Kulturpegel

 
Konzertberichte in Wort und Bild
 
 

PLAY LIVE Finale 2015

Van Holzen aus Ulm machen es. Erster Platz, Southside Festival - so schnell kann's gehen.

Ein Finale, das kaum mehr Herzschlag vertragen kann.
Schon bei betreten des liebevoll sanierten Scala Theaters geht einem das Herz auf. Seit über 50 Jahren reiht sich hier samtroter Kinosessel an samtroten Kinosessel und lädt stilvoll zur Vorstellung. Kein Wunder, wandert so manch wehmütiger Blick der 350 Besucher über die beiseite geschobenen Stuhlreihen im hinteren Saalbereich.

Ebenfalls cineastisch wie das komplette Ambiente in der Venue präsentieren sich die ersten Finalisten The Andean Wolf aus Stuttgart. Rührende Augenblicke zwischen Nebelschwaden, punktuell eingesetzten Drums, zarten Klavierklängen und der Stimme des Sängers Hagen Wagner, die wundervoller kaum sein kann. Er haucht und leidet und berührt uns mit seinen zarten Zeilen, während das Publikum ihm bereits nach dem ersten Titel verfällt. Obwohl sie erst seit ungefähr einem Jahr gemeinsam Musik machen, klingt jedes Stück perfekt inszeniert. Kein Wunder, dass The Andean Wolf am Ende den zweiten Platz und den Publikumspreis ihr Eigen nennen können.

Ich will dein Erdbeershake sein!
Pretty in pink geben sich im Anschluss Grob aus Mannheim. Neben der abgedrehten NDW-Synthie-Show gibt es zu Beginn einen Sprung aus einer frisch umdekorierten Dixie-Toilette aller drei Bandmitglieder und passend zum Titel namens "Erdbeershake" wird aus Erdbeeren, Milch und Rohrzucker eine fruchtige Erfrischung kredenzt. Obendrauf versprühen Grob blumigen Erdbeerduft im Scala und machen sich trotz sperrigen Texten über Party-Extase ("Horst"), Monogamie oder Hundephobie ("Bellowitsch") auch im Süden neue Freunde. Klingt seltsam? Gar nicht:

Lass scheppern!
Ebenfalls aus Mannheim starten mit der Nummer Drei Valénte mit einem drastisch ansteigenden Gesangsniveau. Irgendwo zwischen heavy Riffs und psychedelisch angehauchtem Artrock tänzelt Marian Nicolas Feistritzer mit dem Mikro in der Hand über die Bühne. Musikalisch vielleicht ein bisschen zu viel von Placebo, füllt das dramatisch arrangierte Programm eine weitere halbe Stunde den Saal mit fast fühlbaren Klängen. Unpassend kommen dabei leider die englischen Ansagen der Band daher, die zwar ihre wahrhaftige Internationalität betonen dürften, sich aber beim besten Willen nicht authentisch anfühlen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte sich die Jury langsam unwohl fühlen. Bestehend aus Iris Bernotat von Focusion Promotion, Dietmar Schwenger von der MusikWoche und Magnus Textor von Sony / Columbia, haben sie heute wohl die schwerste Aufgabe: den letztendlichen Sieger zu bestimmen. Nach den hochwertigen, ersten drei Newcomer-Acts folgt noch ein weiterer hoffnungsvoller Kandidat.

Van Holzen takes it all.
Dieses fette Brett, dass gesanglich einen Hauch zu sehr in Richtung Heisskalt drängt, kommt aus Ulm und tut genau das, was man von ihnen als "überraschend jung" gebrandmarkte Band erwartet: Jung sein und ihre Instrumente beherrschen. Zwar keine Innovation, aber eine klare Orientierung verhelfen Florian, Jonas und Daniel am Ende des Abends zum ersten Platz beim landesweiten Bandförderpreis PLAY LIVE 2015 und einem Gig beim Southside im nächsten Jahr. Mittags, klar. Nach 22 Uhr geht aktuell jugendschutzmäßig nichts mehr.

Kleines Bonbon, vor allem für die Gäste aus Stuttgart, war der Special Guest und Vorjahressieger Antiheld. Nochmal ordentlich die Hütte abreißen, denken sich Luca und seine Crew wohl, als sie uns die Wartezeit auf die Siegerehrung verkürzen. Von der Unsicherheit, mit der sich die Jungs letztes Jahr um die gleiche Zeit herumschlagen mussten, ist in diesem Moment keine Spur mehr übrig. Anders als in ihrer Mitgrölhymne an Stuttgarts Clubinstitution geht es danach noch in die Rockfabrik, um den Abend gebührend zu verabschieden. Gute Sache, dieses PLAY LIVE. Und sehr zu empfehlen, nicht nur, wenn man seine Abende gern kurzweilig gestaltet, sondern in bester Stimmung für den vielleicht vielversprechendsten Bandnachwuchs des Landes ist.

Text:
Amelie Köppl
Geschrieben am
20. Dezember 2015
The Andean Wolf The Andean Wolf
GROB GROB
jegor letow, letov, black metal, existential punk, russian rock
Valénte Valénte
Van Holzen Van Holzen