Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Marina And The Diamonds Im Wizemann

Von Popsternchen und Selbstfindung.

Was ist aus Marina and the Diamonds geworden? Sieben Jahre nach ihrem Aufbruch in die Popwelt überrascht sie mit einer stimmigen Popshow, die verrät, dass sie – nebst einer Menge Fans – vor allem sich selbst gefunden hat.

Es fühlt sich gar nicht so lange an, doch Marinas erstes Album erschien bereits 2009 und sorgte damals für große Wellen in der Popwelt. Family Jewls war frisch, anders und vor allem unverbraucht. Garniert mit einer Stimme, die auf mehr hoffen ließ. Doch wie so oft erwies sich der Nachfolger als nicht mehr ganz so groß. Heute steht Marina Lambrini Diamandis, wie die walisische Halbgriechin mit bürgerlichem Namen heißt, mit Album Nummer drei im Gepäck, auf der Bühne eines restlos ausverkauften Im Wizemann. Vor ihr hat sich sich ein buntes Stuttgart versammelt: Von der griechischen Fanbasis über schwule Pärchen, kreischende Teenies bis hin zu fröhlich tanzenden Mittfünfzigern. Unterschiedlich kostümiert wird sie uns in drei Akten durch die Show und gleichzeitig die Stadien ihrer bisherigen Karriere geleiten.

Akt 1: Die frühen Juwelen
Ohne Vorband startet der Abend ganz klassisch mit Mowgli's Road und I am not a Robot. Mit funkelnden Mickey Mouse Ohren wirbelt sie glitzernd über die Bühne, während sich ihre Fans über jeden Klassiker frenetischer freuen. Wie im Flug und begleitet von einem schillernden Sternenmeer im Hintergrund vergeht das erste Drittel. Denn so sehr erfreut sich die Halle an den Erinnerungen, die diese Stücke begleiten. Mit Hollywood entlässt sie uns. Die Ektase ihrer Anhänger kennt bereits jetzt keine Grenzen mehr. Geschriene und geschriebene Liebesbekundungen erfüllen das Wizemann, ebenso wie ein lautstark mitsingendes Publikum.

Akt 2: Elektronische Herzen
Wurde Marina zum Erscheinen des zweiten Albums, bei dem ein ganzes Heer an Producern beteiligt war, fehlende Authentizität vorgeworfen, scheint sie heute Abend auf alte Kritiker zu pfeifen. Sie spielt mit den Klischees wie Grundschülerinnen mit Barbiepuppen. Als augenzwinkernde Bubblegumm Bitch im Barbiedress verzeiht man ihr die simplen, teilweise stupiden Beats ihres Zweitlings und erkennt, wie viel Ironie hier doch verpackt ist. Oberflächlich betrachtet mimt sie die Popgöre, doch spätestens bei Primadonna ist klar: Dies ist nicht ihr wahres Gesicht. Ihre offensichtliche Freude, sich durch alle Gangarten des Pops zu bewegen, fasziniert hier genauso wie die dauerbegeisterten Fans, die jede kleine Geste der Künstlerin mit johlendem Jubel danken.

Akt 3: Froot Alarm
Im letzten Teil dieses so überraschenden Abends kredenzt uns Marina im blauen Einteiler und mit geschwungendem Froot-Haarreif ihre neuesten Machwerke. Bedauerlicherweise tritt ihre Stimme im Vergleich zum Debüt mehr in den Hintergrund, was bei der unglaublichen Varianz, die sie zu bieten hat, mehr als schade erscheint. Dennoch besinnt sie sich wieder ihrer Stärken: Sie vermischt die großen Popnummern des ersten Albums mit den elektronischen Beats des zweiten zu einem bunten Reigen spannender bis einfach unterhaltender Songs. Inmitten dieser neuen Popwelt steht das Cindy Lauper - Cover True Colours, deren Anleihen und Verehrung hier besonders deutlich durchscheinen. Bravourös unterstützt wird die vermeintliche Diva von einem im Einheitslook gekleideten Männerquartett an Bass, Gitarre, Synthies und Drumms. Vor allem den passionierte Schlagzeuger scheint sie einer Metalband entrissen zu haben.

Eineinhalb Stunden, drei Akte und zwei Zugaben später entlässt uns der singende Edelstein für Stuttgarter Verhältnisse früh in die Nacht. Dem Funkeln in den Augen zahlreicher, aus dem Wizemann strömender Menschen zu urteilen, geht ein schillernder Abend mit einer großen Künstlerin zu Ende, der häufig viel zu unrecht der Popgören Stempel aufgedrückt wird. Wir haben heute Marinas wahre Farben durchschimmern sehen und lieben sie dafür.

Text:
Tobias Leicher
Geschrieben am
02. März 2016
Marina & the Diamonds
seen live, indie pop, female vocalists, pop, wales