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Zitronen im Weltall
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Zitronen im Weltall

Mit Kischkat-Kühner-Weiss waren am 27. Januar drei musikalische Ausnahmekönner im Forum Theater auf Klangreise durch den Orbit.

Besonders sind diese Musiker schon durch ihren künstlerischen Ansatz:
Alles ist frei, keine Note wird im Vorfeld festgelegt. Lange improvisatorische Phasen, während eines Sets, sind in der weiten Welt des Jazz ja oftmals keine Seltenheit. Hier geht man noch einen Schritt weiter - es wird kompromisslos von der ersten bis zur letzten Note frei improvisiert.

Inhaltlich werden die Klangexkursionen von Kischkat-Kühner-Weiss zusammengehalten durch die Lyrik, die von Schlagzeuger Uwe Kühner, mal eindringlich entrückt, mal Sanftheit betonend, entweder frei oder vom Blatt interpretiert werden. Natürlich entscheiden Zufall, Intuition oder spontane Eingebung, welches Gedicht nun vertont wird. Die lyrischen Texte entstammen der Enzyklopädie “Museum der modernen Poesie“ von Hans Magnus Enzensberger und oftmals ist die klangliche Ausmalung dieser, na, sagen wir mal, überraschend gestaltet. Höchstwahrscheinlich sind die Musiker selbst oftmals überrascht von ihrer situativen und stetig fließenden Interpretation der gesprochenen Texte.

Uwe Kühner ist es auch, der als eine Art perkussiver Moderator, im Dauereinsatz zwischen den beiden exzellenten Gitarristen Boris Kischkat und Günther Weiss lenkend vermittelt und hierbei die jeweiligen Klanguniversen miteinander verschmelzen lässt, diese sich Schicht um Schicht verdichten lässt oder eben aufsprengt. An diesem unterhaltsam-inspirierenden Abend wird auch deutlich, dass Musik nicht nur aus Tonhöhen und Notenlängen besteht, sondern auch aus Stille, Krach und Feedback sowie unterschiedlichsten Geräuschen aller Arten, die mit Gitarre und Perkussion, denkbar sind. Und auch, dass bedeutsame Musik zudem natürlich aus jeder Menge Vibes und hervorragendem Zusammenspiel besteht. Das trifft auf alle drei Spieler zu, besonders auch auf die beiden Gitarristen Kischkat und Weiss, die sich großartig ergänzen und ihre Akkorde und Melodien zu flächigen Sounds und pulsierenden, lebendigen Klangtexturen verweben.

Da gibt es viel Augenkontakt und wechselseitige Inspiration. Hier entsteht in den besten Momenten ein Dialog. Ab und an schwebt die Musik im Raum, wie die beiden Gemälde der gelben Zitrusfrüchte von Künstlerin Kerstin Schaefer, die über den Köpfen der Musiker zu schweben scheinen. Sinnigerweise heißt das Diptychon, das drei Zitronen auf schwarzem Grund zeigt, ebenfalls „Dialog“, wie Uwe Kühner etwas verschwurbelt, aber sympathisch dem Publikum erläutert. Schlussendlich war dies ein musikalischer Ausflug ins Weltall der Improvisation und Spontanität, der viele überrascht, aber sicher niemanden enttäuscht haben dürfte.

Text:
Mike Rilling
Geschrieben am
28. Januar 2018