Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Mine + Streicher im ClubCANN

Eine Künstlerin und ihr enger werdendes Korsett aus Ordnung ohne Chaos.

Das Jahr welkt seine schwindenden Stunden, Minuten, Sekunden ins Grau. Doch beschert es uns mit einem seiner letzten Atemzüge einen sinnlichen Ausklang in familiärer Atmosphäre. Denn Mine lädt unsere müden Tanzbeine ein, dem Niedergang der Zeit den ein oder anderen Schwung mit in den Ruin zu reichen. Im Gepäck hat sie ein Streicher-Quartett, das die zugegeben bereits viel zu gezwungen sinnliche Zeit zusätzlich aufwerten soll. Wir willigen ein und müssen im Vorprogramm nur Martin Haller durchstehen.

Laugh at first sight.
Selbst wenn wir einen Großteil seines Sets verpassen, reicht bereits der Abschluss des selbigen, um uns gehörig zu langweilen. Denn die Hallerschen Songs tönen beim besten Willen gerade mal uninspiriert. Grenzen in Sachen Lyrik tatsächlich jedoch viel zu oft an die ersten Gehversuche eines Grundschülers. Selbst unsere Fremdscham schämt sich, weil sie so oft zu Tage tritt. Zu allem Überdruss ziehen die viel zu langen Ansagen Hallers das kurze Set dermaßen in die Länge, dass wir mit unserem verächtlichen Schnauben die Blicke zahlreicher Kinder auf uns ziehen.

Cogito, ergo stumm.
Denn offensichtlich darf die Heimkehrerin Mine den jungen und alten Teil ihrer Familie im ClubCANN begrüßen. Denn mit Stuttgart bilden die heimischen Gefilde der Pop-Künstlerin den Abschluss ihres laut eigenen Aussagen bewegten Jahres.
Unser schweifender Blick richtet sich erneut auf die Bühne. Und dort gehen bereits die Lichter aus. Mine bezieht Position, zurrt ihr Korsett fest und haucht Anker in den ClubCANN. Geradezu stoisch thront die mittlerweile errötete Künstlerin hinter ihrem Piano und dirigiert mit erhobenen Händen ihren Tourtross ins Pusteblumenfeld. Und bereits nach den ersten Minuten tritt die Diktatur des Perfektionismus durch alle Poren Mines. Hier stimmt nicht nur jeder Einsatz, jede Note. Jede Bewegung, jede vermeintliche Zote. Hier wirkt all dies minutiös einstudiert.

Talk nerdy to me.
Und so sät die Wahl-Mainzerin ihren deutschsprachigen Pop mit vermeintlich impulsiven Bewegungs-Eruptionen in das Publikum. Und erntet andächtige Stille. Denn die Hörerschaft scheint die mustergültig intonierte und mit Songs wie Raus raus raus, Kann sie es tragen und Blätter musikalisch anspruchsvolle Show aufzusaugen wie ein nach Blut dürstender Vampir. Zwei Jahre ist Mine bereits mit ihrem treuen Stamm an Musikern unterwegs. Die gewonnene Erfahrung spielt das Kollektiv gekonnt aus. Allen voran Sebastian Kraus, der Akkordeon und Schlagzeug gar gleichzeitig bedient, sorgt als Ruhepol der Truppe für die Balance zwischen Genres und Tempi gleichermaßen.

Dieser professionelle Unterbau ist es auch, der Mine dazu befähigt ihre Grenzen auszutesten. So driftet das Set von Elektronik zu Hip Hop, von Folk zu Jazz und zurück. Mit dieser zweifelsohne massentauglichen Mischung und herrlich ehrlichen Ansagen hat die Popakademie-Absolventin die Sympathien des Abends auf ihrer Seite. Die sie mit einem in Stuttgart gut bekannten Gast sogleich exorbitant steigert. Denn für Wasserburgen bittet sie Bartek von Die Orsons auf die Bühne, mit dem sie ihr Feature auf deren Platte What's Goes zum Besten gibt. Der Applaus tönt besonders laut und mit Der Mond lacht über uns verabschiedet sich Mine in die Zugabe.

Anleitung zum Ausbrechen.
Mit dem Jan Delay Cover B-Seite und Mein Freund entlässt uns die Künstlerin schließlich in das, was wir unser Leben nennen. Und genau jetzt, wo sie sich vor Grinsen kaum halten kann, schält sich des Pudels fauliger Kern aus dem Dargebotenen. Denn Mines Kunst schlägt dort am stärksten ein, wo sie unverfälscht, unversteckt und unverhüllt zu Werke geht. Also genau dann, wenn sie den klammernden 4/4 Takt verlässt, in einem Anfall von purer Freude ihre makellos sitzende Frisur zerzaust, und lediglich ihrer Intuition folgt. Und hernach den Schleier des Selbstbilds auf den Boden der Tatsachen wirft. Wo sich schlussendlich auch die Notwendigkeit der Streicher in Luft auflöst.

Text:
Michael Maria Morgenbesser
Geschrieben am
23. Dezember 2015
MINE
singer songwriter, pop, folk, jazz, hiphop
Haller
martin haller, Indie, max giesinger, german, alternative