Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

The Mystery Lights in der Manufaktur

Schroff-schrammig-schrill in Schorndorf, da steht kein mehr Bein still.

20:45 Uhr. Wir entern die Manu. Ein paar Schritte den pfeilförmigen Stempeln auf unseren Handrücken gefolgt finden wir uns wider im Herzen der Manufaktur; Links die Bar, rechts die Bühne, geradeaus Technikpult und Merchandise und nach oben hinaus viel Klangraum. Alles, was im Laufe des Abends also an Bedeutung gewinnen könnte, ist abgespeichert. Der Pfeil führt uns im Slalom um eine zersprengte Schar, die angeregt über dies und das tratschen und merklich Vorfreude in sich trägt. Wir bequemen uns indes an die Front.

Nach einer kurz gefassten Übergangsmusik betreten 4 Typen die Bühne. Der mit den langen, blonden Haaren und dem Jünglings-Gesicht nimmt seinen Platz an den Drums ein, der Mann mit dem knallig blauen Pulli, den schulterlangen Haaren und dem irre cool daher schlängelnden, pinkenen Verstärkerkabel an der 5-eckigen Gitarre bequemt sich an ebendiese, rechterhand sein vermeintlich großer Frisuren-Bruder am Bass, dessen Gesicht sich die Folgezeit kaum merklich an Mimik bedienen wird und natürlich - tadaaa - der seltsam attraktive, schwarz gekleidete Sänger mit dem kantigen Kinn und dem klugen, dann wieder sehr freundlichen Blick als Dreh- und Angelpunkt der Crew. The Mystery Lights sehen gesitteter aus, als sie klingen. Nach einem kurzen Jam folgt „Intro“. Ein wundervoller Sound wird in den Raum geschleudert, der einen in verqualmte Kneipen der 60er einlädt. In New York, klar. Rock’n’Roll, Garage-Surf-Psychedelic Rock.

Sänger Mike Brandon paart musikalische Kinnhaken, geladene Kreisch-Laute und extravagante Kicks, während die Drums ein stetes, augenscheinlich simples Grundgerüst formen, der Bass-Mann seine Bass-Läufe mit rennenden Fingern darauf moduliert und der Blaue sich in sein virtuoses Gitarrenspiel zurückzieht. Der Sound erinnert mich an eine Mischung aus Allah-Las, Wolf Mother, Portugal. the Man und dem Soundtrack von Kill Bill. Beim Versuch, mir einen menschgewordenen Fixpunkt auf der Bühne zu suchen, fühle ich mich in Kindertage versetzt, als meine Mutter mir und meinen Geschwistern mit Nachdruck zusicherte, sie habe uns alle gleich lieb. 

Schroff, schrammig und schrill geht es im Zappel-Phillip-Modus Schlag auf Schlag weiter, ab und an unterbrochen von kurzer Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Es werden alle Knaller vom 2016er Debütalbum gezündet: „Too Many Girls“ über „Follow Me Home“, „Melt“ und „What Happens When You Turn the Devil Down“. Darüber hinaus geben die vier Boyz ein paar bittersüße Kostproben vom neuen Album, mit dem sie hoffentlich schon bald wieder im Stuttgarter Kessel vorbeischauen. 

Das Schlusslicht der Show wird durch einen abruptes Ende markiert. Doch wie das eben so ist werden nach einem kurzen Abgang weitere Zugaben gespielt. Der Amerikaner nennt das Encore.
Gerissene Saite, Gitarrenwechsel, im Publikum wird sogar gepogt, "Too Many Girls“ ein weiteres Mal gespielt und um 22:10 Uhr die Fluchtpunkte des Raumes aufgesucht - Toilette, Bar und Merchandise. 

Danke für einen schönen Abend und die Ohrwürmer auf dem Weg nach Hause!

Wer sich dafür interessiert, was die nächste Zeit noch in Stuttgart musiktechnisch geht, kann sich fortan über die Kulturpegel-Spotify-Monatsvorschau-Playlist informieren:

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
16. Februar 2017
The Mystery Lights The Mystery Lights
garage rock, psychedelic, psychedelic rock, seen live, rock