Kulturpegel

 
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Pirate Satellite Festival 2015

Der Kutter schippert dieses Jahr durch niedrige Wogen immerwährender Power Chords. Und tut sich damit auf hoher See keinen Gefallen.

Meerjungfrauen, Haie, Anker und andere Leitmotive stehen musikalisch in Stuttgart nur für eins: Das Pirate Satellite Festival. Und so sehr ich diese Symbolik liebe: So einfach wie sie ist, so schlicht und ergreifend unspektakulär war das Line-Up 2015.

Punkrock, ja klar. Aber fast ausschließlich? Während uns The Hotelier aus dem amerikanischen Worchester noch mit fast schon romantischer Ausarbeitung ihres Genres überraschen, wagen die ersten schon am weiteren Verlauf zu zweifeln.

Was für abgedrehte Menschen aus Stuttgart auf den ersten Blick nach den Laserboys aussieht, ist in Wirklichkeit klassischer Funpunk von Masked Intruder. Ein bisschen Weezer hier, ein bisschen Me First And The Gimme Gimmes da und fertig sind fünf besturmhaubte Typen, die sich locker flockig einen abrocken. Zwischen ihnen: Ein erst kritisch dreinblickender Cop, der nach dreißig Minuten und jeder Menge neuen Freunden im Publikum nur noch mit Schlagstock und Unterbuchse bewaffnet über die Bühne heizt.

Etwas verschwurbelter und leidenschaftlicher wird es mit Joyce Manor. Aber hier sind es nur noch Feinheiten, die zwischen den Zeilen der ewigen Powerchords des US-Punkrock, der uns heute permanent geboten wird, zu hören sind.

Während wir uns noch auf die gestern in Wiesbaden vermisste The Smith Street Band freuen, gibt es eine kurzfristige Änderung, die leider ungeschickt kommuniziert viele spätere Besucher enttäuschen wird: Make Do And Mend! Schönerweise entgleisen diese dafür kurzerhand von der bisherigen Punkrock-Schiene. Eine Spur härter und vor allem gerade raus präsentieren sich die Jungs aus den Staaten vor dem immer enger stehenden Publikum im LKA.

Teenage Bottlerocket sind anschließend wieder zu vorhersehbar - der beste Moment für einen längeren Fußmarsch zum nächsten Pizzabäcker. Kulinarisch ist das Pirate Satellite im Vergleich zum letzten Jahr - nämlich mit nur einem Maultaschenstand - eher dürftig ausgerüstet. Der nach hinten offene Innenbereich, der 2014 noch kreative Küche und Merch zu bieten hatte, wurde komplett nach innen bzw. vor das LKA verlegt.

Vom Folk getragen werden schließlich The Smith Street Band aus Down Under. Nach einem Aufschrei gegen den Erbauer ihres deutschen Kraftfahrzeugs, der ihnen heute die erneute Verspätung einbrachte, machen sie vor allem pärchenverträglichen Punkrock.

Ganz anders verläuft es dann endlich mal wieder mit Pascow. Ein riesiger Mosh bildet sich aus den ersten Reihe und alle weiteren dahinter verkleben zu einer festen Wand, die kaum mehr Bewegung zulässt. Unter dem Motto "Diene der Party!" gibt es nach Make Do And Mend heute zum zweiten Mal anständig aufs Maul. Die eigentlich altbewährten Samiam im Anschluss verhalten sich im Vergleich dazu eher unauffällig.

Ein ganzer Tag voller Punkrock, der nur in geringster Weise tatsächlich unterscheidet, nagt an vielen Besuchern. Bereits zum vorletzten Act entscheiden sich viele lieber für die letzte Bahn nach Hause, als sich noch eine letzte Band anzusehen, die erst auf 23:10 Uhr angesetzt ist.

Aber am Ende des einzigen Festivaltages stehen in erster Linie Turbostaat-Fans vor der Piratenbühne und feiern die Band schon dafür, dass sie ihren Kram selbst auf de Bühne hieven. Wie Pascow stehen sie nur am Festivaltag in Stuttgart auf der Bühne und sind begeistert von der Textsicherheit des Publikums. Ein "Husuuum!" jagt ein "Voran, voran!" jagt ein "Immerfort!". Man hat platztechnisch gesehen fast das Gefühl, dass tatsächlich nur ein Bruchteil der gesamten Besucheranzahl für diesen letzten Auftritt geblieben ist. Aber es lohnt sich und alle grölen gemeinsam im Chor.

Nach einem wirklich langen Tag, der mir kaum Entdeckungen oder spannende Konzerte gegeben hat, wie ich es eigentlich von einem Festival erwarten würde, klingelt das ewige Geschrubbel der Masse an US-Punkrockbands noch immer in meinem Hinterkopf. Und obwohl Masked Intruders für eine optische und Make Do And Mend für eine musikalische Abwechslung gesorgt haben, bin ich mir sicher: In einer anderen Stadt ohne Turbostaat und Pascow hätte es mich nicht in die Fänge der Meerjungfrau verschlagen.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
10. Mai 2015
Turbostaat Turbostaat
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Pascow
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Samiam
emo, punk rock, punk, Indie, rock
Make Do And Mend Make Do And Mend
melodic hardcore, post-hardcore, punk rock, hardcore, punk
The Smith Street Band
folk punk, in concert, punk rock, punk, folk rock
Joyce Manor Joyce Manor
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Masked INtruder Masked INtruder
pop punk, punk rock, punk, pop-punk, american
The Hotelier The Hotelier
emo, pop punk, indie rock, midwest emo, Indie