Kulturpegel

 
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New Fall Festival 2017: Alice Phoebe Lou

Klangschmelze al forno.

Als Alice Phoebe Lou und ihre beiden internationalen, musikalischen Mitstreiter um halb neun die Bühne des Neuen Schlosses betreten, haben sie vom ersten Song an leichtes Spiel.

Das Stuttgarter Publikum, hat vier Jahre auf ein weiteres Gastspiel der sympathischen Südafrikanerin warten müssen und ist dementsprechend in freudiger Erwartung dessen, was ihnen an diesem Abend geboten werden würde. Ein sehr buntes Publikum hat die Band ins gut besuchte Neue Schloss gezogen - gewissermaßen ein Querschnitt durch alle Altersgruppen an Musikinteressierten, von der Studentin bis hin zum Best Ager, mit alternativ-avantgardistischem Einschlag.

Das konzertante Ambiente im bestuhlten Neuen Schloß kontrastiert dabei ein wenig mit dem eher zurückgenommenen und unverkrampften Habitus der Band und Ihrer Sängerin mit der engelhaften Aura. Man könnte sich ebenso gut vorstellen, dass sie es für gut befunden hätten, wenn das Publikum barfuß und im Halbkreis auf dem Boden sitzend, vor ihnen Platz genommen hätte.

Alle Instrumente, von Könnern unaufdringlich und mit Flair gespielt, verschmelzen an diesem Abend immer wieder zu einer pulsierenden Melange, die gänzlich ohne Effekthascherei auskommt und sich auf das wesentliche fokussiert: Vibes.

Schon bei den ersten Takten von „Grey“ zeigt sich die Ausrichtung und das Wesen dieser Musik und Ihrer Darbietung. Wie eine Antipasti, deuten diese ersten Momente an, was Sache ist und noch kommen mag, ohne alles gleich vorwegzunehmen. Zugegebenermaßen ein merkwürdig anmutender Vergleich für einen Konzertbericht über Alice Phoebe Lou und Band. Wobei diese bei mir aber trotzdem Assoziationen zur italienischen Küche hervorrufen: Einfache, aber gute, frische Zutaten, die mit Liebe und Kenntnis von Hand zubereitet werden. Ok, Matteo Pavlov, der souveräne Drei-Sterne-Koch an Bassgitarre und Synthesizer ist außerdem Italiener. Der auch wie ein Koch oftmals mehrere Dinge parallel erledigt - z.B. analoge Synth und Loop-Schraubereien - während er gleichzeitig den Bass bedient. Multitasking-fähig scheinen alle in der Band zu sein. So auch Ziv Yamin an den Drums, der manchmal nur mit der rechten Hand spielt um die linke Hand noch frei zu haben und damit einen Synth zu bespielen.

Alice Phoebe Lou versteht es vorzüglich Ihre große Stimme in dieses beeindruckende Klangmenü einzubetten, die Instrumente sich miteinander verbinden zu lassen. Immer wieder erzeugt sie dabei herrliche Glissandi mit ihrer Stimme, die perfekt mit ihrer nur mit den Fingern angeschlagenen Begleitung auf der E-Gitarre harmonieren.

Ihr Set an diesem Abend besteht aus bekannten Stücken ihrer noch jungen Karriere, teils vom 2016 erschienenen, selbstfinanzierten Album „Orbit“ aber auch ganz neuen, noch unbekannten Stücken. Die akustische Grundausrichtung wird dabei zumeist um elektronischen Sounds erweitert und mit lebendigen Klangtexturen garniert. Diese Sounds werden dabei von Matteo und Ziv übrigens in Echtzeit generiert und nicht nur stumpf aus dem Sampler angefeuert. Da zirpt und zwitschert es aus dem modularen Analog-Synth, dass es eine wäre Freude ist.

