Kulturpegel

 
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New Fall Festival 2017: Glen Hansard im Beethovensaal

„Wie könnte ein Pop-Festival aussehen, das stilsicher ist und trotzdem aufregend?“ Diese Frage zum Anlass nehmend wurde im Herbst 2011 in Düsseldorf ein Festival in die Wege geleitet, das diese Woche das zweite Jahr in Folge auch Stuttgarter Musikliebhaber:innen beglückt: das New Fall Festival.

Es ist 20 Uhr. Der Beethovensaal wirkt irgendwie unantastbar mit seiner edlen Holzverkleidung, der Parkett-Bestuhlung, Tribüne und Empore; der künstlerische Sichtbeton ist mit Lichtern in Szene gesetzt, die Bühne trägt ein kleines Instrumenten-Wohnzimmer im Herzen. Rund 2.000 Sitzplätze sind offeriert, bleiben heute Abend jedoch zu Teilen unbesetzt. Ein Setting, das sich durch high-end Akustik auszeichnet und ein Hörerlebnis verspricht.

Ein in schwarz gekleideter, attraktiver Musiker mit dem Namen Lasse Matthiessen betritt die Bühne und setzt nicht nur die Saiten seiner Gitarre in Schwingung, sondern sicher auch die Herzenssaiten des ein oder der anderen Besucher:in. # traumallerschwiegermütter (sagt man das heute noch so?)
Gänzlich unaufdringlich und doch sehr präsent, packt Lasse das Publikum und zieht es in seinen Bann in gefühlvoller Singer-Songwriter-Manier. Mit der adretten Ansage, er würde nun - nach den letzten fünf fröhlichen Liedern - mal einen traurigen Song zum Abschluss spielen, rückt die Pause und somit der irische Mainact ein Stückelein näher.

Genius in its simplicity
Eine zu große Bühne, diverse Instrumente, ein Mann und eine Gitarre. Und sein Wort. Glen Hansard präsentiert sich in seiner pursten Form; als Allein-Entertainer, Storyteller, Musiker mit Herz und Wurzeln. Rhythmisch versiert spielt er seine Gitarre mal schroff, mal elegant und träufelt mit seinem [Doblin]-Akzent Fernweh in den Gehörgang.

Nach vier Liedern seines aktuellen Albums "Didn't He Ramble" [VÖ: 2017] dürfen dann auch Bilder von 2012 in allen Farben des Herbsts im Kopf aufblühen: mit „When Your Mind’s Made Up" erfüllt Hansard beinahe meine persönliche Wunschvorstellung, dass doch bitte so viele Stücke aus dem Soundtrack zum Film „Once“ gespielt würden, wie irgendwie in ein Set reinpassen.
Die warmen Erinnerungen an einzelne Szenen in traumhafter Soundkulisse des Films, die da vom Herzstück der Bühne ihren Weg über die Anlage des Beethovensaals zum im Dunklen sitzenden Publikum finden nehmen gefühlt den gesamten Raum ein. Im Laufe des Abends wird in diesem Stil auch noch „Falling Slowly“, „Say It To Me Now“ und „Gold“ kredenzt.

Neben kleinen Mitmach-Einsätzen beglückt Hansard mit Anekdoten über eine bargeldlose Bootstour mit einem Freund, der bei gastfreundlichen Wirten stets Whiskey bestellte und diesen in einem kleinen Ritus anbetete; von seinem „fucking catholic country“ Irland, von Renata, der anziehenden Bardame, die er in New York kennenlernte und mit deren liebesverkümmerten Ex-Mann er ein Lied für selbige schrieb; von der Interdependenz zwischen seinem Herzen und Hirn, von seinen DRUNKLES (den betrunkenen „Onkels"), die sein Vater früher den Winter über beherbergte, der Erkenntnis, dass man nicht alles besitzen muss, was man mag („I like it - I don’t have to have it.“) und der Trick fürs Songwriting: „start with one true line, something about you. The rest will follow.“.
Die Lied gewordenen Anekdoten verleihen den Stücken eine Würze, ohne die der Abend mit Sicherheit anders nachklingen würde - weniger persönlich, weniger nahbar, auch weniger interessant. Hansard präsentiert sich als lebensnaher, bodenständiger, rustikaler, seinen Emotionen nahe stehender und lebensweiser Ästhet mit brillierender Stimmgewalt.

Das 15-Song prächtige Set wird mit 6 Zugaben abgerundet und Hansard entlässt seine Zuhörerschaft mit einem guten Gefühl in die kalte Nachtluft. Und das sollte erst der Anfang des New Fall Festivals sein… ;)

Text:
Bettina Marquardt
Geschrieben am
18. November 2017
Glen Hansard Glen Hansard
singer-songwriter, irish, acoustic, folk, Indie