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5. Maifeld Derby - Sonntag
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5. Maifeld Derby - Sonntag

Elektronische Musik als euphorische Abschlussgeste? Das hätten auch wir nicht gedacht.

Was für ein Wach-Moment! Mit voller Inbrunst eröffnen East Cameron Folkcore den dritten und letzten Tag des Maifeld Derby 2015. Mit Kaffee bewaffnet treibt es schon jetzt zur Mittagszeit einige auf das Gelände, um eine Stunde lang dem orchestralen Punk der Texaner zu lauschen - ganz zum Erstaunen der Band. Vor dem strahlenden Sonnenschein verstecken wir uns anschließend im Palastzelt, um uns von Charlie Barnes, der auch mal eine Spur lauter kann, überraschen zu lassen. "More Stately Mansions" heißt die neue Platte, die er uns mitgebracht hat und die die Lücken zwischen dem noch spärlichen Publikum melodisch füllt.

Pink bis rot schimmert das Haupthaar der Mannheimerin namens La Petite Rouge, die auf der seit den letzten Jahren wachsenden Bühne des liebevoll geschmückten Parcour d'Amour in die Tasten greift. Verspielter Elektropop, säuselnder Gesang und tiefe Bässe verlocken ein paar Gäste dazu sanft auf den biegsamen Plasikstühlen der Tribüne mitzuwippen. Vor allem rein optisch verdient diese kleine aber feine Location auf dem Maifeld Derby genau in diesem Moment seinen Namen.

Anschließend, und nachdem ich Arkells und Taymir lautstark an mir vorbeiziehen lasse, heizt Astronautalis im Palastzelt gehörig der Menge ein. "Lass mal zu dem Eminem-Verschnitt gehen!", fordert eine junge Festivalbesucherin ihre Freunde auf. Ganz so schnell rappt der gute Mann hier nicht. Trotz allem ist mittanzen ein Muss und mitsingen kann auch, wer den Text nicht kennt. Notfalls kann man ja auch so tun, meint Sänger bzw. Rapper Andy Bothwell. Plötzlich fällt mir ein, dass ich mich bisher noch zu keinem Hip Hop Act verlaufen habe. Oder gab es gar keinen? Als ich vor Konzert Nummer fünf heute stehe, vergesse ich, weiter über die Endlichkeit des Line-Ups nachzudenken und tanze fröhlich im Konfettiregen zu Waxahatchee:
Einfache und rabiate Riffe zu hübschen Texten wie "Maybe you got your head caught in a ditch last night" wecken Erinnerungen an die Riot-Grrrl-Bewegung der 90er Jahre und schüren die Hoffnung auf einen grandiosen Abend. Auch die Klamottenwahl der Band um Katie Crutchfield lässt Bilder alter Versandkataloge aus demselben Jahrzehnt vor dem geistigen Auge aufblitzen. Aber trägt man ja grade so. Bock macht das Konzert auf alle Fälle und der frische Gitarrensound passt zum seit drei Tagen idealen Festivalwetter.

Knackig kurz spielen danach Drangsal im Brückenawardzelt. Zugegeben, mich hat es hierher verschlagen, weil ich wirklich nichts über diese Jungs erfahren konnte. Durchdringender Pop von der vielleicht jüngsten Band des Maifeld Derbys bespaßt eine knappe halbe Stunde eine immer größer werdende Gemeinde. Weniger poppig, dafür verträumter kommen Mew im Palastzelt zur Geltung. Andächtig lauschende Zuhörer werden hier von einem überaus fetzig gefahrenen Licht bestrahlt, während sich immer wieder Menschengruppen aus der Menge lösen, um sich langsam aber sicher einen Platz bei Wanda vor der Fackelbühne zu sichern.

Und ja! Es wird sich nackig gemacht! Nach nicht einmal zwei Songs knöpft sich Frontmann Marco Michael Wanda schon das Hemd auf, um der ausgelassenen Maifeld-Meute das Tanzen und den Dialekt zu lehren. Textsicher und mit allen möglichen werfbaren Festivaldingen bewaffnet freuen sich alle auf ein herzhaftes "Schnaps!" und "Bologna!". Alle verfügbaren Windräder und Steckenpferde werden glückselig in die Luft gestreckt und das noch so warme Bier läuft plötzlich wie frisch gekühlt die Kehle hinab. Nach diesem - ja, es gibt eigentlich schon genug Hype um diese Band, aber egal - wahrlichen Highlight schwindet so langsam meine Stimme. Als es vorbei ist, dauert es noch lange, bis die Schreie nach "Amore!" auf dem Gelände verklingen.

