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Jochen Distelmeyer im Merlin.
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Jochen Distelmeyer im Merlin.

We don't need no education. Aber eine Lehrstunde in Hamburger Schule.

Alle aufstehen.
Mit Jochen Distelmeyer ist ein ganz großer ins Merlin gekommen. Sein Schaffen überstrahlt seit den 90ern weite Teile der deutschen Musikgeschichte. Mit seiner ehemaligen Band Blumfeld etablierte er, neben Die Sterne und Tocotronic, die Bewegung Hamburger Schule. Distelmeyer war nicht nur ihr Frontmann, sondern auch weitestgehend für das Songwriting verantwortlich. Nachdem sich die Band 2007 auflöste, ist der gebürtige Bielefelder seit 2009 solo unterwegs. Nun steht sein neues Album Songs From The Bottom vor der Tür und im Rahmen der Veranstaltungsreihe Pop Freaks gewährt er uns einen kleinen Vorgeschmack.

Hefte raus.
Um kurz nach neun betritt der gut gelaunte Altmeister gemeinsam mit Pianist Daniel Florey die Bühne. Beide zeigen sich sichtlich erfreut, vor einem ausverkauften Haus spielen zu dürfen. Einerseits bunt durchmischt, lässt der Blick ins Publikum ebenso vermuten, dass einige der Gäste bereits zu Blumfeld-Zeiten vor Distelmeyer standen. Ganz ohne Sendungsbewusstsein steht dieser heute auf den Brettern: Unterhaltung als oberste Prämisse. Doch die ist geklaut. Denn heute soll ein Potpourri aus Cover-Songs den Stoff für die Unterrichtseinheit bieten, was für Distelmeyer eine nette Abwechslung bietet. Denn der ausschließlich auf Deutsch singende Künstler darf nunmehr auch englische Texte rezitieren. Wohlan, die Interpretationen der Songs lassen immer wieder seinen eigenen Fingerabdruck erkennen. Und doch sind es ungewohnte Töne dieser unglaublich starken Stimme, die viele im Raum schon weit über 20 Jahre kennen. Dennoch, an Unterrichtsbeteiligung fehlt es solo keineswegs. "You are our German Morrissey" ruft da einer rein, was den zwar verzückten, doch leicht irritierten Lehrer fast zur falschen Gitarre greifen lässt.

Brutalunterricht.
Neben Unterhaltung gilt es heute – Hamburger Schule wörtlich genommen – einige Hintergründe zu den Stücken zu erzählen. So schaffte es der zweite Song des Abends leider nicht auf die Platte, weil Tragedy von den Bee Gees laut Distelmeyer nicht von tragischem Liebesverlust handelt, sondern von scheiternder Selbstbeglückung. Und so etwas packt man natürlich nicht aufs Album. Im Gegensatz dazu: Stücke wie Toxic von Britney Spears, Pyramid Song der grandiosen Radiohead, The Verve, oder weniger Poppigem wie This Old Road von Kris Kristofferson. Blanker Neid, so der Interpret, lasse ihn auch Stücke wie Shot In The Arm von Wilco covern.

Nachsitzen auf Deutsch.
Nach der Pause erfüllt unser Protagonist dann doch noch die Hoffnung vieler: Eröffnend mit Tausend Tränen tief, spielt er einige der alten Nummern von Blumfeld, aber auch von seiner Soloplatte Heavy. Das Plenum stimmt freudig ein und so vergeht die zweite Hälfte des Konzerts noch schneller als die erste. Mit Free As A Bird, einem Klassiker der Beatles, als Zugabe endet ein besonderer Abend mit Ruhe im Saal und einer aufmerksamen Zuhörerschaft. Denn Jochen Distelmeyer hat freudig bewiesen, dass auch er aus seinem Schema ausbrechen kann.

Ausblick.
Sein Album Songs From The Bottom wird am 12.2. erscheinen und nach diesem Konzert gilt es definitiv schon heute als Kaufempfehlung.

Text:
Tobias Leicher
Geschrieben am
23. Januar 2016
Jochen Distelmeyer Jochen Distelmeyer
hamburger schule, german, deutsch, seen live, indie pop