Der Synth wird sogar konsequent ohne Tastatur gespielt, die Klangkurve also von Hand mit dem Drehregler gepitched. Zur Kontrolle der Intonation muss ein Gitarrenstimmgerät herhalten.
Das spricht für das Selbstvertrauen und Selbstverständnis der ganzen Band, so etwas zu machen und haben zu wollen. Einfach weil es geil ist. Und das spürt man auch als Zuhörer bei Alice Phoebe Lou - sie macht das weil sie das geil findet. Und weil sie es einfach auch kann. Tolle Musikerin mit großartiger Band. So kommt beim Stück „Ocean“ natürlich ein richtiges Metallophon, eine Art Mini-Vibraphon zum Einsatz, das von Alice gespielt wird, obwohl man diesen Klang natürlich auch aus der Konserve oder von einem Synth hätte abspielen lassen können.

Unbedingt erwähnt werden muss natürlich auch die herausragend gute Mikrofonarbeit von Alice, mit der sie große Tiefe und Dynamik zu erzeugen weiß. Was sich gerade auch bei zwei Stücken zeigt, die sie ohne Begleitung durch ihre Band, also solo, bestreitet. Zum Beispiel beim einzigartig schön vorgetragenen „She“.

Die in Berlin lebende Sängerin beweist mit ihrem fabulösen Auftritt, dass es keine Effekte braucht, wenn das ganze wie ein organisch geschlossener Mikrokosmos daherkommt und die Grundzutaten einen stimmigen Kern bilden. Das Vertrauen in diese Basics hat sie sich auf den Straßen Amsterdams, Berlins und überall wo sie als Straßenmusikerin unterwegs war, geholt und damit auch ein Formbewusstsein für einfache, stimmige Songs, die immer nach ihr klingen. Und mit denen rockt sie an diesem Abend das Neue Schloss.

Ebenfalls eine Erwähnung wert sind dabei auch die sehr sympathischen und authentischen Ansagen von Alice zwischen den Liedern mit denen sie den Zuhörern teilweise Einblicke in den Entstehungsprozess und zum textlichen Hintergrund mancher Songs gewährt.

Bevor am 1. Dezember ihr neues Soloalbum mit neun Stücken, bei denen Alice an Klavier, Gitarre und Gesang und weiteren Instrumenten zu hören sein wird, spielt die Band noch 2 Konzerte in London und im Berliner Funkhaus. Also mit Stuttgart ein kleiner 3 Konzerte Block, für den laut Matteo, mit dem ich noch nach Konzertende Gelegenheit hatte, kurz zu sprechen, überhaupt nicht geprobt werden musste, weil die Band so gut eingespielt ist. Und noch in diesem Dezember sollen dann auch die Aufnahmen zum neuen Bandalbum von Alice Phoebe Lou starten. Für Nachschub ist also gesorgt und man darf diesem Release jetzt schon gespannt entgegen fiebern.

Kurz vor Ende des Konzertes teilt Alice dem hingerissenen Publikum mit, dass jetzt die beiden letzten Songs gespielt werden und sie es jetzt irgendwie unpassend fände, wenn sie schon nach dem ersten Stück von der Bühne ginge, um sich durch Klatschen zurückholen zu lassen und sie dieses „Zugaben“ -Ding irgendwie eh seltsam findet.

Dabei ist keinerlei Arroganz im Spiel, im Gegenteil. Sie ist einfach sie selbst und meint das nett und informativ und hat das Publikum damit sofort auf Ihrer Seite. Das anschließende „Walking in the garden“ ist schon alleine wegen des freien, quasi als Duett daherkommenden Zusammenspiels von Matteos halsbrecherischen, elektronischen Synth-Melodien und Alices’ Gesangspart dazu, ein Höhepunkt der Show.

Als mit „New song“ diese letzten beiden Songs gespielt sind, endet ein wunderbarer und inspirierender Konzertabend, nach dem die Band zu recht frenetisch beklatscht und mit stehenden Ovationen verabschiedet wird.

Text: Mike Rilling

Text:
Geschrieben am
18. November 2017
Alice Phoebe Lou Alice Phoebe Lou
acoustic, blues, singer-songwriter, seen live