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New Fall Festival: Grandbrothers
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New Fall Festival: Grandbrothers

Understatement im Schloss

Schön war es, im Neuen Schloss Stuttgart. Es scheint, als habe das New Fall Festival es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, gute Künstler nach Stuttgart zu bringen, nein, sie entführen den Pop-Konzert-Besucher auch in die Spielstätten der sogenannten Hochkultur. Natürlich kann man bei Musikern wie den Grandbrothers nicht wirklich von Pop-Musik sprechen, wäre das doch glatte Untertreibung. Denn was Lukas an der Technik und Erol am Flügel so zum klingen bringen, ist doch weitaus mehr. Und trotzdem bringen die beiden durch ihre mehr als sympathische, schüchterne Art eine Bodenständigkeit ins Neue Schloss, wie es dieser prunkvolle Bau wohl nur ganz selten erlebt hat. Ihre Musik schafft es aber durchaus den Saal mit seinen hohen Decken, Säulen und Stuckverzierungen mehr als auszufüllen.

Ganz im Sinne der hier eigentlich abgehaltenen "Hochkultur" gibt es eine Begrüßung durch einen der Veranstalter und - man staune - das Publikum wird gesiezt. Sehr aufmerksam. Danke. "Gestern", so heißt es, "haben Grandbrothers in einer Kirche gespielt und das Publikum mit 'Liebe Gemeinde' begrüßt. Mal schauen, was sie heute sagen".

Nichts.

Sie fangen direkt an. Blecherne Sounds schallen aus den Boxen. Beide schauen sich an, Erol zählt mit der Hand ein, nickt und der warme, Klavier-lastige Sound der Grandbrothers erfüllt den fast schon aggressiv weißen Saal. Nur sehr spärliche Lichtakzente streuen hinter der Bühne etwas Farbe ein.

Es herrscht viel Kommunikation zwischen den beiden, zumindest bei den ersten Liedern. Erol gibt vor, zählt ein, nickt wenn Lukas mit manchmal sphärischen, manchmal blechernen Ergänzungen einsetzen soll.

Nach drei Liedern gibt es dann eine kurze Erklärung, auch wenn Erol am Piano nicht viel sagen will und Lukas den technischen Teil - das Konstrukt auf und rund um den Flügel - später erläutern möchte. Tut er dann auch und verliert sich - nach eigenen Angaben - dabei zu sehr im Detail. Erol pflichtet ihm bei. Ach, was sind die beiden nett. Man will sofort auf die Bühne und Lukas drücken, ja wirklich, sich neben ihn setzen und dabei lauschen, wie er seine Gerätschaften erklärt. Denn man merkt sofort, dass er mehr erzählen will, dass er stolz darauf ist, was die beiden da auf der Bühne haben. Kann er auch sein. Beide laden das Publikum dann auch ein, nach dem Konzert auf die Bühne zu kommen und sich alles mal anzuschauen und Fragen zu stellen. Diese Einladung nehmen fast alle dankend an und nach dem Konzert bildet sich eine große Traube auf der Bühne, Smartphones werden gezückt und die Gesichter staunend verzogen.

Wie die Grandbrothers selber sagen, steht nicht das Konzept im Vordergrund, sondern die Hörbarkeit der Musik. Es ist keine technische Musik, trotz der ganzen Elektronik die sich da um den analogen Flügel versammelt. Vielmehr sind überwiegend schöne, leichte Melodien zu hören, gespickt mit Electronica, die - wenn überhaupt - vereinzelt an der etwas zu gering ausgestatteten PA scheitert. Kulisse, Musik, Atmosphäre - alles hätte gepasst, um voll und ganz in die Musik einzutauchen, wäre nur der Sound im Neuen Schloss etwas voller gewesen. Die Raumakustik hätte es mit Sicherheit zugelassen.

Gute 1 1/2 Stunden spielen die beiden, liefern die zwei bereits im Vorfeld angekündigten Zugaben und - nach stehenden Ovationen - sogar noch eine dritte. Auch die klappt, entgegen der Befürchtung der Musiker, da der Titel wohl rein technisch etwas gelitten habe. "Ist aber auch egal wenn es nichts wird, wir hatten ein super Jahr", sagt Erol. Hat dann doch funktioniert, perfekt sogar und wir hatten einen super Abend.

Text:
Julian Fischer
Geschrieben am
29. Oktober 2016
Grandbrothers Grandbrothers
germany, electronic, instrumental, piano, chillout