Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

New Fall Festival 2017: Anna Ternheim

When the train is running, don’t you stop the train, Anna!

Anna Ternheim und ihr multi-instrumentaler Mitstreiter Martin Hederos, einst Mitglied der stilbildenden und 2012 aufgelösten Schwedischen Rockband „The Soundtrack Of Our Lives", sind feine Musiker, überhaupt keine Frage.

Im ausverkauften Neuen Schloss liefert das Duo, das oft nach viel mehr klang, als nach nur zwei Musikern, genau das wofür die Zuschauer hergekommen sind: Perfekten, intimen Sound bei dem akustische und elektronische Instrumente eine homogene Beziehung bilden, optimal den klaren und präzisen Gesang Anna Ternheims herausstellend. Die beiden Ausnahmemusiker unternehmen auf dieser Herbst-/Wintertour eine musikalische Reise durch alle sechs Studio-Alben der in LA lebenden Schwedin mit der anmutigen Stimme. Wobei das vor wenigen Tagen erschienene neue Album „All The Way To Rio“ natürlich an diesem Abend ebenfalls Einzug in die Setlist hält und mit vier Stücken differenziert ausgeleuchtet wird.

Die Duo-Besetzung, bei der vor allem Martin Heteros an verschiedenen Tasteninstrumenten und an der Geige glänzt, passt recht gut zum barocken Charakter des bestuhlten Neuen Schlosses. Teilweise werden an Soundtracks erinnernde Klangtexturen dargeboten, die mit nordischer Coolness und Perfektion umgesetzt werden. Diese Präzision in der musikalischen Leistung wird vom Publikum mit viel Applaus zwischen den Liedern goutiert und die sympathische Schwedin nimmt diese Bekundungen des Publikums fast schon gerührt entgegen. Auch schafft sie viel Nähe durch ihre Kommunikation mit dem Publikum, die nie aufgesetzt wirkt, manchmal etwas länger ausfällt und interessante Hintergründe zu einzelnen Songs aufzeigt.

Der gesamte Konzertabend folgt einer durchdachten Dramaturgie, mit festen Spannungsbögen. So erzeugt beispielsweise die die A-capella-Version von „Let It Rain“ vom Hit-Album „Leaving On A Mayday“ durch die gewählte Reduzierung eine neue Spannung, als mit diesem Song der Zugabenteil eingeleitet wird. Manchmal ist allerdings auch viel Schmelz und für meinen Geschmack etwas zu wenig Ungeschliffenheit in der Darbietung an diesem Abend, der trotz Dramaturgie auch einige Längen hatte. Perfekt abgestimmte Klangfarben werden hier grandios in Szene gesetzt und dennoch gab es auch Momente, an denen sich der eine oder andere vielleicht auch etwas mehr Abwechslung gewünscht hätte. Manches wirkt an diesem Abend vorhersehbar, selbst wenn man einige ihrer Stück noch nicht so gut kennt.

Tatsächlich passiert beim vierten Song des Abends, „The Longer The Waiting The Sweeter The Kiss“ vom Album „The Night Visitor“, dann aber doch etwas Unvorhersehbares. Anna hat sich die falsche Gitarre für das Stück um den Hals gehängt, deren Tuning viel zu hoch ist. Das bemerkt sie aber erst während sie bereits begonnen hat die Strophe des Stückes zu singen. Sie entscheidet sich dann abzubrechen und es nochmal mit der passenderen Klampfe zu versuchen. Nicht ohne die Zuhörer wissen zu lassen, dass das jetzt eigentlich nicht so toll war von ihr und auch konträr zu dem stünde, was ihr ein befreundeter Musiker aus Nashville geraten hätte:
„When the train is running, don’t you stop the train, Anna!“

Das wäre spannend gewesen, zu sehen was mit dem Song passiert, wenn sie das Ding mit der zu hoch gestimmten Gitarre durchgezogen und somit dem Unvorhersehbaren das Kommando überlassen hätte. Das kann aber keine wirkliche Kritik sein, an einer Performance, die insgesamt großartig war, so dass die beiden Skandinavier vom Stuttgarter Publikum mit Ovationen und reichlich Applaus in die kalte Nacht entlassen werden.

Text: Mike Rilling

Text:
Geschrieben am
23. November 2017
Anna Ternheim Anna Ternheim
singer-songwriter, swedish, female vocalists, seen live, Indie