Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Hass ist erlaubt

Lambert lässt die ganze Welt zum Klavier werden. Doch wird ständig unterbrochen.

Es wurde auch Zeit. Die unter anderem mit Drangsal und Fenster grandios besetzte Pop-Freaks-Veranstaltungsreihe im Kulturzentrum Merlin schickt sich an, das post-weihnachtliche Konzert-Vakuum ins Jenseits zu befördern. Den Anfang übernimmt die maskierte Melodien-Manufaktur Lambert. Dank zahlloser Beiträge in diversen künstlerisch wertlosen Kulturdingsda-Publikationen und Reworks bekannter Nummern von Artists wie Deichkind oder Tocotronic blicken zahlreiche Augen in das von einer sardinischen Antilopenmaske verstecke Antlitz des Neo-Klassikers. Gibt sich der Künstler in seinem Auftreten geradezu mystisch zurückhaltend, brilliert er in Sachen Visualität und Musikalität mit minimalistischem Opus und kompositorischem Können.

Wie sich das live anhört? Wir folgen einer wohlig wärmenden Stimme in dieser kalten Januar-Nacht. Sie lockt, ja zerrt uns geradezu durch diese Tür im Stuttgarter Westen. Samtene Dunkelheit. Andächtiges Schweigen. Um Bartische sitzend blickt die unbekümmerte Gesellschaft gen Bühnenbretter. Denn dort erheben sich zwei gutmütige Damönen aus der Schwärze und stimmen ein Opus aus gedankenvoller Weite und bescheidener Tiefe an.

Traumaturgie.
Lose tritt eine Welle los, die unsere Ohren in einen Sog zieht. Sanft, doch bestimmt entführt uns der seitlich dem Publikum zugewandte Unbekannte über Partituren und Arrangements in formloser Schlabberkleidung in all das, was wir uns vorstellen können, wenn wir die Augen schließen. Mit Finally einem Rinnsal gleich, das sich über Jahrhunderte, gar Jahrtausende vergrößert und verbreitert, nur um dann wie Talk wieder in nahezu unsichtbarer Stärke durch Lücken zu tröpfeln, annulliert der Maskenmann die Alltagspflicht.

Doch da plappert einer dazwischen.

Das Publikum scheint's nicht zu kümmern. Es scheint sogar Gefallen daran zu finden. Wir schlucken und heißen den gefühlvollen Schlagwerker, der die Lambertschen Tonleitern mit Polyrhythmen begleitet, herzlich willkommen. Das kongeniale Gespann beginnt erneut unsere Sinne zu betören. Und zieht uns über As Ballad, Birds und Locked spektakulär unspektakulär zwischen Jazz und romantischem Pop hindurch. Entführt uns mal lautstark in die Tasten hämmernd, mal gedankenverloren über's Klavier gelehnt in eisige Landschaften, stille Buchten und graue Novembertage. Und plötzlich wird die ganze Welt zum Klavier.

Doch Lambert wird erneut unterbrochen.

Diesmal können wir es nicht so leicht verkraften. Lambert hüllt seine Person in analogen und digitalen Medien in einen zurückhaltenden Mantel des Schweigens. Und mystifiziert seinen Künstlernamen durch das schlichte Unmöglichsein der Personalisierung des dahinterstehenden Künstlers. Denn der phallische, schwarz-rote Deckmantel egalisiert das Äußere wie das Nachvollziehbare und lässt einzig und allein die Kunst in Bild und Ton sprechen. Dafür klatscht ihn die gut gelaunte Hörerschaft nun für Cole und Green Eyes erneut auf die Bühne. Denn sie will, wie wir, erneut aus der Realität entführt werden. Doch dieses zwar amüsante, doch am Ende des Tages belanglose Gebrabbel entreißt dem Gedankengebilde jegliche Mystik.

Und da unterbricht dieses Stimmchen schon wieder.

Wir öffnen schließlich entnervt die Augen und erkennen den Übeltäter. Er trägt einen Künstlernamen. Und eine Antilopenmaske.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
16. Januar 2016
Lambert Lambert
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