Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Joris im Astra.

Mit ganz viel Herz und wenig Kopf.

Himmel über Wien in Berlin.
19.45 Uhr, Donnerstagabend in Berlin. Das Astra in der Revaler Straße ist ordentlich voll. Bevor es jedoch mit Joris losgeht, müssen die Zuschauer erstmal mit dem gut gelaunten Österreicher Lemo Vorlieb nehmen. Musikalisch nicht sehr weit vom Headliner entfernt, eröffnet er den Abend mit seinen Songs. Unter anderem seiner neuen Single Der Himmel über Wien, den der Wahlwiener ganz gut kennen dürfte.

"Mach die Augen zu und tanz."
Im Anschluss an einen warmen, herzlichen Applaus kommen Miller auf die Bühne. Eine vierköpfige Deutschrockband aus Mannheim. Niko Stegmiller, der Sänger der Band, findet auf jeden Fall schon mal alles "super geil". In Berlin zu sein, vor so vielen Leuten spielen zu dürfen und Joris zu supporten. Auch wenn der Publikumschor in puncto Mitsingen noch nicht ganz so gut funktioniert – aufgrund des rockigen Beats trotzdem ein guter Einstieg.

Eine gute Stunde später betritt "Klein Joris vom Lande" die Bühne. Sofort reißt er die Menge mit, als würde er kaum etwas anderes tun. "Habt ihr Bock zu feiern?", fragt er. "Ja, das haben wir!". Denn was sich Menschen, die Deutschpop gerne als reine Mädchenschnulzenmusik verurteilen, vermutlich schwer vorstellen können: Kaum jemand wippt die ganze Zeit melancholisch von links nach rechts, seufzt ununterbrochen oder braucht alle paar Minuten ein neues Taschentuch. "Nimm meine Hand und mach die Augen zu und tanz", so eine seiner Songzeilen - und das tun wir.

In gutem Tempo schreitet der Abend voran. Anfangs musste man fast befürchten, dass er mit seinem "Hoffnungslos hoffnungsvoll"-Album nach 45 Minuten durch ist. Aber das liegt sicher auch an der Zeit, die man hier einfach nicht spürt.
Seit 21 Jahren, so behauptet der 25-jährige, mache er nun schon Musik "und neunzehn Jahre lang hat das kein Schwein interessiert". Inzwischen ist davon keine Rede mehr: Der Gesamteindruck ist unheimlich professionell. Die Stimmung in der Band ist ausgelassen, Joris rauchige Stimme sehr präsent und deutlich und es sitzen sowohl die großen, im Brustkorb dröhnenden, als auch die kleinen Töne. Die Band wirkt sehr nah und vertraut, fast wie ein paar alte Freunde, mit denen man herzlich lacht und gemeinsam ein paar Lieder trällert.

Aktives Gruppenkuscheln.
Joris leitet heute Abend durch kleine Erzählungen in seine Stücke über. Und auch die Songs selbst variieren: Stadt in den Wolken gibt es mit einem gut tanzbaren, elektronischen Songende und ordentlich Bass. Aus Bis ans Ende der Welt zaubern die Jungs eine zur Schwere des Themas passende, leise Akustik-Version. Vor allem die Interaktion mit dem Publikum wird bei Joris groß geschrieben: Er fordert zur gegenseitigen Umarmung und zum Freundefinden auf. Eigentlich zu furchtbar vielem. Zum Tanzen, zum Fühlen, zum Augen schließen und zum einander Liebhaben. Und wenn man auf Joris' Frage "Kann hier jemand von euch rappen?" mal eben mutig den Arm hebt, dann kann es schon passieren, dass man auf die Bühne geholt wird, einen eigenen Song in Begleitung der Band performen darf und vom Publikum dafür extrem gefeiert wird. Santiro, ein junger Rapper, bahnt sich seinen Weg durch die Menschenmenge, wird auf der Bühne herzlich umarmt und darf dann eben genau dies tun: Mit Joris und seiner Band einen seiner eigenen Songs rappen. Das passiert ihm wohl auch nicht alle Tage.

Keine Effekthascherei.
Von Special Effects hingegen hält die Band eher wenig. Der einzige, als eben solcher angekündigt, besteht darin, ein kleines, an einer Schnur befestigtes Luftballonherz aus einem Karton zu befreien. Also furchtbar viel Herz, ohne kitschig zu wirken und ganz viel Nähe zum Publikum. Ansonsten ist die Bühnenshow sehr dezent, wird eher durch die Interaktion der Band lebendig. Es gibt kleine, ab und an aufblinkende Lichter, ein paar farbige Spots und ansonsten die üblichen, beweglichen Scheinwerfer. Joris live ist kein Vergleich zur Platte: Ihn live zu erleben, hat nochmal einen ganz eigenen, besonderen Zauber.

Krönender Abschluss des Abends bildet in der Zugabe "Herz über Kopf". Auch wenn man das aufgrund des Rauf- und Runterdudelns aus dem Radio eigentlich schon nicht mehr hören kann, so ist dies unerwartet der größte Gänsehautmoment. Vor allem in der umfunktionierten Reggaeversion.
Ein positiv überraschender, witziger und ausgefallener Abend mit einem sehr, sehr dankbaren und bisher komplett auf dem Boden gebliebenem Joris, den man einfach nur in sein Herz schließen kann, geht zu Ende. "Ihr macht mich ultra glücklich!" - Danke, ebenso!

Text:
Lisa Pfarr
Geschrieben am
01. April 2016