Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

New Fall Festival 2017: Austra & tUnE-yArDs

Zweigleisig unterwegs.

Welch ein Schmuckstück sich da in Bad Cannstatt verbirgt, das wir bisher noch nicht kannten. Die Stuttgarter Straßenbahnwelt – eigentlich ein Museum der Stuttgarter Straßenbahnen AG – eignet sich, wie sich am Freitagabend beim New Fall Festival feststellen ließ, hervorragend als Konzert-Venue.
Die alte Fabrikhalle des stillgelegten Depots mit historischen Waggons und Ausstellungsstücken bietet ein passend alternatives Ambiente für die zwei heutigen Bands. Die Fläche hätte noch weit mehr Besucher aufnehmen können, aber so soll eben das Gefühl eines exquisiten Konzerts für echte Musikfans – nicht Musiktouristen verstärkt werden.

tUnE-yArDs
Das erste, das beim Auftritt von tUnE-yArDs ins Bewusstsein dringt, ist die kraftvolle Stimme der Bandgründerin Merill Garbus. Diese ist so durchdringend, dass man sich fragt, woher dieses Volumen kommt. Mit ihrer kleinen Statur, ihrem zersausten Lockenkopf und dem schlabbrigen Wollpulli wirkt Merill Garbus eher unscheinbar.
Die amerikanischen tUnE-yArDs – im Kern ein Zweiergespann – haben sich heute Verstärkung am Schlagzeug geholt. Die immer wieder geloopte, nachhallende Stimme, Bass und Drums bilden eine gut aufeinander abgestimmte Kombination und wirken weit weniger zusammengebastelt, als noch auf den ersten Alben. Durch die Instrumentierung hat der Liveauftritt mehr Indie-Pop als erwartet. Aber zwischendurch – wenn Garbus an ihren Knöpfchen dreht, live sampled und Perkussion und Ukulele zum Einsatz kommen – wird es wieder einiges experimenteller, elektronischer und die afrikanischen Einflüssen deutlich. Dem ein oder anderen mag der Hang zum Spirituellen zu viel sein.

Austra
Die vorangehende Beschreibung der Festivalmacher „süß, verträumt und entzückend“ trifft ganz gut auf die Sängerin Katie Austra Stelmanis zu. Künstlerisch und verspielt darbietend nimmt sie die ganze Bühne ein und wirkt – im Gegensatz zu manchen ihrer Bandmitglieder – sehr präsent. Ihre klassisch geschulte Stimme überzeugt – wer hätte es anders erwartet und verbindet sich hochtönend mit tanzbaren Synthie-Pop-Beats.
Bei den Bühnenoutfits ist von Netzoberteil über Ganzkörperanzug bis zu Plateauschuhen und natürlich auffallendes Makeup alles dabei und unterstreicht die ausladende Erscheinung von Austra.
Wer auf Synthie-Pop steht, wird hier bedient. So sieht es wohl auch das Publikum, das sofort ausgelassen und hüpfend mitfeiert. Besonders die alten Lieder des ersten Albums werden bejubelt und zeigen, dass hier eingesessene Fans anwesend sind.
Da wünscht man sich die gehüteten Grenzen des gesitteten Bühnenbereichs verlassen und frei zwischen den Waggons tanzen zu können.
Doch auch so anständig wie es sich für ein Museum gehört, hoffen wir auf weitere Konzerte in der Straßenbahnwelt. Und positiver Nebeneffekt: Bei den Temperaturen spart man sich sogar den Euro für die Garderobe.

Text:
Jelka Ottens
Geschrieben am
21. November 2017
Austra Austra
electronic, female vocalists, experimental, canadian, electronica
tUnE-yArDs tUnE-yArDs
experimental, freak folk, Indie, folk, female vocalists