Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

Parov Stelar in der Schleyerhalle

Wofür braucht diese Band eigentlich einen DJ?

Wer nicht wusste, dass Parov Stelar ein Elektro-DJ der 00er-Jahre ist, hätte beim Anblick des Publikums auch vermuten können, dass eine Swing-Big-Band die 30er Jahre an diesem Abend in der Hanns-Martin-Schleyerhalle wieder aufleben lassen will. Die Herren der Schöpfung trugen weiße Hemden, dazu wahlweise eine Fliege oder Hosenträger. Die Damen kamen in schwarzen Abendkleidern mit den passenden Hochsteckfrisuren. Anscheinend hat auch die Elektroswing-Szene ihren Dresscode.

Doch der Schritt hinein transportiert uns ins Hier und Jetzt: Eine Multifunktions-Halle ohne viel Charme. Die Bühne wirkte verloren ob der Größe der Location, ebenso wie die PA. Um Punkt Neun betrat dann Parov Stelar gemeinsam mit seiner sechsköpfigen Band die Bühne. Das Bühnenbild war, gelinde gesagt, etwas ideenlos. Bei dem doch etwas stolzen Preis für die Eintrittskarten hätte man etwas mehr Kreativität erwarten können. Vom Publikum links aus auf der Bühne stand der Drummer erhöht auf einem kleinen Podest, etwas höher auf der rechten Seite befand sich der Mastermind persönlich, ebenfalls auf einem Podest, umringt von zwei Laptops. An beiden Erhöhungen und im Hintergrund waren Videoleinwände angebracht, die verschiedene Visualisierungen zeigten. Sie waren jedoch leider nicht auf die Musik abgestimmt und halfen auch nicht dabei, eine gewisse Atmosphäre zu schaffen. Was da alles genau gezeigt und warum genau diese Visuals ausgesucht wurden, wird wohl für immer das Geheimnis des Künstlers bleiben.

Musikalisch war die Linie aber dann doch recht deutlich: Swing, Swing, Swing. Wie der Name der Tour bereits verrät, The Demon Diaries, wurde hauptsächlich das neue Album promotet, was vom Publikum auch dankend entgegen genommen wurde. Ab dem ersten Ton tanzte fast die gesamte Schleyer-Halle. Dass dies bis zum Ende so blieb, ist nicht zuletzt der Verdienst der Band, die wirklich einen guten Job machte. Allen voran die Bläser-Fraktion, die wohl am prägendsten für diese Art von Musik ist. In fast jedem Lied spielen sie die Hauptrolle, gleichzeitig haben sie Platz zum improvisieren und verleihen somit der ganzen Sache die Berechtigung, ein Live-Konzert zu sein. Und gerade deswegen drängte sich Song für Song die Frage auf, welcher Aufgabe der Mastermind Parov Stelar auf der Bühne denn eigentlich nachkommt. Die Band erzeugte einen Großteil des Sounds, für die Vocals hatte er eine Sängerin dabei. Nur ganz selten hörte man Samples, die wohl von seinem Laptop kamen. Hätte er noch einen Musiker mehr dabei, der dann entweder Bass oder Gitarre durchgängig spielt, dann wäre kein DJ mehr vonnöten. Vielleicht wäre er dann der Dirigent, ganz im Sinne der klassischen Musik. Als Komponist würde er die Musik entwerfen, die dann von seiner Band umgesetzt wird. Back to the roots, sozusagen.

Neben Songs der unlängst veröffentlichten Demon Diaries wurden jedoch die großen Hits der Vorgängeralben am meisten gefeiert: Catgroove, Booty Swing, was direkt als zweites Lied gespielt wurde und All Night Long, als letzter Song des regulären Sets, bekamen den größten Beifall. Danach wurden die Songs etwas flacher, dementsprechend auch die Publikumsreaktion, wollte es doch vor allem eins: Tanzen. Deshalb wirkte auch die Ansage in Zusammenhang mit den Ereignissen in Paris etwas halbherzig, ja fast deplatziert: A lot of crazy things are happening. We want to bring you some love, worauf I need L.O.V.E. angestimmt wurde. Als letztes Lied der Zugabe kam dann Libella, was nach einem kurzen Break als Remix daher kam und stark an den Sound von Modeselektor erinnerte. Eine willkommene Abwechslung, die eigentlich Lust auf mehr machte und zeigte, was Mr. Electroswing noch so kann.

Nach knapp 1 1/2 Stunden war die Swingerei dann auch schon vorbei. Es gab eine Zugabe, die Forderung nach der zweiten wurde direkt im Ansatz erstickt und das Abbau-Team begann mit seiner Arbeit. Man spürte, dass das Publikum nicht zu 100% zufrieden war. Es gab wenig Interaktion zwischen Band und Publikum. Wie bei großen Shows leider so oft üblich, wirkte alles sehr durchgeplant und ohne Platz für Spontaneität. Insgesamt würde die ganze Show bestimmt besser in einer kleineren Location funktionieren, da die großen Hallen so einem Abend etwas die Atmosphäre klauen.

Text:
Julian Fischer
Geschrieben am
06. Dezember 2015
Parov Stelar Parov Stelar
nu-jazz, downtempo, electronic, lounge, jazz