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Motorama, Transfigure und Burning Pyre im Komma
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Motorama, Transfigure und Burning Pyre im Komma

Drei Mal Cold-Wave, drei Mal Faszination Konzertbesuch.

Was gibt es Schöneres, als an einem lauen Samstagabend ins malerische Esslingen zu fahren, um melancholischen, dafür aber sehr tanzbaren Synthie-Klängen beizuwohnen? Diese Möglichkeit habe ich am Samstag ziemlich spontan wahrgenommen, nachdem mich ein Freund, den ich ohnehin nur selten zu Gesicht bekomme, an das Motorama-Konzert im Komma erinnert hatte. Die Entscheidung war bei der Fülle an Veranstaltungen an diesem Abend nicht leicht – immerhin wäre im Club Zentral auch noch die Blues Rock Night gewesen – doch angesichts der Tatsache, dass ich es davor nie ins Komma geschafft hatte und ich Motorama auch nur vom Namen her kannte, beschloss ich, den Plan in die Tat umzusetzen.

Dort angekommen, mussten wir erst mal erfahren, dass eine der Bands mit drei Stunden Zugverspätung erst vor fünf Minuten mit dem Taxi angekommen war und sich alles um eine halbe Stunde verzögern würde. Also war noch genug Zeit für eine schnelle Pizza in der Kultkneipe fünfbisneun gleich nebenan.

Beim Essen (bzw. in unserem Fall dann eher Schlingen) setzten auch schon die ersten wummernden Klänge des ersten Acts ein. Die Ambient-One-Man-Show Burning Pyre aus Newcastle, bestehend aus Chris Mac Owen, schaukelte das Publikum mit hypnotischen Soundscapes ein, die hin und wieder von dröhnenden Bässen unterbrochen wurden. Die hat das Soundsystem am Ende nicht so leicht verkraftet, weswegen das Ganze am Schluss eher an Noise erinnerte. Die Musik ging hier wortwörtlich ins Blut, denn bei jedem Bass vibrierten die Körper mit. Ein ziemlich krasses Gefühl.

Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit Transfigure. Die ebenfalls aus Newcastle stammende dreiköpfige Band heizte mit treibenden Euro-Wave-Beats und der durchdringenden Stimme von Frontfrau Grace Blamire ordentlich ein und das Publikum, das vom Voract noch immer nicht ganz überzeugt schien, taute nach spätestens zwei Songs richtig auf. Der Applaus steigerte sich von Song zu Song und am Ende hätte es fast eine Zugabe gegeben. Überzeugt hat mich vor allem die Bühnenperformance und die Selbstsicherheit von Grace, die in ihrem roten Lackrock und schwarzen Tüll-Oberteil, unter dem roter Spitzen-BH durchschimmerte, leicht wie Luft quer über die Bühne tanzte und damit alle mit ihrer Energie angesteckt hat. Transfigure haben seitdem auf jeden Fall einen festen Platz in meinem Wave-Repertoire eingenommen.

Mit großer Erwartung, das eben erlebte noch toppen zu können, begaben wir uns nach einer kurzen Umbaupause wieder in den Saal hinein. Die drei hageren Typen von Motorama aus dem russischen Rostow am Don standen auch schon startklar an ihren minimalistischen Instrumenten: Dem ohnehin schon mager ausgestatteten Schlagzeug (eine Snare, ein Hi-Hat und ein Becken) fehlte die typisch wuchtige Bass-Drum – diese wurde durch eine elektronische Variante ersetzt. Der Bass war auf das wichtigste herunter gebrochen, ohne extravaganten Korpus, die Gitarre war schlicht, schwarz-weiß. Im Grunde wie das gesamte Auftreten der Band. Die Schwarz-Weiß-Montage, die zusätzlich über den Beamer projiziert wurde und überwiegend graue Landschaften zeigte, sorgte zusätzlich für die passende düstere Grundstimmung. Ein Lächeln huscht nur am Ende über die ernsten Gesichter, als das Publikum lauthals nach einer Zugabe verlangte. Ansonsten wirkten sie so kalt wie ihre Klänge, doch gleichzeitig so tanzbar. Am besten beschreiben sie sich eigentlich selbst: icy but not frozen, hypnotic but awake. Es kam selten vor, dass ich bei einem Konzert war, bei dem der komplette Raum, mich eingenommen, durchgehend getanzt hat.

Die drei Cold-Wave Bands haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Eines der mitreißendsten Konzerte seit langem – und für mich auf jeden Fall nicht das letzte im Komma.

Text: Mary Hinzmann

Text:
Geschrieben am
23. Mai 2017
Motorama Motorama
post-punk, new wave, Indie, russian, garage
Transfigure Transfigure
synthpop, minimal synth, minimal wave, seen live, new wave
Byrning Pyre