Mit Fink wartet schon das nächste Bonbon. Ganz ruhig und gediegen ertappt man sich im Palastzelt beim tief Durchatmen und Zwischen-den-Zeilen-verlieren. Nach so viel Gefühl wird es zum Essen nochmal richtig dreckig. Zu den scharf gewürzten Thainudeln gibt es doppelte Schlagzeugbesetzung mit den Thee Oh Sees. Harte Gitarren und tanzwütige Bassläufe fördern zum Nachtisch eine Frisbee-Eskalation im Abendhimmel zu Tage. Vor-vorletzter Act meines bis zum Bersten gefüllten letzten Maifeld-Tages nennt sich BRNS und bedeutet nichts anderes als Hirne, sprich Brains.

Die nahe Verwandtschaft zu ihren Landsmännern und -frauen von Balthazar hemmt ein wenig den Überraschungseffekt. In gewohnt trommelfellzerfetzender Brückenawardzeltmanier hüllen uns die Belgier mit vielschichtigen Arrangements und schleppender Rhythmik ein. Da meine Neugier aber überwiegt und ich schon lange wissen will, wie Roisin Murphy ohne Moloko klingt, mache ich mich tanzfreudig auf in Richtung Palastzelt.

Auf den ersten Blick ist das, was die wahrliche Diva hier auf die Bühne bringt, ein Meisterwerk der Wandlungsfähigkeit. Für dieses Fazit habe ich knapp zwei Tage gebraucht. Ständig bin ich mir nicht sicher, ob ich weiter tanzen oder sie einfach nur beobachten will. Eins steht jedoch fest: Losreißen kann ich mich nicht. Hinter Teddybären, Hütchen, Rosenkleidern, Fellhosen und anderen Maskeraden laufen im ständigen Wechsel farbenfrohe Visuals und Filmausschnitte mit Roisin höchstpersönlich.

Doch so hundertprozentig zufriedengestellt fühlt sich meine Freude, endlich wieder die Höhen und Tiefen eines Festivals ausgelebt zu haben, noch nicht an. In der Hoffnung, es wäre kulinarischen Ursprungs, gönne ich mir ein Kokoseis und setze mich kurz darauf ins Freie. Sophie Hunger, The National und jetzt eine große Nummer, deren Beurteilung ich mich nicht gewachsen fühle? Alle und alles vereinend muss er sein, der letzte Abend eines Festivals. Man muss die Gelegenheit haben, alles noch einmal Revue passieren zu lassen und dabei die Kugel Eis schmecken, ohne sie dabei in den Händen zu halten.

Und obwohl der Zeltplatz sich schon leert und die meisten Tagesbesucher zurück ins heimische Wohnzimmer fahren, habe ich heute noch ein Date: Kid Simius und die Aftershowparty, die im vergangenen Jahr gleich an zwei Abenden begangen wurde. In drei Worten zusammengefasst: Es war großartig! Mit Gitarre, Harmonika und allen möglichen technischen Spielereien brachte der Mann, der den Status als Materias DJ gar nicht nötig hat, ein letztes Mal alle Anwesenden gemeinsam zum Ausrasten. Sogar eine Zugabe gönnte er dem halb gefüllten Maimarktclub, bevor er King Kong Kicks in seine viel zu großen Fußstapfen steigen ließ.

Endlich freudig-erschöpft von stundenlanger Tanzwut, gut gefüllt mit kühlem Bier und froh morgen nicht auf der Isomatte schlafen zu müssen, kehre ich zurück zum Zelt und bin erleichtert. Ein letztes Mal noch lautstark die kompletten Wanda-Texte aus dem Hinterkopf geblasen und schon legt sich eine sanfte Stille über das Gelände. Tschüss Ponys, tschüss Mannheim. Es war mal wieder ein wunderschöner Ritt.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
27. Mai 2015
Róisín Murphy Róisín Murphy
electronic, female vocalists, dance, electronica, pop
Thee Oh Sees
garage rock, lo-fi, psychedelic, garage, stoner rock
Fink Fink
Indie, singer-songwriter, downtempo, ninja tune, chillout
Wanda Wanda
indie rock, austrian, dutch, nederlands, female vocalists
Mew Mew
Indie, alternative, indie rock, danish, rock
Waxahatchee
singer-songwriter, female vocalists, Indie, alternative, acoustic
Astronautalis Astronautalis
hip-hop, Indie, experimental hip-hop, experimental, underground hip hop
Arkells Arkells
canadian, indie rock, rock, Indie, alternative
Husky Husky
trip-hop, electronic, polish, downtempo, female vocalists
Children
progressive thrash metal, thrash metal, electronic, progressive metal, trip-hop