Kulturpegel

 
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Wie man den perfekten Moment verpennt - Ein Abend mit Max Raabe und seinem Palast Orchester

Ein etwas anderer Abend erwartet das Publikum im Beethovensaal diese Woche: Eine Revue wie man sie so heute nur noch selten bekommt, inklusive Orchester, Gesang und Witz. Ob das Versprechen der stehenden Ovationen eingehalten wurde, ob ein grüner Kaktus wirklich sticht und vor allem ob die goldenen 20er ein bisschen Glanz in die triste Liederhalle bringen kann, lest ihr hier!

Es ist schon immer etwas besonderes, bestuhlte Konzerte in großen Sälen. Heute Abend findet sich ein illustres und für uns Pegler nicht unbedingt alltägliches Publikum im Beethovensaal ein, um dem Palast Orchester mit ihrem charmanten Frontmann Max Raabe zu lauschen. Sofort sticht der klassische Bühnenaufbau des Orchester ins Auge, Flügel an der Front, zwei Reihen Musiker, mittig unterbrochen vom Percussion Ensemble. Ein nicht alltägliches Bild für Konzertgänger im 21. Jahrhundert. Und so verspricht auch die musikalische Ausgestaltung des Abends einen anderen Duktus als schon wieder nur die nächste heiße Indie-Band.

Das neue Programm von Max Raabe spielt rund um das zuletzt erschienene Album "Der Perfekte Moment", hält aber wie gewohnt viele Rückblicke in die 20er und 30er Jahre bereit. Den Anfang macht jedoch "Guten Tag, liebes Glück", ein leichtes Stück von Raabes neuem Album, bei dem Handschrift von Peter Plate zu erkennen ist. Gitarre und später auch Ukulele sind Markenzeichen dieses Albums, das von manchem als zu schlicht betrachtet werden könnte. Persönlich finde ich auch dieses neue Album sehr charmant und nicht so seicht wie es gelegentlich von der Kritik verrissen wird. Dennoch schlägt einem das Herz höher, wenn im dezenten Licht der Klassiker "Du bist meine Greta Garbo" von Robert Scholz und Walter Reisch erklingt und - so wie alle Lieder aus den guten alten Zeiten - sogar noch charmant anmoderiert wird. Ein wiederkehrender Witz ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, was gerne auch mal auf politischer Ebene aufgegriffen wird. ("Wenn Männer etwas tun wollen, machen das, da muss man auch nicht alle sechs Wochen nachfragen." oder später: "Der Witz über das Verständnis von Zeit kehrt nun auch im Gewand des Berliner Senats zurück, der auch einen Flughafen baut, da muss man nicht ständig nachfragen.")

Max Raabe weiß einfach, wie er mit Klasse Ansagen, Witz und Haltung vereint. So belehrt er das Publikum kurz über die Natur des Adressbuchs um dann über die zu singen, die nicht darin steht. Immer wieder, wenn er nichts singt, tritt der Bariton stilvoll und in immer gleicher Pose zurück an den Flügel und überlässt dabei Spot und Bühne dem Palast Orchester. Dieses besteht aus sieben Bläser, einer Gitarre, einer Tuba bzw. einem Kontrabass für die Basselemente, einem Percussion Ensemble sowie dem Flügel und der Violinistin Cecilia Crisafulli, die den Klang des Orchesters zusätzlich eine würdevolle Eleganz verleiht. Auch wenn das Konzert mit all diesen Akteuren sehr klassisch wirkt, verschließen sich Raabes Ansagen keineswegs vor der Moderne (Habt ihr schon mal versucht, "Du Du Dudl Du" vom Adalbert Lutter Orchester über Siri zu suchen?) Apropos Moderne: Zum Swing der 30er kommt bei "I Don't Want To Dance" erstmalig auch die LED-Wand an der Bühnenrückwand zum Einsatz und bricht mit dem klassischen Orchesteraufbau.

Die Orchestermusiker sind fast durchgängig multiinstrumental unterwegs: Zu "Wenn die kleinen Veilchen blühen" kommen Klarinetten zum Einsatz, später entdecke ich auch ein Akkordeon sowie eine Bratsche. Besonders beeindruckend ist oft auch der durchaus kecke Text, den Lieder der 20er und 30er schon hatten, durchaus mit Ausflügen ins Frivole: "Wenn du mal in Hawai bist" gibt einem ein interessantes Gefühl von hawaiischer Gemütlichkeit - ganz im Gegensatz zu unserer heutigen Auffassung, die Wohl eher durch "Es gibt kein Bier auf Hawai" geprägt sein dürfte. "Der Perfekte Moment" mit seinen leicht dekadenten Botschaften ist aufgrund der Instrumentierung sofort als neu zu erkennen und die Leichtigkeit der Ukulele setzt einen schönen Konterpunkt zum sonst recht gediegenen Abendprogramm. Auch vom neuen Album ist der Song "Fahrrad Fahr'n".

Nach der Pause kehrt das Orchester ganz in weiß zurück und begeistert mit einer internationalen Vertonung ihres Charterfolges "Kein Schwein ruft mich an". Das Männer-Frauen-Motiv kehrt auch in der zweiten Hälfte immer wieder zurück. Kein Grund für eine Sexismusdebatte - die Zweideutigkeit der Lieder und Klischees gehören zur prüden Zeit von damals, wenn auch gleichzeitig ungeheure gesellschaftliche und künstlerische Fortschritte zu bestaunen waren, bevor das Dritte Reich alles zunichte machte. Klassiker wie "Ich wollt ich wär ein Huhn" oder "Amalie geht mit 'nem Gummikavalier" überwiegen die zweite Hälfte, die mit zwei Zugaben endet.

Alles in allem ein schöner und vor allem anderer Abend. Der Stil und Glanz der 20er erhellt dank Max Raabe und seinem Palast Orchester die gut gefüllte Liederhalle und entlässt uns mit einem einem sanften Swing in die Nacht.

Text:
Tobias Leicher
Geschrieben am
22. Februar 2018