht kann. Das Publikum klatscht - "War doch selbstverständlich."

Es Hat Gefunkt Bei Mir
In der Tat, noch immer ist dieser Mann Feuer und Flamme für jede Blödelei und Albernheit. So ist auch "Das nächste Lied wieder mit Musik" und begleitet durch eine erneute Tanzeinlage des göttlich komischen Sergej Gleitmanns. Dann zwitschert der Oppa den gnadenlos gut improvisierten "Meisenmann" und zum Abschluss freuen wir uns über ein schwungvolles und ausladendes "Hunderttausend Rosen Schick Ich Dir" mit einem herumschlendernden Protagonisten und einer wunderbare Soli spielenden Band. Strahlend singt der Profimandarinenschäler, erneut mit einem großen Rosenstrauß in einer Hand und den Armen in Richtung Publikum ausgebreitet, seine letzten Zeilen. Dieses Bild kann auch die einsame Zugabe (ein umwerfend komisches, weil wahnsinnig austauschbares Lied über Stuttgart) von keiner begeisterten Netzhaut im Saal mehr lösen.

Am Ende feiern alle lautstark Helge Schneider. Für seine Musikalität, seinen Witz, seine manchmal auch unfreiwillige Komik und für diesen langen aber kurzweiligen Abend, der manche sogar mit ein paar Freudentränen in die kalte Welt da draußen entlässt.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
11. Februar 2016