Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Honig im Yugon Yishan

Wie ein Loch in der Mauer meine seit Wochen zugefallenen Ohren öffnet.

Das Yugon Yishan zu finden, kostet mich fast eine Stunde und zwanzig ungläubige Blicke auf der schon dunklen Straße. Dabei war ich beim Verlassen des Taxis so nahe dran. An das Loch in der Mauer mit dem schwarzen Plastikvorhang habe ich einfach nicht geglaubt. Das sah mehr nach einem Fluchtweg für Untertanen des angrenzenden Palasts aus.

Der Wachmann desselben versteht mich am wenigsten, gibt trotzdem den entscheidenden Wink, im wahrsten Sinne. Drin werde ich erkannt, das ist ungewohnt. Nur ein Name auf der Gästeliste, ein sehr gewohnter. Schwupp, werde ich hinter die Bühne gebracht und darf allen persönlich Ni Hao sagen. Wenige Minuten später bin ich wieder normaler Gast und das Konzert beginnt mit Swimming Lessons. Von Anfang an gestalten Honig und Jonas David, die abwechselnd und auf gleicher Augenhöhe ihre Kunst vortragen, den Abend gemeinsam und unterstützen dabei die Stücke des anderen.
Jonas David stellt sich mit Shield vor. Vielleicht will er in Richtung Bon Yver, zumindest ich fühle mich erinnert. Das neue Bandmitglied Olivia Sawano hat es dabei schwer zu begleiten, weil sie nicht so laut sein kann. Sie singt trotzdem wundervoll.

Im Publikum befindet sich auch eine Gruppe Deutscher. Die gehen mir gleich ein bisschen auf die Nerven, weil sie am Brabbeln und Kichern sind. Naja. Die Chinesen scheinen nichts von dem zu kennen, was ihnen geboten wird und beim Lalala-Mitsingen verlieren sie die Zehn aus der Heimat im Saal.
Rechts krisselt es etwas aus der Box, oder sind es nur die Deutschen? Der Mann am Tonmischgerät beschäftigt sich mit WeChat. Als würden sie es mitkriegen, spielen die beiden daraufhin jeweils ein Solo. Die beste Idee, wenn der Ton nicht immer so stimmt, denn eine Gitarre, eine tief-kratzende und gleichsam laute Stimme, das kommt an. Und mit In my drunken head hat für mich eh alles angefangen. Jonas dagegen kommt ganz leise, dafür mit Rihannas Umbrella. Wenn ich sie nochmal sehe, werde ich sie informieren.

Auch in China spielt Honig den letzten Song nicht auf der Bühne, sondern unter den Gästen. Das beeindruckt das Publikum hier tatsächlich und entlässt es in die Dunkelheit der Hutongs, Beijings Altstadt.

Man sagt, in Beijing habe man einen schweren Stand, weil es so viele Möglichkeiten für die Menschen gibt, sich abends zu unterhalten. Jeder der in China tourt, besucht auch einmal die Hauptstadt. Für Honig und Jonas David war das heute also nicht der eine, besondere Abend, den sie nie vergessen werden. Konzerte in Wuhan oder Shanghai werden das wohl eher schaffen. Auch wird man ihnen aus China nicht die blauen Facebook-Daumen zu Füßen werfen, wie einst die Christen dem Papst die weißen Rosen. Wie herrlich, wenn man trotzdem glücklich ist, so eine Tour machen zu dürfen.
Dennoch, nach vier Wochen Beijing, habe ich die Musik aus den Ohren verloren. Jetzt ist sie wieder da und morgens wie abends denke ich an den guten alten MP3-Player, der ins Ohr muss um den Tag zu versüßen.
Und wenn es dann ein neues Album gibt, dann sollte es doch auch soweit sein, dass es nicht mehr das Zwölfzehn sein muss. Denn schwieriger als Beijing ist nur noch Stuttgart.

Text:
Manuel Niedermann
Geschrieben am
19. November 2015
Honig Honig
singer-songwriter, Indie, german, indie pop, calm